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Zahnrettung in Budapest

11 — Zylinder

Zoltán fuhr sie am nächsten Morgen zum Flughafen und redete diesmal die ganze Fahrt, und Wiebke antwortete.

Am Gate kaufte sie sich einen Kaffee — heiß, zum ersten Mal seit zwei Wochen — und trank ihn im Sitzen, und irgendwann merkte sie, dass sie im Halbprofil in der Fensterscheibe saß, ihr eigenes Spiegelbild ansah und nicht wegguckte.

In Nürnberg stand Achim in der Ankunftshalle, was gar nicht abgesprochen war, in Zivil, was sie noch nie gesehen hatte, und hielt einen Kaffeebecher in jeder Hand, als wäre das eine Erklärung.

Wiebke ging auf ihn zu.

„Hallo."

Und lachte.

Achim Zeitler, zweiundsechzig, Bezirksschornsteinfegermeister, seit vierundvierzig Jahren im Handwerk, ein Mann, der einmal mit gebrochener Rippe weitergearbeitet hatte, guckte sie an, machte den Mund auf, machte ihn wieder zu, stellte beide Becher auf den Boden und sagte:

„Ach du Scheiße, Mädchen."

Und dann drehte er sich um und guckte einen Moment lang sehr angestrengt auf die Anzeigetafel.

Am Montag darauf war sie wieder im Bezirk.

Die erste Adresse war das Reihenhaus in Reichenschwand. Sie sah die Nummer auf dem Ausdruck, bevor sie losfuhr, und dachte kurz darüber nach, den Termin zu tauschen. Dann fuhr sie hin.

Sie stellte den Transporter ab, zog die Jacke an, die doppelte Reihe Messingknöpfe, setzte den Zylinder auf, nahm das Kehrgeschirr aus dem Laderaum und ging über den nassen Gartenweg zur Haustür.

Sie klingelte.

Und dann tat sie etwas, was sie in vier Jahren an tausendzweihundert Türen nie getan hatte: Sie wartete nicht ab, bis der Mensch auf der anderen Seite lächelte, um dann mit halbem Mund zurückzulächeln.

Sie lächelte als Erste.

Die Tür ging auf. Dieselbe Frau im Bademantel. Und hinter ihr im Flur, im Schlafanzug, mit demselben Toastbrot, als wäre kein halbes Jahr vergangen: Timo.

Er kam sofort angetapst.

„Bist du die Glücksfrau?"

„Bin ich."

Wiebke ging in die Hocke, damit sie auf Augenhöhe war, nahm den Zylinder ab und hielt ihn ihm hin.

„Anfassen darfst du. Aufsetzen auch."

Er setzte ihn auf. Der Zylinder rutschte ihm bis auf die Nasenwurzel, und er guckte darunter hervor wie unter einem Tunnel, und Wiebke zog den Daumen über den Rußstreifen an ihrem Handrücken und tippte ihm einmal kurz auf die Nasenspitze.

„Und das da ist die Hälfte. Musst du bis heute Abend dranlassen, sonst wirkt's nicht."

Timo quietschte und rannte ins Wohnzimmer, um sich im Spiegel anzugucken. Die Mutter lachte und rief ihm hinterher, er solle den Zylinder wiederbringen.

Und Wiebke lachte auch. Laut, mit offenem Mund, in einem fremden Hausflur um zwanzig vor acht, mit dem Kopf gerade und ohne Hand davor.

Der Junge fragte nichts. Er hatte gar nicht bemerkt, dass sich irgendwas geändert hatte.

Sie stieg in den Keller und fing an zu arbeiten.