Wenn die Masken in der Dunkelheit fallen - Deine Kontrolle ist mein Rettungsanker - Band 1

Kapitel 04

Ich nicke.

Du brauchst die Kontrolle und ich brauche … wie nennt man das?

Jonathan kommt näher, bis er direkt vor dir steht. Seine Augen sind intensiv, nachdenklich.

»Grenzen«, sagt er langsam. »Du brauchst Grenzen. Jemanden, der dir sagt, wo es endet. Wo du endest.«

Er beugt sich hinab, eine Hand auf der Armlehne deines Stuhls.

»Unterwerfung ist nicht das richtige Wort für dich. Es geht dir nicht um Hingabe – du gibst dich nicht hin. Du... verhandelst. Du testst. Du brauchst jemanden, der stark genug ist, um dich zu halten, ohne dich zu brechen.«

Ein Klopfen an der Tür unterbricht ihn. Jonathan richtet sich sofort auf, seine Miene wird professionell.

»Herein«, ruft er.

Deine Worte hallen in mlr nach.

Als es an der Tür klopft, bekomme ich große Augen.

Oh Gott, was denkt man von mir, wenn sie mich hier in seinem Büro sehen?

Was wird er sagen, wer ich bin?

Eine junge Ärztin tritt ein, ihre Augen schweifen kurz über dich bevor sie sich Jonathan zuwenden. Er sitzt bereits wieder hinter seinem Schreibtisch, vollkommen ruhig, als hätte es nie eine Unterbrechung gegeben.

»Das ist meine Assistentin«, sagt er ohne Zögern. »Sie hilft mir bei administrativen Aufgaben.«

Die Ärztin nickt knapp – für sie völlig normal. Jonathan deutet auf einen Stapel Patientenakten, die auf der Seite seines Schreibtisches liegen.

»Dr. Schneider hat Fragen zu den Befunden vom Morgen.«

Seine Stimme ist kühl, professionell. Er schaut dich nicht an. Aber seine Hand bewegt sich langsam über den Schreibtisch – eine stille Botschaft nur für dich.

»Halt bloß dur Klappe!«, ermahne ich mich selbst.

Ich bewundere dich, weil du von jetzig auf gleich deine Maske wechseln kannst.

Stumm verfolge ich das Gespräch von euch.

Nach zwei Minuten schwirrt mir der Kopf von den ganzen Latein ausrücken.

Jonathan und Dr. Schneider diskutieren Details über Laborbefunde, ihre Stimmen verschwimmen zu einem gleichmäßigen Murmeln medizinischer Fachbegriffe. Du merkst, wie sich dein Blick in die Ferne verliert – Faszination und Überdruss vermischen sich.

Nach wenigen Minuten verabschiedet sich Dr. Schneider. Die Tür fällt zu.

Jonathan lehnt sich zurück, sein Stift dreht sich zwischen seinen Fingern. Ein winziges Lächeln spielt um seinen Mund – Befriedigung darüber, wie glatt das war.

»Langweilig?«, fragt er leise, ohne dich anzusehen.

»Eher zu viel Kaudawelsch für mein Gehirn«, bringe ich stöhnend über die Lippen.

Er lacht leise – ein echtes Lachen, nicht die höfliche Variante aus der Sprechstunde. Seine Augen funkeln amüsiert.

»Medizinische Fachsprache ist wie eine Geheimsprache«, sagt er und lehnt sich vor. »Sie trennt die Insider von den Außenstehenden. Macht mich unerreichbar.«

Er dreht seinen Stift weiter, beobachtet dich dabei.

»Aber du sitzt hier. Du bleibst trotzdem. Obwohl du nichts verstehst.«

Seine Stimme wird tiefer, intensiver. Der Arzt verschwindet langsam – der Mann dahinter kommt zum Vorschein.

»Das sagt mir etwas über dich.«

Ich sehe ihn mit hochgezogenene Augenbraun an.

