Zahnrettung in Budapest
10 — Eingliederung
Der letzte Behandlungstag war der leichteste und dauerte trotzdem fünf Stunden.
Auf dem Tisch stand ein Gipsmodell ihres Kiefers, und darauf saß die Arbeit: Einzelkronen für 16, 15, 14, 13, 12, 11, 21, 22. Eine Brücke von 23 nach 27 mit zwei Zwischengliedern. Unten die Brücken 35–37 und 45–47.
Wiebke beugte sich darüber und sah, dass die Schneidekanten leicht durchscheinend waren, fast bläulich, und dass weiter oben, Richtung Zahnhals, mehr Wärme drin lag. Sie sah, dass an 12 und 22 eine winzige Unregelmäßigkeit in die Oberfläche modelliert war, eine Andeutung von Struktur, so wie sie an echten Zähnen ist.
„Wer macht sowas?", fragte sie.
„Gábor. Zwei Etagen über uns. Seit zweiundzwanzig Jahren Keramiker und ein unerträglicher Mensch." Dr. Szalai lächelte. „Er hat mich dreimal angerufen wegen der Schneidekante an elf."
Dann ging es los. Provisorien ab, mit einem kurzen Ruck. Stümpfe reinigen, Fäden legen, trocken halten. Und dann Zahn für Zahn, Brücke für Brücke: einprobieren, Passung prüfen, Kontakt prüfen, Rand prüfen, abnehmen, reinigen, konditionieren, Zement, aufsetzen, Druck, kurz anhärten, Überschuss mit Sonde und Zahnseide entfernen, endgültig aushärten.
Bei den Frontzähnen probierte Dr. Szalai zuerst alle acht ohne Zement ein, nur mit einer Paste, führte Wiebke ans Fenster, gab ihr den Spiegel und sagte:
„Jetzt gucken Sie in Ruhe. Wenn Ihnen irgendwas nicht gefällt, geht es zurück ins Labor. Ich meine das ernst. Es ist noch nichts festgeklebt."
Wiebke guckte vier Minuten.
„Nein", sagte sie schließlich. „Nichts."
Dann die Okklusion. Blaue Folie zwischen die Zähne, zubeißen, knirschen. Blaue Punkte. Feines Nachschleifen mit einem Gummipolierer. Rote Folie. Wieder beißen. Wieder polieren. Es dauerte vierzig Minuten und war das Sorgfältigste am ganzen Tag.
„Nichts darf stören", sagte Dr. Szalai zwischendurch. „Zwanzig Mikrometer Vorkontakt, und Sie haben in vier Wochen Kiefergelenkschmerzen und wissen nicht, warum."
Um kurz vor vier war sie fertig. Sie nahm das Lätzchen ab, zog den Vorhang ganz auf und stellte den großen Spiegel hin.
„So. Bitte."
Wiebke Sanders, sechsundzwanzig Jahre alt, einen Meter sechsundachtzig, langes blondes Haar, sah in den Spiegel und lächelte, um zu prüfen, wie es aussah.
Dann lächelte sie noch mal, weil das erste kein Lächeln gewesen war, sondern eine Prüfung.
Dann lachte sie.
Sie sah nicht aus wie jemand mit neuen Zähnen. Sie sah aus wie jemand, dem man ins Gesicht guckt und dabei an nichts anderes denkt. Die Zahnreihe war nicht weiß, sie war hell — dieselbe Farbe wie ihre eigene Unterkieferfront, dieselbe leichte Wärme am Hals, dieselbe feine Durchsichtigkeit an den Kanten. Die beiden Einser eine Spur länger als die Zweier. Der linke Eckzahn mit einer kaum wahrnehmbaren Kantenabrundung, wie ein Zahn, der schon ein paar Jahre gearbeitet hat.
Sie sah im Spiegel noch etwas anderes: ein müdes Gesicht. Die Wangen etwas eingefallen von zwei Wochen weicher Kost. Ein winziger verheilter Riss am Mundwinkel. Schatten unter den Augen, die noch eine Weile bleiben würden.
Gezeichnet. Aber vorne dran.
Bea kam mit einer Tüte: Interdentalbürsten in vier Größen, Zahnseide mit Einfädler, Superfloss für die Brückenglieder, eine Munddusche.
Dr. Szalai gab ihr die Hand.
„Zwei Sätze, dann lasse ich Sie gehen.
Erstens: Das hält fünfzehn Jahre, wenn Sie zweimal am Tag ordentlich putzen und zweimal im Jahr zur professionellen Reinigung gehen. Und es hält drei, wenn Sie es so behandeln wie das, was vorher da war. Sie wissen, wo die Stelle ist, wir haben drüber geredet. Alle sechs Monate. Keine Ausnahme.
Und zweitens." Sie hielt Wiebkes Hand einen Moment fest. „Sie sind sechsundzwanzig. Sie haben zwölf Jahre lang Schmerzen ausgehalten, nicht gelacht und Suppe gegessen, weil Sie sich geschämt haben, jemandem den Mund zu zeigen. Merken Sie sich das. Nicht als Vorwurf, als Information.
Der Schaden an Ihren Zähnen war in zwei Wochen zu reparieren. Der andere Schaden nicht."