Zahnrettung in Budapest
12 — Sieben Monate später
Die Praxis lag in Lauf an der Pegnitz, an der Hauptstraße, erster Stock über einer Apotheke, und Wiebke stand zwölf Minuten davor auf dem Gehweg, bevor sie hochging.
Das war der Teil, über den vorher niemand geredet hatte. Ungarn war einfach gewesen, auf eine brutale Art: Man fliegt hin, man legt sich hin, es passiert. Hier musste sie selbst anrufen, selbst einen Termin machen, selbst durch eine Tür gehen, hinter der Leute saßen, die sie beim Einkaufen wiedersehen würde.
Die Frau am Empfang sagte „Frau Sanders? Kommen Sie durch", und nichts weiter, und das war schon die halbe Miete.
Sie kam zuerst ins Prophylaxezimmer. Die Frau darin war Anfang dreißig, hieß Kathi, war Zahnmedizinische Prophylaxeassistentin und hatte eine Art, sofort zu reden, die Wiebke normalerweise anstrengend gefunden hätte und heute nicht.
„So. Sie sind neu bei uns, Sie haben am Telefon gesagt, es ist viel gemacht worden. Erst mal Anamnese, dann guckt Dr. Meixner, dann kriegen Sie mich für die Reinigung. Machen Sie mal weit auf, ich will nur sehen, womit ich es zu tun habe."
Wiebke machte weit auf.
Kathi guckte drei Sekunden und machte einen Laut.
„Oh."
„Was?"
„Nichts Schlimmes." Kathi beugte sich vor, drehte den Spiegel. „Das ist richtig gute Arbeit. Sind das alles Kronen bis nach hinten? — Ja, sind sie. Und die Brücke unten links auch. Wer hat das gemacht?"
„Budapest."
„Merkt man nicht", sagte Kathi. „Ich sag das nicht immer. Wir kriegen hier auch Sachen aus dem Ausland rein, wo ich denke, na herzlichen Glückwunsch. Das hier ist sauber. Die Ränder liegen wo sie sollen, die Zwischenräume sind offen, da kommt man ran." Sie richtete sich auf. „Und die Unterkieferfront ist Ihre eigene, oder? Sehr klug, dass die nicht mitgemacht haben. Deswegen fällt's nicht auf."
Wiebke lag da und stellte fest, dass ihr die Ohren heiß wurden. Nicht vor Scham. Vor irgendwas anderem, für das sie kein Wort hatte.
Dr. Bernhard Meixner war Mitte fünfzig, groß, langsam, mit einer Stimme, die klang, als hätte er es noch nie eilig gehabt. Er war der erste Zahnarzt, in dessen Stuhl sie saß, seit sie dreizehn war.
Sie merkte das erst, als er sich hinsetzte. Es kam einfach hoch, aus dem Nichts: das Deckenlicht, ein Mann in Weiß rechts von ihr, das Geräusch von Handschuhen. Ihre Hände gingen von allein an die Armlehnen.
Er sah es und sagte nichts dazu. Er sagte:
„Ich fass nichts an, ich gucke nur. Wenn was ist, Hand hoch."
Er nahm sich zwölf Minuten. Er sondierte die Kronenränder, prüfte mit Zahnseide jeden Kontakt, ging mit der Parodontalsonde einmal komplett rum und diktierte Werte, die Kathi eintippte, und die Werte waren Zweier und Dreier und an vier Stellen eine Vier.
„Sehr ordentlich. Blutung an zwei Stellen, distal an siebzehn und lingual an siebenunddreißig. Da kommen Sie nicht richtig hin. Das kriegen wir gleich."
Dann machte er zwei Einzelröntgenbilder — 16 und 37 — und stellte sie neben die Ausdrucke, die Wiebke aus Budapest mitgebracht hatte und die er sich vorher angeguckt hatte.
„So, kommen Sie mal her."
Wiebke setzte sich auf und sah auf zwei Bildschirme.
Links: die Aufnahmen vom Februar. Um beide Wurzelspitzen ein dunkler Hof, weich, ausgefranst, groß wie eine kleine Erbse.
Rechts: dieselben zwei Zähne heute. Die Höfe waren noch da. Aber sie waren kleiner. Deutlich kleiner. Die Ränder waren nicht mehr verwaschen, sondern schärfer, und im Inneren war die Fläche heller geworden, körnig, wie Knochen aussieht, der wieder Knochen wird.
„Das heilt aus", sagte Dr. Meixner. „Sechzehn ist fast durch. Siebenunddreißig braucht noch, das war der größere. Aber die Richtung stimmt eindeutig. In einem Jahr gucken wir noch mal, dann ist da wahrscheinlich gar nichts mehr."
Wiebke sah auf die zwei Bilder und dachte an eine kleine dunkelhaarige Frau, die im Stehen ein Sandwich gegessen und gesagt hatte, sie freue sich auf den schwierigsten Zahn.
„Kann ich das haben?", fragte sie. „Also die Bilder. Zum Mitnehmen."
„Kriegen Sie ausgedruckt."
