Wie viele von uns, mag ich das Fiebermessen seit meiner Jugend.
In der Coronazeit, als allenthalben Fieber gemessen wurde, mit meist modernen Thermometern und an (für uns unerotischen) Stellen, habe ich mich eingehend mit diesem Thema beschäftigt. Es gibt ja eine Fülle von Fundstellen im Netz, mit allen möglichen Anweisungen. Ich ziehe aber auch alte Lehrbücher zur Krankenpflege hinzu und, siehe da, da finden sich andere Anweisungen zum Fiebermessen als in unserer neuen Zeit! So berichte ich nun von meinen Erkenntnissen.
Ich erinnere mich an einen Krankenhausaufenthalt vor über 4 Jahrzehnten. Damals wurde ganz selbstverständlich das Fieber mit einem klassischen Quecksilberthermometer und rektal gemessen. Eine sehr erfahrene Krankenschwester hat mir damals erklärt: „Gemessen wird nach der Regel 6 + 5. Das heißt, das Thermometer wird 6 cm tief eingeführt und die Messzeit beträgt 5 Minuten. Nur dann ist die korrekte Kerntemperatur ermittelt.“ (Dies habe ich schon öfters in anderen Beiträgen geschildert).
Wie es scheint, sind diese, damals allgemein gültigen, Erkenntnisse ziemlich verloren gegangen. Denn in vielen Artikeln (Internet, Bücher, Zeitschriften) stehen heute völlig abweichende Werte, z.B. Einführtiefe 1-2 cm, Messzeit 2 Minuten, Elektronische Thermometer mit 10 Sekunden (!) Messzeit, Infrarot-Thermometer usw. Es gibt aber auch vereinzelte Ausarbeitungen , die mit den Erfahrungen der oben zitierten Krankenschwester korrelieren. Ich zitiere in kurzen Auszügen (nicht genau wortgetreu) aus einer Dissertaion von 2012:
"Die rektale Messung stellte unter den Temperaturmessverfahren lange Zeit den Goldstandard dar, welcher sowohl im Klinikalltag, wie auch im häuslichen Gebrauch, teilweise sogar in der Forschung verwendet wurde. Sie bietet die höchste Genauigkeit im Vergleich zum Infrarotohrthermometer, zur axillären Messung, und anderen nicht-invasiven Methoden und korreliert sehr gut mit der Pulmonal-Arterien-Temperatur.
Hinsichtlich der rektalen Temperaturmessung ist bedeutsam, dass das Messergebnis erheblich von der Einschubtiefe des Thermometers abhängt. Der Grund für diesen Umstand liegt in einer Vielzahl von umliegenden Gefäßen und einem Venenplexus im distalen Rektum. Ein Diagramm verdeutlicht, dass alleine durch die Einschubtiefe schon signifikant unterschiedliche Temperaturwerte herauskommen. Für einem Erwachsenen betrüge die Temperatur bei 2 cm Tiefe 36,4 °C, bei 5 cm aber 37,3 °C, eine Differenz von 0,9 °C! Erst ab 5 cm Tiefe bleibt der Wert konstant."
Die von der Krankenschwester also genannten 6 cm sind wirklich notwendig. Die 1 cm größere Tiefe begründet sich wohl als „Sicherheitszuschlag“ und resultiert aus der langjährigen Erfahrung. In den oft oberflächlichen Beschreibungen wird die Einschubtiefe mit den „alten“ Glasthermometern meistens mit 2 cm angegeben oder „nur die Spitze“ oder nur so tief, wie das Reservoir der Messflüssigkeit in der Spitze. Meines Erachtens ist die Kenntnis verloren gegangen, dass die Gestaltung dieser Glasthermometer für die Messung bei Säuglingen und Kleinkindern bis zu den Erwachsenen geeignet sein musste. Bei Säuglingen und, in den ersten Jahren, bei Kleinkindern darf wirklich nur die Spitze des Thermometers eingeführt werden, da der Rektumskanal noch sehr kurz ist. Dann misst man in dieser Tiefe auch die richtige Kerntemperatur. Bei Erwachsenen beträgt die Länge des Rektumskanals 8 bis 10 cm. Deshalb beginnt die Zone der sicheren Kerntemperatur erst bei mindestens 5 cm Tiefe, was die oben genannten Erkenntnisse bestätigen.
Beim Suchen im Netz stößt man nach wie vor auf sehr verschiedene Empfehlungen. Das knappste Einführen (von einem Arzt....) sind 2 cm (oder nur die "silberne Spitze") und 2 min Messzeit....
Habe nun selbst nochmals genauer ausprobiert, ob es Unterschiede gibt, wie tief man einführt und wie lange gemessen wir. Dazu wurden 3 Glasthermometer (Thermometer 1, 2, 3) aus meiner Kollektion benutzt, zu 3 verschiedenen Zeiten (8:45, 18:30, 22:00) und einmal 2 cm/2 min dann 6 cm/5 min gemessen. Wie zu erwarten, sind die Glasthermometer sehr präzise und weichen kaum voneinander ab!
Die Temperatur lag bei der tieferen und längeren Messung immer um 0,5° höher, also doch ein signifikanter Unterschied!
Wer im Netz recherchiert, findet auch fachliche medizinische Stellen, die eindeutig darauf verweisen, dass nur die echte Kerntemperatur eine sichere Aussage über die Innenwärme des Körpers gewährleistet! Denn nur diese wird vom Temperatursystem des Menschen geregelt. Alle peripheren Messorte unterliegen äußerlicher Beeinflussung.
Bin nun auf eure Erfahrungen und Meinungen gespannt, denn ich habe doch eine ganze Menge geschrieben....
Jedenfalls wünsche ich uns allen, dass die Lust am (tiefen und langen) Einführen unserer Thermometer (für mich immer noch am schönsten das "alte" aus Glas) haben, nun etwas sicherer in ihrer Einschätzung sind "wie tief, wie lange" und keine Scheu haben, dies auch zu tun!
Berichtet mir mal, bei Gelegenheit, von euren Erfahrungen und Messwerten. Sage euch schon besten Dank dafür!