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Aufrufe: 215 Created: Vor 5 Tage Updated: Vor 5 Tage

Bericht einer Stuhlassistenz über den zahnärztlichen Notdienst

„Ruhig weiteratmen“

Dr. Steedt beugt sich wieder näher über Thorsten, die Stirn in Falten gelegt. Mit der Sonde tastet er routiniert in der geöffneten Kavität. Ein kratzendes Geräusch erfüllt den Raum, metallisch, prüfend. Thorsten zuckt bei jeder Berührung, sein Atem geht stoßweise durch die Nase. Ich beobachte genau die Anzeige des Monitors, obwohl dort nichts ist nur, ein kurzer Fluchtpunkt für meine Konzentration.

„Hm“, macht der Zahnarzt leise. Ein Laut zwischen Nachdenken und Entscheidung. „Wir machen weiter. Da ist noch weiche Substanz.“

Thorsten stößt einen gedämpften Laut aus, der im Mundspreizer hängen zu bleiben scheint. Seine Augen weiten sich. Ich lege meine Hand für einen Moment auf seine Schulter, fest, kontrollierend. „Ruhig weiteratmen“, sage ich ruhig, fast sachlich. „Durch die Nase, gleichmäßig.“

Der Zahnarzt greift zur Turbine. Das Aufheulen durchschneidet die gespannte Stille. Ich sehe, wie Thorsten instinktiv versucht, den Kopf zu drehen, doch die Stütze hält ihn in Position. Der Zahnarzt setzt an. Diesmal langsamer. Präziser. Er arbeitet sich Millimeter für Millimeter vor, konzentriert, unbeirrbar.

Ich sauge das Kühlwasser ab, halte den Spiegel so, dass er freie Sicht hat. Unsere Bewegungen sind eingespielt, wortlos abgestimmt. Wieder berühren sich fast unsere Schultern, wieder diese gespannte Nähe über dem geöffneten Mund unseres Patienten. Unter uns das Vibrieren des Bohrers, und Thorsten der sich im Mittelpunkt des Geschehens befindet und zugleich keinerlei Einfluss hat, auf das was passiert.

Thorsten zuckt, stöhnt, tiefer diesmal. Seine Finger krümmen sich in den Fixierungen. Ein feiner Schweißfilm liegt auf seiner Stirn. „Nicht mehr lange“, sagt der Zahnarzt ruhig, ohne aufzusehen. „Wir sind direkt vor der Pulpa.“ Unser Patient versucht sich zu entziehen. Natürlich vergeblich.

Er stoppt abrupt. Stille. Nur das leise Surren des Absaugers bleibt. Mit der Sonde prüft Dr. Steedt erneut, ein kaum merkliches Nicken. Ich nehme es wahr. Thorsten nicht. Er scheint neben sich zu stehen, wirkt völlig erschöpft.

Ich spüre, wie sich in mir die Spannung löst. Thorsten hingegen scheint noch immer in Erwartung des nächsten Schmerzes gefangen. Seine Augen suchen meine. Für einen Moment halte ich seinen Blick, klar und eindringlich. Ich sage nichts, dass muss er allein ertragen. Es ist die logische Konsequenz. Für die Ignoranz eines Problems und die eigene Vernachlässigung.

Der Zahnarzt legt den Bohrer ab. „Wenn er sich weiter so bewegt, wird es allerdings schwierig.“

Ich weiß was zu tun ist. Ich justiere den Mundspreizer erneut, ein leises Klicken. „Schööön öffnen“, erinnere ich ihn. „Jetzt nicht nachlassen.“

Thorsten atmet schneller. Der Zahnarzt trägt ein Medikament ein, ein scharf riechender Hauch steigt auf. Dann das vorsichtige Einbringen des Materials. Druck entsteht im Zahn, ein dumpfes Gefühl, das Thorsten erneut zusammenzucken lässt.

„Es ist gleich soweit“, wiederholt der Zahnarzt. „Bei diesem Zahn zumindest, stillhalten, es dauert nur länger.“

Für einen Moment scheint die Behandlung innezuhalten. Doch wir wissen alle drei: Dies war nur einer von vielen Zähnen. Und während der Zahnarzt bereits nach dem nächsten Instrument greift, sehe ich, wie Thorstens Blick erneut unruhig wird – ahnend, dass die nächste Herausforderung bereits wartet.

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Norman Vor 5 Tage 1
DrZahnarzt Vor 5 Tage