Dann kam Kathi, und dann kamen neunzig Minuten.
Zuerst färbte sie an: eine rosarote Lösung auf einem Wattepellet, überall rumgetupft, ausspülen, Spiegel hin.
„So. Nicht erschrecken."
Wiebke erschrak nicht. Die Zahnreihe war zu neunzig Prozent sauber. Rosa war es an genau drei Stellen: außen an 17 ganz hinten, innen an 37, und unter dem Brückenglied 46 auf der Zungenseite.
„Sehen Sie? Das ist eigentlich gut. Wer hier zum ersten Mal sitzt, ist meistens komplett pink." Kathi tippte mit dem Spiegel gegen 17. „Sie putzen ordentlich. Sie kommen nur da hinten nicht rum, weil Sie zu früh aufhören. Die letzten zwei Zentimeter macht fast keiner."
Dann fing sie an. Ultraschall zuerst, aber nicht überall — an den Keramikrändern wechselte sie auf eine Kunststoffspitze und arbeitete deutlich vorsichtiger.
„Metallspitze auf Kronenrand ist Mist", erklärte sie zwischendurch, während der Sauger lief. „Da kriegen Sie Kratzer rein, und in Kratzern hält Belag besser. Bei so einer Arbeit gehe ich anders ran."
Wiebke lag da und hörte zu und stellte fest, dass jemand ihr etwas über ihren eigenen Mund erklärte, und dass es keine schlechte Nachricht war.
Dann Handinstrumente an den Stellen, wo es feiner sein musste, ein präzises Schaben mit gebogenen Küretten. Dann Pulverstrahl: ein kühler, feiner Nebel mit einem leicht süßlichen Geschmack, Erythritolpulver, weich genug für Keramik und Komposit, der über jede Fläche fuhr und sie hinterher anders anfühlen ließ. Dann Politur mit einem rotierenden Gummikelch und einer Paste, die nach Minze schmeckte und ein bisschen kitzelte.
Und dann der Teil, auf den Wiebke gewartet hatte, ohne es zu wissen.
Kathi zog ein Stück Superfloss aus der Packung — den Faden mit dem steifen Ende und dem flauschigen Mittelteil — und fädelte ihn unter das Brückenglied 36. Sie zog ihn ein paarmal hin und her.
Dann nahm sie ihn raus und guckte ihn an.
„Sie machen das", sagte sie.
„Was?"
„Sie ziehen das durch. Jeden Tag, oder?"
„Abends."
„Merkt man." Kathi warf den Faden weg und nahm einen neuen. „Ich hab hier Leute mit Brücken, die sind seit fünf Jahren nicht drunter gewesen. Das riecht man, bevor man's sieht. Bei Ihnen ist da nichts. Gar nichts."
Sie sagte es nebenbei, während sie schon den nächsten Faden einfädelte, so wie man einer Kollegin sagt, dass die Werte stimmen.
Wiebke lag unter der Lampe und musste plötzlich schlucken, und es hatte nichts mit Absaugen zu tun.
Am Ende zeigte Kathi ihr die drei Problemstellen im Handspiegel, ließ sie selbst mit der Interdentalbürste an 17 rangehen, korrigierte den Winkel, ließ sie es noch mal machen. Dann Fluoridlack, dünn aufgepinselt, klebrig.
„Eine Stunde nichts essen. Und heute Abend nicht mit Zahnseide dran, lassen Sie den Lack drauf."
Am Empfang zog die Frau den Kalender ran.
„Sechs Monate? Dann wären wir im April."
„Ja", sagte Wiebke. „Und dann gleich den danach mit."
Die Frau guckte kurz hoch, überrascht, und trug zwei Termine ein. Wiebke bekam zwei Kärtchen, klein, hellblau, mit Datum und Uhrzeit.
Sie ging runter, raus, blieb vor der Apotheke stehen und machte das Portemonnaie auf, um die Kärtchen reinzustecken.
Im Sichtfach steckte seit vier Wochen ein Foto.
Timos Mutter hatte es ihr geschickt, ohne Ankündigung, mit einem Smiley dahinter: der Junge im Flur, viel zu großer Zylinder auf dem Kopf, Rußpunkt auf der Nase, den Mund weit offen vor Begeisterung. Und im Hintergrund, unscharf, halb aus dem Bild, eine große blonde Frau in schwarzer Kluft, die sich mit einer Hand am Türrahmen abstützt und lacht.
Es war das erste Foto seit sieben Jahren, auf dem sie lachte.
Wiebke schob die zwei Terminkärtchen dahinter, klappte das Portemonnaie zu und ging zum Transporter. Halb zwölf, blasse Oktobersonne über den Hügeln, sie hatte noch fünf Adressen bis Feierabend.
Auf der Fahrt rief sie Achim an.
„Und?", sagte er.
„Alles gut", sagte sie. „Nächster Termin im April."
„Na also", sagte Achim, und legte auf, weil er Telefonate hasste.
Wiebke fuhr Richtung Vorra und merkte irgendwann, dass sie mitsang.