»Dass ich jetzt von meiner Arzt Phobie geheilt bin?«, frage ich keck.

Jonathan wirft den Stift auf den Schreibtisch und lehnt sich zurück. Ein ironisches Lächeln spielt um seine Lippen.

»Nein«, sagt er. »Das sagt mir, dass du mich sehen willst – auch wenn ich dich langweile. Dass du hier sein möchtest, obwohl du nichts verstehst.«

Er steht auf und geht zum Fenster. Die Stadt breitet sich unter ihnen aus – grau, gewöhnlich.

»Ärzte sind Kontrollfreaks«, fährt er fort, ohne sich umzudrehen. »Wir müssen alles verstehen, alles vorhersehen. Und doch sitzt du hier und fragst mich nichts. Du vertraust mir einfach.«

Er dreht sich um, sein Blick ist durchdringend.

»Das ist gefährlich für dich.«

»Gefährlich ist nicht der, der macht und Geld besitzt. Gefährlich ist der, der nichts mehr zu verlieren hat«, sage ich ein Zitat aus »The Monsters within us« – dem 2. Band der »THE SOCIETY OF THE UNHOLY KINGS« der Dark Romance Reihe meiner Lieblingsautorin Penny L. Chapman.

Jonathan erstarrt. Deine Worte treffen ihn wie ein Schlag – präzise, unerwartbar.

Er kommt langsam auf dich zu, sein Gesicht undurchdringlich. Die Entfernung zwischen euch schrumpft.

»Du hast recht«, sagt er leise. »Und deshalb bin ich gefährlich – für dich.«

Er bleibt stehen, eine Hand auf deinem Stuhl. Seine Stimme ist ruhig, aber dahinter vibriert etwas Rohes.

»Ich habe alles. Die Karriere, die Kontrolle, die Ordnung. Und trotzdem...«

Er verstummt. Sein Kiefer spannt sich an.

»Trotzdem brauchte ich dich in dieser Nacht. Das macht mich unberechenbar.«

Die Stille im Büro ist erdrückend.

»Ich kann auch lesen, Herr Doktor«, sage ich leise zu ihm.

Jonathan verstummt. Seine Hand hebt sich von deinem Stuhl. Ein Moment der Stille – dann ein leises, fast gefährliches Lachen.

»Du bist nicht nur eine Assistentin, die hier sitzt und zuhört, nicht wahr?«

Er geht zurück zu seinem Schreibtisch und zieht eine Schublade auf. Ein dünnes Notizbuch liegt darin – sein persönliches Tagebuch vermutlich. Er schließt sie wieder, ohne es herauszunehmen.

»Du liest zwischen den Zeilen. Du siehst, was ich verberge.«

Sein Blick wird kälter, kontrollierter – der Arzt kehrt zurück, aber nicht ganz. Etwas Tieferes blitzt noch immer auf.

»Das ist noch gefährlicher als alles andere.«

»Vielleicht ist es das – ja«, meine ich leise zu ihm.

Er bleibt bewegungslos stehen. Dein einfaches »Vielleicht« – keine Bestätigung, keine Ablehnung – setzt ihn unter Druck wie nichts anderes.

Sein Telefon vibriert. Er ignoriert es.

»Du versuchst mich zu verstehen«, sagt er langsam. »Und das ist das Problem. Verstehen führt zu Fragen. Fragen führen zu Antworten, die ich nicht geben kann – nicht hier, nicht jetzt.«

Er setzt sich auf die Tischkante, direkt vor dir. Nah genug, dass du seinen Atem spürst.

»Wie lange willst du noch bleiben?«

Die Frage klingt harmlos. Sie ist es nicht.

Sie trifft mich.

Hart und schnell.

Ich schlucke. Und verstehe.

Ich habe deine Grenze erreicht.

Langsam stehe ich auf, nachdem ich den Stuhl zurückgezogen habe.

