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Für immer Papas kleines Mädchen

Das ist so peinlich

Besorgt über Aprils zunehmende Bauchschmerzen und ihr hohes Fieber hatte Luke zunächst den Hausarzt angerufen. Nachdem er die Symptome geschildert hatte, insbesondere die Schmerzen, die mittlerweile in den rechten Unterbauch gewandert waren, hatte der Arzt ihm geraten, April sofort in die Notaufnahme zu bringen, um eine Blinddarmentzündung auszuschließen.

Als Luke mit seinem Pick-up auf den Parkplatz der Notaufnahme fuhr, hatte April längst aufgehört, darüber zu diskutieren, ob ein Krankenhausbesuch wirklich notwendig war.

Und genau das beunruhigte ihn mehr als alles andere. Seine Tochter, die stundenlang über die Feinheiten der Molekularbiologie diskutieren konnte und sich einmal zwanzig Minuten lang mit ihm darüber gestritten hatte, wie man einen Geschirrspüler richtig einräumte, saß ungewöhnlich still auf dem Beifahrersitz. Einen Arm hatte sie schützend um ihren Bauch gelegt.

„Alles okay, Kleines?“

April warf ihm einen müden Blick zu.

„Das hast du mich jetzt ungefähr siebzehnmal gefragt.“

„Achtzehnmal, um genau zu sein.“

„Großartig. Jetzt führen wir schon Statistik.“

„Hab ich von der Besten gelernt.“

Sie brachte ein schwaches Lächeln zustande, das jedoch sofort verschwand, als sie ihre Sitzposition veränderte.

Luke bemerkte es augenblicklich.

„Werden die Schmerzen schlimmer?“

„Ein bisschen.“

„Okay. Komm.“

Er stieg aus und eilte um den Wagen herum, um ihr zu helfen.

„Dad, ich kann allein gehen.“

„Hab ich auch nicht behauptet.“

„Du bemutterst mich.“

„Gewöhn dich dran.“

April verdrehte die Augen, nahm aber seine Hand.

Für einen Freitagabend war es in der Notaufnahme erstaunlich ruhig. Nachdem Luke April angemeldet hatte, wurden sie zu einer Reihe von Stühlen in der Nähe des Triagebereichs geschickt. April setzte sich vorsichtig hin, die Knie leicht zusammengepresst und die Arme schützend vor dem Bauch verschränkt. Luke nahm neben ihr Platz und betrachtete seine Umgebung mit unverhohlenem Misstrauen. Krankenhäuser hatten noch nie zu seinen Lieblingsorten gehört.

„April Nardini?“

Eine Krankenschwester erschien in der Tür.

April stand vorsichtig auf.

„Das bin ich.“

„Hallo, April. Ich bin Sarah. Komm mit, dann sehen wir uns mal an, was dir fehlt.“

Luke folgte ihr sofort. Die Krankenschwester lächelte.

„Und Sie sind?“

„Ihr Vater.“

„Alles klar. April, ist es für dich in Ordnung, wenn dein Vater mitkommt?“

April warf Luke einen Blick zu. Er sah beinahe beleidigt aus bei dem Gedanken, dass sie Nein sagen könnte.

„Ja“, antwortete sie. „Ist schon okay.“

„Wunderbar. Dann kommt bitte mit.“

Der Untersuchungsraum war klein und enthielt eine Untersuchungsliege, einen Stuhl und verschiedene medizinische Geräte. Sarah deutete auf die Liege.

„Setz dich bitte hierher, Liebes.“

April kletterte hinauf, während Luke auf dem Stuhl neben ihr Platz nahm.

„Also“, begann Sarah und öffnete Aprils Patientenakte am Computer. „Was führt dich heute Abend zu uns?“

„Bauchschmerzen“, antwortete April.

„Und Fieber“, ergänzte Luke sofort.

April seufzte.

„Dad.“

„Was denn? Du hast Fieber.“

Sarah lächelte.

„Das ist eine wichtige Information. Wie hoch war das Fieber?“

„39,0 Grad“, antwortete Luke.

Sarah nickte und wandte sich wieder April zu.

„Seit wann hast du Bauchschmerzen?“

„Seit heute Nachmittag.“

„Wo haben die Schmerzen angefangen?“

„Ungefähr hier, um den Bauchnabel herum.“

„Und wo tut es jetzt weh?“

April zeigte auf die rechte untere Seite ihres Bauches.

„Hauptsächlich hier.“

Sarahs Gesichtsausdruck blieb freundlich, doch sie wirkte nun etwas konzentrierter.

„Ist dir übel?“

„Ja.“

„Hast du erbrochen?“

„Nein.“

„Durchfall?“

April rutschte unbehaglich auf der Liege herum.

