Zahnrettung in Budapest
8 — Präparation
Der fünfte Tag war der unangenehmste, und damit hatte Wiebke nicht gerechnet, weil nichts davon gefährlich klang.
Betäubung im gesamten Oberkiefer. Dann acht Stunden Schleifen.
Es war eine andere Art Bohren als am Vortag: kein Bohren in den Zahn, sondern um ihn herum. Ein feiner, hoher, gleichmäßiger Ton, der nicht aufhörte, minutenlang, Zahn für Zahn. Dr. Szalai arbeitete mit langen zylindrischen Diamanten und arbeitete unfassbar genau: ringsum eine gleichmäßige Schicht runter, am Zahnfleischrand eine umlaufende Stufe, alle Kanten gerundet.
Was blieb, waren Stümpfe. Wiebke sah einmal kurz in den Instrumentenspiegel, als Bea ihn drehte, und sah eine Reihe kleiner brauner konischer Kegel da, wo ihre Zähne gewesen waren, und machte die Augen zu.
Zwischendurch legte Dr. Szalai Retraktionsfäden, stopfte mit einem stumpfen Instrument einen dünnen Faden in den Zahnfleischspalt rings um jeden Stumpf. Das war das Schmerzhafteste des Tages, ein Druck, der bei jedem einzelnen Zahn wiederkam und jedes Mal überraschte.
Dann die Abformung.
Bea mischte eine violette Masse an, die nach nichts roch. Der Löffel war viel zu groß, und als Dr. Szalai ihn nach oben drückte, ging die Masse überall hin: über die Stümpfe, in die Wangentaschen, nach hinten Richtung Gaumen. Wiebke hatte den sofortigen, panischen Impuls zu würgen.
„Nase. Atmen. Vier Minuten."
Vier Minuten sind lang. Sie starrte an die Decke und zählte Baumkronen. Bei etwa hundertsechzig war es vorbei, und der Löffel ging mit einem tiefen saugenden Plopp ab.
Dann der Gegenkiefer, den nahm Bea. Dann ein Bissregistrat.
Dann die Farbnahme, und da kippte der Tag.
Dr. Szalai holte einen Fächer aus Kunststoffzähnen und stellte Wiebke ans Fenster, ins Tageslicht.
„Kein Kunstlicht." Sie hielt Zähnchen neben die Unterkieferfront, tauschte, tauschte wieder, hielt gegen das Licht. „2M2. Vielleicht 2M1 in den Schneidekanten."
„Geht auch weißer?"
Dr. Szalai ließ den Fächer sinken.
„Klar geht das. Ich mach's nicht."
„Warum nicht?"
„Weil Ihre Unterkieferfront so bleibt, wie sie ist. Wenn ich oben strahlend Weiß mache und unten steht Ihr eigenes Zahnweiß daneben, dann sieht jeder Mensch in einer halben Sekunde: die hat was machen lassen." Sie legte den Fächer weg. „Frau Sanders. Sie stehen jeden Tag zwölfmal zwanzig Zentimeter vor einem fremden Gesicht. Da muss nichts leuchten. Da muss nur nichts stören.
Sie wollen kein Gebiss, über das die Leute reden. Sie wollen, dass endlich jemand Ihr Gesicht anguckt."
Wiebke stand am Fenster und sah in einen ungarischen Hinterhof und sagte eine Weile nichts.
„Okay", sagte sie dann.
Das Provisorium kam am späten Nachmittag.
Dr. Szalai hatte vor der Präparation einen Vorwall aus Silikon genommen, füllte ihn jetzt mit einer weißen Masse und setzte ihn über die Stümpfe. Zwei Minuten. Dann abnehmen, trennen, beschleifen, polieren, Biss prüfen mit blauer Folie — „einmal knirschen bitte, seitlich" —, nachschleifen, wieder polieren, mit weichem Zement befestigen.
Dann fuhr der Stuhl hoch, und Bea gab ihr einen Handspiegel.
„Jetzt", sagte Dr. Szalai.
Wiebke sah rein.
Es war Kunststoff. Eine Zwischenlösung, gemacht, um zehn Tage zu halten, eine einzige Farbe ohne Tiefe, ohne die feinen Abstufungen, die später kommen würden. Ein Fachmann hätte es in einer halben Sekunde erkannt.
Wiebke sah eine geschlossene Zahnreihe.
Keine Lücken. Keine braunen Ränder. Keine schwarzen Löcher an den Zahnhälsen. Kein abgebrochener Eckzahn. Eine Reihe.
Sie legte den Spiegel auf die Knie und sah aus dem Fenster, weil sie nicht wollte, dass irgendjemand ihr Gesicht sah. Es dauerte etwa zwanzig Sekunden. Dann hob sie den Spiegel wieder.
„Das ist noch gar nichts", sagte Dr. Szalai ruhig. „Das ist Kunststoff aus einer Spritze. Warten Sie auf die Keramik."
„Ich weiß."
„Nein", sagte Dr. Szalai. „Sie wissen es nicht. Aber Sie werden es wissen."
Sie zog die Handschuhe aus, ging zur Tür und drehte sich noch mal um.
„Frau Sanders. Tun Sie mir einen Gefallen und gehen Sie in den nächsten Tagen essen. Und wenn jemand Sie anspricht, dann drehen Sie den Kopf nicht weg."