»Es ist besser, wenn ich jetzt gehe. Bis später.«

Ohne Hast drehe ich mich um und verlasse dein Büro.

Jonathan sitzt noch immer auf der Tischkante, regungslos. Deine Worte hallen nach – »Ich habe deine Grenze erreicht.«

Das Geräusch der sich schließenden Tür ist leise. Endgültig.

Er schließt die Augen. Seine Hände ballen sich zu Fäusten. Es ist besser so. Es muss so sein. Kontrolle wiederherstellen. Abstand schaffen.

Aber etwas in ihm – etwas, das er lange begraben hat – schreit auf.

Sein Telefon vibriert erneut. Patienten warten. Die Ordnung muss erhalten bleiben.

Er atmet tief durch, richtet seine Krawatte, und die Maske fällt wieder an ihren Platz. Der Arzt kehrt zurück.

Aber seine Hände zittern noch immer.

Zu Hause, in deinem zuhause, weiß ich nicht, was ich tun soll.

Ich weiß nicht, was das zwischen ihm und mir ist.

Aber ich weiß, dass ich mit meiner Aussage zu weit gegangen bin.

Er will sich nicht in die Karten gucken lassen.

Kontrolle abgeben bedeutet schwäche. Etwas, das wir beide nicht zugeben wollen.

Ich weiß nicht, wie ich dir jetzt gegenüber treten soll.

Dein Handy vibriert. Eine Nachricht.

19:00 Uhr. Der Club. Komm.

Nichts mehr. Keine Entschuldigung, keine Erklärung. Nur eine Anweisung – wie immer.

Die Stunden bis zum Abend dehnen sich. Du sitzt in deiner Wohnung, drehst dich im Kreis. Sein Blick, als du gegangen bist. Die Art, wie er erstarrt ist.

Du hast ihn verletzt. Nicht körperlich. Tiefer.

19:00 Uhr rückt näher. Der Club wartet. Er wartet.

Und du weißt bereits, dass du gehen wirst. Dass du immer gehen wirst, wenn er ruft.

Dann lasset die Spiele aus Dominanz und Unterwerfung erneut beginnen.

Meine Art von heute in deinem Büro tut mlr leid.

Auch wenn es vielleicht die Wahrheit ist

Der Club liegt in Dunkelheit und rotem Licht getaucht. Jonathan wartet bereits in seinem privaten Raum – Leder, Seile, alles an seinem Platz. Perfekt. Kontrolliert.

Als du eintritts, dreht er sich um. Seine Augen sind kalt, aber etwas darin brennt.

»Du entschuldigst dich«, sagt er leise. »Das bedeutet, du weißt, dass du mich getroffen hast.«

Er kommt näher, langsam. Jeder Schritt ist berechnet.

»Die Wahrheit schmerzt, nicht wahr? Für uns beide«, bringt er leise hervor.

Er hebt dein Kinn mit einem Finger an.

»Aber hier – hier darfst du mir wehtun. Und ich dir. Das ist unser Handel.«

»Weil ich die Wahrheit gesagt habe soll ich mich entschuldigen? Ja, tut scheisse weh«, sage ich trocken.

Jonathans Kiefer spannt sich an. Eine lange Sekunde vergeht – er kämpft mit sich selbst. Seine Hand sinkt.

»Du hast Recht. Das ist das Problem.«

Er wendet sich ab, läuft zum Fenster des dunklen Raumes. Sein Atem ist flach.

Ich weiß, dass du Recht hast. Ich weiß, dass ich... kontrollierend bin. Dass ich Dinge verstecke. Und trotzdem – oder gerade deswegen – brauchte ich heute Abend dich hier. Nicht um dich zu bestrafen.

Er dreht sich zurück. Seine Augen sind anders jetzt. Weniger Maske.

Um mich selbst zu erinnern, dass es Menschen gibt, die mich sehen. Und trotzdem bleiben.

Deine Worte treffen mich.