„Nein.“

„Brennt es beim Wasserlassen?“

„Nein.“

Luke saß schweigend neben ihr.

Bis jetzt war er beeindruckt. Sarah hatte es geschafft, April all jene Fragen zu stellen, auf die er selbst nur mühsam Antworten bekommen hatte, ohne dass seine Tochter dabei wütend geworden war. Dann stellte sie allerdings eine Frage, mit der er nicht gerechnet hatte.

„Wann hattest du deine letzte Periode?“

April erstarrte.

Ihre Augen wanderten sofort zu ihrem Vater.

Luke starrte die Krankenschwester an. Einen Moment lang sagte niemand etwas. Dann färbten sich Aprils Wangen knallrot.

„Ähm …“

Sarah blickte vom Computer auf.

„Weißt du ungefähr, wann sie begonnen hat?“

April sah aus, als würde sie sich nichts sehnlicher wünschen, als dass sich der Boden auftäte und sie verschluckte.

„Müssen wir wirklich darüber reden?“

Sarahs Gesichtsausdruck wurde verständnisvoll.

„Ich weiß, dass das eine sehr persönliche Frage ist. Aber wenn jemand in deinem Alter mit Bauchschmerzen zu uns kommt, ist das medizinisch wichtig.“

April warf Luke erneut einen Blick zu.

„Dad?“

Luke blinzelte.

„Was?“

Sie sah ihn vielsagend an.

Er erwiderte ihren Blick, vollkommen ahnungslos.

„Was denn?“

April schloss die Augen.

„Oh mein Gott.“

Sarah lächelte sanft.

„April, wäre es dir lieber, wenn wir ein paar Fragen unter vier Augen besprechen?“

„Ja, bitte.“

Endlich begriff Luke.

„Oh! Ach so. Ja. Natürlich.“

Er stand so hastig auf, dass sein Stuhl laut über den Boden schrammte.

„Ich werde dann einfach … draußen warten.“

April vergrub das Gesicht in einer Hand.

„Dad, bitte hör auf zu reden.“

„Richtig. Nicht reden. Gehen.“

Er steuerte auf die Tür zu, drehte sich dann aber noch einmal um.

„Brauchst du noch irgendwas, Schatz?“

„DAD!“

„Okay! Bin schon weg!“

Die Tür schloss sich hinter ihm.

Sarah wartete, bis Luke verschwunden war, bevor sie sich wieder April zuwandte.

„Besser?“

April atmete erleichtert aus.

„Viel.“

„Dein Vater scheint sich große Sorgen um dich zu machen.“

„Normalerweise ist er nicht so schlimm.“

Sarah hob eine Augenbraue.

„Wirklich?“

April dachte kurz darüber nach.

„Okay, vielleicht doch.“

Beide lachten leise.

„Also“, fuhr Sarah fort. „Zurück zu deiner Periode. Weißt du noch, wann deine letzte Regelblutung begonnen hat?“

April antwortete leise.

Sarah trug die Information in den Computer ein.

„Ist dein Zyklus normalerweise regelmäßig?“

„Meistens.“

„Irgendwelche ungewöhnlichen Blutungen oder Krämpfe?“

„Nein.“

„Und besteht die Möglichkeit, dass du schwanger bist?“

Aprils Augen wurden riesengroß.

„Was? Nein!“

Sarah blieb vollkommen ruhig.

„Okay.“

„Nein, wirklich. Absolut nicht!“

„Schon gut, April. Ich stelle diese Fragen allen Patientinnen, bei denen sie medizinisch relevant sind.“

April starrte auf ihre Hände.

„Ich bin nicht … ich meine, ich habe noch nie …“

Sie brach ab, während ihr Gesicht immer heißer wurde. Sarah schenkte ihr ein verständnisvolles Lächeln.

„Du musst nichts erklären, was dir unangenehm ist. Ich brauche lediglich korrekte medizinische Informationen, damit wir dich gut versorgen können.“

April nickte.

„Okay.“

„Und übrigens: An diesen Fragen ist überhaupt nichts peinlich.“

April lachte schwach. Sarah holte ein Thermometer und eine Blutdruckmanschette.

„Gut, April. Dann messen wir jetzt deine Vitalwerte.“

Sie legte die Manschette um Aprils Oberarm und kontrollierte ihren Blutdruck und Puls.

„Dein Puls ist etwas erhöht. Das kann bei Fieber und Schmerzen vorkommen.“

Dann betrachtete sie das Thermometer.

„Da du zu Hause ziemlich hohes Fieber hattest, würde ich deine Temperatur gerne noch einmal kontrollieren. Für diese Untersuchung würde ich eine rektale Temperaturmessung empfehlen.“

April starrte sie an.