»Bist du deshalb Arzt geworden? Weil du die Kontrolle dann hast?«, will ich ehrlich von ihm wissen.

Jonathans Gesicht erstarrt. Es ist eine Frage, die ihn trifft – nicht an der Oberfläche, sondern tiefer. Er setzt sich auf die Kante des Ledersofas, die Hände zwischen den Knien verschränkt.

»Ja«, antwortet er leise. »Und nein.«

Er schaut dich nicht an.

»Mein Vater war Chirurg. Brillant. Gefürchtet. Er hat mir alles beigebracht – wie man Ordnung schafft, wie man Leben rettet, wie man... nicht verletzt wird, wenn man emotional Distanz hält.«

Jonathans Stimme wird rauer.

»Aber als Arzt konnte ich Menschen helfen, ohne mich selbst zu geben. Das war die Illusion. Bis du kamst und mir zeigte, dass ich auch hier – sogar hier im Club – dieselbe Mauer baue.«

Er hebt endlich seinen Blick zu dir.

»Vielleicht bin ich Arzt geworden, um zu heilen. Aber wirklich? Um nie geheilt werden zu müssen.«

»Ich kenne das Gefühl sehr gut«, sage ich leise.

Jonathan verstummt. Diese vier Worte ändern etwas in ihm – nicht dramatisch, aber spürbar. Es ist keine Vermutung mehr, keine Analyse. Es ist Erkenntnis.

Er lehnt sich vor, die Ellbogen auf den Knien. Seine Stimme wird noch leiser.

»Dann verstehst du, warum ich dich heute Abend brauche. Nicht um zu dominieren. Um nicht allein zu sein mit dem, was ich sehe.«

Er atmet tief durch.

»Hier im Club kann ich dir Schmerz geben und ihn wieder nehmen. Ich kann kontrollieren, was passiert. Aber mit dir... mit dir verliere ich diese Kontrolle. Und das macht mir Angst.«

Seine Hand streckt sich aus – nicht fordernd, sondern fragend. Ein Angebot, nicht ein Befehl.

Ich verstehe dich und gehe nach ein paar Minuten auf dich zu.

Du kommst auf ihn zu. Die Distanz zwischen euch schrumpft mit jedem Schritt.

Jonathan nimmt deine Hand, zieht dich sanft zwischen seine Knie. Seine andere Hand legt sich auf deinen Rücken – nicht fordernd, sondern haltend. Sein Gesicht ist nah bei deinem, aber er wartet. Lässt dir Raum.

Seine Stimme ist rau, fast gebrochen.

»Sag mir, dass du bleibst. Nicht als Unterworfene. Als... als die Person, die mich sieht.«

Sein Daumen zeichnet kleine Kreise auf deinen Rücken. Eine Geste, die verletzlich wirkt – so anders als die Kontrolle von vorhin. Jonathan atmet deinen Duft ein, als würde er sich verankern wollen.

Dich so zu sehen bricht mir das Herz.

»Ich werde bleiben, so lange du möchtest«, mrumele ich sanft zu dir.

Jonathan zieht dich näher, sein Gesicht vergräbt sich in deinem Hals. Seine Atmung wird unregelmäßig – nicht vor Lust, sondern vor etwas Tieferem. Etwas, das er lange verdrängt hat.

»Du wirst bleiben?«, wiederhol er und diese Worte scheinen ihn zu zerbrechen und gleichzeitig zusammenzusetzen.

Seine Arme umschließen dich fester. Kein Befehl. Keine Kontrolle. Nur die Notwendigkeit, jemanden zu halten, der ihn hält.

Nach einer Weile – Minuten oder Stunden, die Zeit bedeutet nichts – hebt er seinen Kopf. Seine Augen sind feucht, aber sein Blick ist klarer als je zuvor.

»Danke«, flüstert er.

Ich nicke, denn Worte sind gerade überflüssig

Jonathan hält dich einfach. Sein Kopf ruht an deinem, seine Hände bleiben sanft auf deinem Rücken. Die Zeit dehnt sich aus – kein Druck, keine Erwartung.

Nach einer Weile löst er sich langsam von dir. Seine Augen sind geröteter, aber sein Blick ist präsent. Real.

»Komm mit mir,« sagt er leise.

Er führt dich nicht zu den Seilen oder den Geräten. Stattdessen zu einem kleineren Raum nebenan – gedimmt, mit weichen Kissen und Decken. Ein Ort, den du hier noch nie gesehen hast. Ein privater Zufluchtsort.

Jonathan setzt sich hin, zieht dich neben sich. Seine Hand findet deine und hält sie fest.

»Wir bleiben einfach hier. Zusammen.«

Der Raum strahlt Ruhe aus.

Ich lass mich von dir leiten und könnte gerade nicht glücklicher sein. Für diesen Moment ist es perfekt. Es ist unser Rettungsanker.

Jonathan spürt deine Hand in seiner und atmet tiefer durch. Seine Schultern sinken ab – die Last, die er sonst trägt, weicht für einen Moment.

Er lehnt seinen Kopf gegen deinen. Draußen ist der Club lebendig, aber hier drinnen gibt es nur Stille und das sanfte Geräusch eurer Atemzüge.

Nach langer Zeit flüstert er:

»Ich habe lange nicht mehr so etwas empfunden. Sicherheit ohne Preis.«

Seine Finger verschränken sich enger mit deinen. Kein Verlangen nach mehr, kein Drang zur Kontrolle. Nur die Präsenz zweier Menschen, die sich gegenseitig verstehen – in ihrer Bruchstellen und ihrer Stärke.

Die Nacht dehnt sich aus, sanft und haltend.

Ich schlafe ruhig an deiner Seite. Versuche dir den halt zu geben, den du mir gibst.

Jonathan bleibt lange wach. Dein Kopf ruht auf seiner Brust, dein Atem gleichmäßig und friedlich. Er bewegt sich kaum, fürchtet, diesen Moment zu zerstören.

Seine Hand streicht langsam über dein Haar. Immer wieder. Eine beruhigende Bewegung – für dich und für ihn. Sein Herzschlag verlangsamt sich unter deinem Gewicht.

Zum ersten Mal seit Jahren fühlt sich Kontrolle nicht wie ein Bedürfnis an. Sondern wie ein Geschenk.

Als die Nacht tiefer wird, zieht er dich näher. Sein Arm schützt dich wie eine Mauer gegen die Welt draußen. Und endlich – endlich – schläft auch er ein. Ohne Albträume. Ohne Angst.

Zwei kaputte Seelen, die langsam lernen.

Die ersten Lichtstrahlen des Morgens dringen durch die Risse der schweren Vorhänge. Jonathan wacht auf – langsam, ohne die übliche Schärfe. Dein Körper ist noch immer an seinen gepresst, deine Hand liegt auf seinem Herzen.

Er bewegt sich kaum. Beobachtet dich im Schlaf – dein Gesicht entspannt, friedlich. So anders als die Spannung, die sonst zwischen euch liegt.

Leise, um dich nicht zu wecken, küsst er deine Stirn. Eine Geste ohne Forderung. Nur Dankbarkeit.

Zwei kaputte Menschen, denkt er, die vielleicht – nur vielleicht – zusammen ganz werden könnten.

Hätte mir jemand vor wenigen Tagen gesagt, was ich erleben würde, hätte ich ihn für verrückt erklärt.

Jetzt, im Morgengrauen, denke ich über uns beide nach.

Ich schlafe nicht mehr daher spüre ich deine Berührung.

Wie wird dieser Tag für uns werden?

Jonathan spürt, dass du wach bist. Seine Hand verweilt auf deiner – nicht mehr streichelnd, sondern fest und bewusst. Eine stille Erinnerung daran, dass er da ist.