„Eine … was?“

„Eine rektale Temperaturmessung“, wiederholte Sarah behutsam. „Das ist eine Möglichkeit, die Körperkerntemperatur zuverlässig zu bestimmen.“

Aprils Gesicht lief augenblicklich dunkelrot an.

„Im Ernst? Ich bin achtzehn!“

„Aber … das wurde bei mir noch nie gemacht!“

„Zumindest nicht, soweit du dich erinnern kannst?“

April schüttelte den Kopf.

„Vielleicht als Baby, aber ganz bestimmt nicht in letzter Zeit.“

Sarah lächelte beruhigend.

„Es dauert nur kurz und sollte nicht wehtun, auch wenn es sich etwas unangenehm anfühlen kann. Ich erkläre dir vorher alles.“

April zögerte.

Sie verstand durchaus, wie wichtig eine genaue Temperaturmessung war. Trotzdem zog sich ihr Magen allein bei dem Gedanken an die Untersuchung vor Verlegenheit zusammen.

„Okay“, flüsterte sie schließlich. „Aber … kannst du meinen Dad holen?“

Sarah wirkte ein wenig überrascht.

„Natürlich. Möchtest du, dass er danach wieder hereinkommt?“

April schüttelte den Kopf.

„Nein. Ich meine … vorher.“

„Du möchtest, dass er während der Untersuchung bei dir bleibt?“

April nickte, während ihre Wangen noch röter wurden.

„Ich weiß, das klingt bescheuert. Ich bin achtzehn und sollte mit so etwas eigentlich allein klarkommen, aber …“

Ihre Stimme verlor sich.

Sarah setzte sich neben sie.

„April, es ist überhaupt nicht bescheuert, jemanden bei sich haben zu wollen, dem man vertraut.“

April blickte auf ihre Hände.

„Ich habe irgendwie Angst“, gestand sie leise. „Und es ist mir wirklich, wirklich peinlich.“

„Das kann ich verstehen. Ich hole ihn.“

„Warte!“

Sarah blieb an der Tür stehen.

„Könntest du ihm vielleicht nicht sagen, was wir vorhaben? Ich möchte es ihm selbst erklären.“

„Natürlich.“

Einen Augenblick später öffnete Sarah die Tür.

Luke stand direkt davor.

„Mr. Danes?“

Sofort richtete er sich auf.

„Ja? Ist alles in Ordnung?“

„April möchte, dass Sie wieder hereinkommen.“

Luke ließ sich das nicht zweimal sagen. Er eilte ins Zimmer.

„Hey, Kleines. Was ist los?“

April saß auf der Liege und sah vollkommen unglücklich aus.

„Dad, du musst mir etwas versprechen.“

Luke runzelte die Stirn.

„Okay …“

„Versprich, dass du nicht lachst.“

„April, warum sollte ich lachen?“

„Versprich es einfach!“

„Okay. Ich verspreche es.“

April holte tief Luft.

„Sarah muss meine Temperatur messen.“

Luke blinzelte.

„Okay?“

April starrte ihn an.

„Rektal.“

Einen Moment lang herrschte Stille.

„Oh.“

April schlug die Hände vors Gesicht.

„Oh mein Gott, Dad!“

„Was denn? Ich hab doch gar nichts gesagt!“

„Du hast ‚Oh‘ gesagt!“

„Na ja, damit hab ich jetzt auch nicht gerechnet!“

„DAD!“

Luke hob abwehrend beide Hände.

„Okay. Entschuldigung.“

Sarah griff behutsam ein.

„April hat diese Untersuchung noch nie bewusst erlebt und ist deshalb ein bisschen nervös.“

Lukes Gesichtsausdruck wurde sofort weicher.

„Hey, Kleines. Das muss dir doch nicht peinlich sein.“

April sah ihn ungläubig an.

„Dad, gleich wird meine Temperatur auf die peinlichste Art gemessen, die man sich überhaupt vorstellen kann, und du stehst direkt daneben!“

„Na ja, du wolltest doch, dass ich wieder reinkomme!“

„Ich weiß!“

Luke zog seinen Stuhl näher an die Liege.

„Soll ich wieder rausgehen?“

April schüttelte sofort den Kopf.

„Nein!“

„Okay. Dann bleibe ich.“

„Aber du darfst nicht hinschauen.“

„Hatte ich auch nicht vor.“

„Und keine Kommentare.“

„Verstanden.“

„Und du darfst Lorelai niemals, wirklich niemals davon erzählen.“

Luke konnte sich ein Lächeln kaum verkneifen.