Er öffnet langsam die Augen und schaut dich an. In seinem Blick liegt eine Frage, die er nicht aussprechen muss: Bereust du das?

Der Morgen ist anders als die Nacht. Die Realität kehrt zurück – das Krankenhaus, die Patienten, die Welt außerhalb dieses Raumes. Jonathan weiß das. Und trotzdem hält er deine Hand fest.

»Heute bin ich Arzt, sagt er leise. Aber heute Abend...«

Er pausiert. Seine Augen suchen deine.

»Heute Abend möchte ich wieder hier sein. Mit dir. Nicht als Jonathan Snow, der Arzt oder der Dom. Nur... als der, der bleiben möchte.«

Ich verstehe, warum dir das so wichtig ist und nicke.

»Ich freue mich darauf«, sage ich leise und zögere kurz.

»Ich weiß nicht, ob es eine gute Idee ist noch einmal mit in die Klinik zu kommen …«

Jonathan setzt sich auf. Der Morgen wirft fahles Licht auf sein Gesicht, und für einen Moment sieht er müde aus – nicht der charmante Arzt, sondern ein Mann, der Angst hat.

»Das verstehe ich«, sagt er leise.

Er steht auf, geht zum Fenster des privaten Raums. Draußen beginnt die Stadt zu erwachen. Seine Schultern sind angespannt.

»Wenn du kommst... wenn die Kollegen dich sehen, werden Fragen gestellt. Und ich bin nicht bereit, darüber zu sprechen. Noch nicht.«

Er dreht sich zu dir um. Sein Blick ist ehrlich, verletzlich.

»Aber ich möchte dich heute sehen. Können wir uns später treffen? Irgendwo... neutral?«

»Natürlich können wir das machen. Kennst du den Park am Ende der Stadt? Da gibt es viele kleine Gärten und ein kleines Lokal.«

Ich sehe dich fragend an.

Jonathans Gesichtsausdruck ändert sich. Ein schwaches Lächeln erscheint – das erste echte seit Stunden.

»Ja. Ich kenne ihn.«

Er geht zurück zu dir, setzt sich neben dich. Seine Hand findet wieder die deine, aber diesmal mit weniger Anspannung.

»Siebzehn Uhr? Dann bin ich aus der Praxis raus. Wir können... einfach spazieren. Reden.«

Er zögert kurz. Dann holt er Luft und sagt: »Ich muss dich das fragen: Brauchst du Zeit? Raum? Ich will dich nicht drängen, aber ich muss wissen, wo du stehst. Nicht als Dom oder Arzt.«

Ich schweige kurz. Dann antworte ich dir ehrlich: »Ja, das klingt gut. Ich würde gerne bis heute Abend alleine sein. Das hier ist alles sehr frisch und viel auf einmal.

Verstehst du das?«

Jonathan nickt sofort. Keine Forderung, keine Kontrolle – nur Verständnis.

»Ja. Ich verstehe das«, raunt er und nickt. Er lässt deine Hand los, aber nicht abrupt. Langsam, mit Respekt. Er steht auf und gibt dir Raum – physisch und emotional.

»Das ist... wichtig und richtig.«

Seine Stimme ist ruhig, aber man hört die Anstrengung dahinter. Es fällt ihm nicht leicht, loszulassen. Aber er tut es.

Er geht zur Tür, bleibt dann inne. Ohne sich umzudrehen, sagt er: »Ich werde da sein. Und ... danke, dass du heute Nacht nicht weggegangen bist.«

Dann verlässt er den Raum und lässt dich in der Stille zurück.

Kurz vor 17.00 Uhr.

Ich bin viel zu spät dran.

Hastig schaue ich noch mal in den Spiegel, dann trete ich aus meiner Wohnung.

Mit federnden Schritten tanze ich fast auf dem Gehweg zum Park.

Ich fühle mich gut.

Ich freue mich und es liegt etwas warmes in der Luft.

Mein Handy klingelt.