„April …“

„Versprich es!“

„Ich verspreche es.“

„Okay. Bringen wir es einfach hinter uns.“

Sarah zog den Sichtschutzvorhang zu und erklärte April, wie sie während der gesamten Untersuchung ihre Intimsphäre schützen würde.

Luke rückte seinen Stuhl neben das Kopfende der Liege.

April streckte die Hand nach ihm aus.

Er ergriff sie sofort.

„Alles okay, Kleines?“

„Nein“, flüsterte sie.

Luke drückte sanft ihre Hand.

„Soll ich doch lieber draußen warten?“

April schüttelte den Kopf.

„Bitte nicht.“

„Ich gehe nirgendwohin.“

Sarah half April, sich bequem auf die Seite zu legen, und achtete darauf, dass sie möglichst gut bedeckt blieb.

April starrte entschlossen ihren Vater an.

„Das ist so demütigend.“

Luke strich ihr eine feuchte Haarsträhne aus der Stirn.

Sarah lächelte beruhigend und bereitete die Untersuchung vor. Sie achtete darauf, nur den unbedingt notwendigen Bereich freizulegen, und verwendete etwas Vaseline, um die Messung möglichst angenehm zu gestalten.

April umklammerte Lukes Hand fester.

Luke war erheblich verlegener, als er jemals zugegeben hätte.

Er hatte sich gerade erst einigermaßen daran gewöhnt, über Menstruation und andere Probleme heranwachsender Mädchen zu sprechen. Und nun saß er neben seiner achtzehnjährigen Tochter, während eine Krankenschwester ihre Temperatur rektal messen wollte.

Davon hatte definitiv nichts in den Elternratgebern gestanden.

Er wusste nicht, wohin er schauen sollte.

Die Decke schien eine sichere Wahl zu sein, aber wenn er demonstrativ nach oben starrte, würde April sich vermutlich noch unwohler fühlen. Die Krankenschwester anzusehen erschien ihm ebenfalls unangenehm.

Also beschloss er, seinen Blick fest auf Aprils Gesicht zu richten.

Während Sarah den Ablauf erklärte, spürte Luke, wie auch seine eigenen Wangen warm wurden. Er räusperte sich und rutschte unbehaglich auf seinem Stuhl herum.

Sarah führte die Messung behutsam durch.

April empfand die Untersuchung als ungewohnt und unangenehm. Vor allem aber war es ihr unendlich peinlich.

Sarah erkundigte sich leise, ob alles in Ordnung sei, und führte die Untersuchung ruhig zu Ende.

Währenddessen sprach niemand ein Wort.

Das plötzliche Piepen des Thermometers durchbrach schließlich die bedrückende Stille.

Einen Augenblick später erklärte Sarah, dass sie fertig sei.

April zog sofort die Decke fest über ihren Schoß und vergrub das Gesicht in ihren Händen.

„Das hast du wirklich gut gemacht.“

April stöhnte.

„Bitte gratuliere mir jetzt nicht auch noch.“

„Schon gut.“

„Deine Temperatur beträgt 39,2 Grad. Du hast also definitiv noch ziemlich hohes Fieber“, erklärte Sarah.

April starrte an die Decke.

„Großartig. Wenigstens war meine komplette Demütigung wissenschaftlich produktiv.“

Sarah lachte leise.

„So kann man es natürlich auch sehen.“

Sie vervollständigte die Dokumentation und verließ den Raum, um den Arzt über Aprils Zustand zu informieren.

Luke blieb neben seiner Tochter sitzen.

Einen Moment lang sagte keiner von beiden etwas.

Dann drehte April den Kopf zu ihm.

„Dad?“

„Ja?“

„Wir werden nie wieder darüber reden.“

„Okay.“

„Niemals.“

„Verstanden.“

„Und falls Lorelai fragt, was im Krankenhaus passiert ist …“

Sie musterte sein Gesicht misstrauisch.

April seufzte und lehnte sich gegen seine Schulter.

„Ich kann nicht glauben, dass ich dich gebeten habe zu bleiben.“

Luke legte einen Arm um sie.

„Hey. Ich bin froh, dass du mich darum gebeten hast.“

April blickte zu ihm auf.

„Wirklich?“

„Wirklich.“

„Aber es war so peinlich.“

„Ich weiß.“

Luke küsste sie auf den Scheitel.

„Jederzeit, Kleines.“

April lächelte schwach.

Für einen kurzen Moment fühlte sie sich bei ihrem Vater so geborgen, dass sie ihre Verlegenheit beinahe vergessen konnte.

Doch während sie darauf warteten, dass der Arzt zurückkam, konnte Luke das ungute Gefühl nicht abschütteln, dass ihnen der schlimmste Teil dieser Nacht möglicherweise noch bevorstand.

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silverdryver Vor 3 Stunden 1