Während ich es aus meiner Umhängetasche ziehe, überquere ich die Straße.

Nicht richtig auf etwas achtend stolpere ich etwas.

Es geht alles so schnell, dass ich nicht reagieren kann.

Reifen quietschen, mein Körper fliegt im hohen Bogen durch die Luft.

Schmerzhaft pralle ich auf der Straße auf.

Mein Schrei bleibt mir im Hals stecken.

Dann wird es schwarz um mich herum.

Der Fahrer des Autos bremst panisch, sein Gesicht erstarrt vor Schock. Menschen schreien auf der Straße. Ein älterer Mann kniet sich sofort neben dich, zittert, weiß nicht, ob er dich berühren soll.

Sein Handy ist bereits in der Hand. Notarzt. Polizei.

Minuten später – oder sind es Sekunden? – trifft der Krankenwagen ein. Die Sanitäter arbeiten schnell, professionell. Sie stabilisieren deinen Kopf, untersuchen dich auf Verletzungen. Blut läuft von deiner Schläfe herunter.

Im Krankenhaus wird Jonathan gerade von einer Patientin verabschiedet, als sein Handy vibriert.

Notfall in Sektor 3. Verkehrsunfall. Patientin, etwa 20er Jahre.

Er erstarrt.

Völling neben mir stehend blicke ich mich um. Überall sind Menschen. Es ist laut und hektisch.

Ich verstehe nichts. Ich weiß nur, dass ich mich mit Joanathan treffen wollte.

Die Sanitäter arbeiten ruhig um dich herum. Eine junge Frau in Uniform hält deine Hand, spricht beruhigend auf dich ein – ihre Stimme klingt weit weg, als würde sie durch Wasser zu dir sprechen.

Wir bringen dich ins Krankenhaus. Du bist sicher. Alles wird gut.

Im Notaufnahmebereich des Krankenhauses läuft Jonathan gerade den Flur entlang, als die Schiebetüren aufgehen. Die Trage wird hereingefahren. Sein Blick fällt auf die blutende Gestalt.

Sein Körper erstarrt.

»Nein.«

Das Wort entweicht ihm wie ein Atemzug, den er nicht kontrollieren kann. Er kennt diese Haare. Diese Hände.

Jonathan reißt sich zusammen, aber nur äußerlich. Innerlich zerbricht etwas.

Menschen sprechen mich an. Sie zerren mit Händen an mir. Alles ist grell und riecht streng.

Jemand ruft laut etwas.

Mein Kleid wird zerschnitten. Hände Tasten mich ab. Sprechen immer wieder mit mir.

Die Ärzte und Krankenschwestern arbeiten mit routinierter Gelassenheit. CT-Scan, Röntgen, Blutuntersuchungen. Dein Bewusstsein flirtet zwischen Schärfe und Nebel. Jemand fragt nach Allergien. Nach Medikamenten. Nach Notfallkontakten.

Jonathan steht hinter der Glaswand der Beobachtungsstation. Sein Kiefer ist angespannt.

Dr. Richter, sein Kollege, bespricht die Befunde mit ihm – aber Jonathan hört kaum zu. Seine Augen verlassen dich keine Sekunde.

Richter bemerkt es.

»Das ist deine Patientin?«, fragt er leise.

»Nein«, antwortet Jonathan zu schnell. Dann korrigiert er sich. »Ich kenne sie. Privat.«

Richter nickt verstehend – oder auch nicht. Es ist ihm egal.

Ich weiß nicht, was mit mir passiert. Ich weiß nur, dass ich das hier nicht will.

Nicht jetzt.

Blanke Panik steht in meinem Gesicht geschrieben.

Denn das hier ist ein Alptraum.

Jemand ruft durch den Flur: »Wir haben hier ein Problem mit einer unkontrollierten Patientin.«

Jonathan hört diese Worte und bewegt sich sofort. Nicht als Arzt, sonder als jemand, dessen Welt gerade einstürzt.