Zahnrettung in Budapest
7 — Der Bohrertag
Am vierten Tag war sie wieder in Zimmer 4, bei den Baumkronen, und Dr. Szalai kam herein und begutachtete sie wie ein Bauteil, das aus der Werkstatt zurückkommt.
„Schwellung fast weg. Nähte reizlos. Sie heilen wie eine Sechsundzwanzigjährige, was insofern passt." Sie setzte sich. „Wie war's?"
„Lang."
„Kinga sagt, Sie hätten keinen Ton gesagt."
„Ich hatte einen Keil im Mund."
Dr. Szalai lachte kurz und trocken. „Sehr gut. Den kriegen Sie heute wieder."
Sie legte den Plan auf die Ablage.
„Heute mache ich alle Füllungen. Ehrlich: auch ein langer Tag, sechs bis sieben Stunden. Aber es ist eine andere Anstrengung als vorgestern. Kein Druck, keine Gewalt. Nur viel Betäubung, viel Bohren, viel Geduld.
In den wurzelbehandelten Zähnen mache ich Aufbaufüllungen aus Komposit, in Schichten, adhäsiv. Bei sechzehn und fünfundzwanzig setze ich zusätzlich einen Glasfaserstift in den Kanal, weil da so wenig Wandsubstanz steht, dass ich sonst keinen Halt habe. Diese Zähne werden später überkront — die Füllung ist nur das Fundament.
Wo keine Krone draufkommt — siebzehn, vierunddreißig, vierundvierzig — mache ich Amalgam. Kaufläche unter voller Last, schwer trockenzulegen, und ich will, dass die Füllung zwanzig Jahre hält und nicht acht.
Und die Unterkieferfront, dreiunddreißig bis dreiundvierzig, kriegt zervikale Kompositfüllungen in Ihrer Zahnfarbe. Die bleibt, wie sie ist. Die will ich nicht überkronen. Was man nicht beschleifen muss, beschleift man nicht."
Wiebke nickte langsam. Dann stellte sie die Frage, die sie seit vier Tagen mit sich rumtrug und die sie sich bisher nicht laut zu sagen getraut hatte.
„Und wenn ich das wieder kaputt mache?"
Dr. Szalai sah auf.
„Wie meinen Sie das?"
„Ich hab's ja schon mal geschafft." Wiebke sah auf ihre Hände. „Einmal alles kaputt. Wer sagt, dass ich es nicht wieder schaffe."
Dr. Szalai legte den Kugelschreiber hin und drehte sich mit dem Hocker zu ihr, ganz zu ihr, wie zu einem Gespräch und nicht zu einem Kiefer.
„Sie haben nichts geschafft, Frau Sanders. Sie haben zwölf Jahre lang niemanden gefragt. Das ist etwas völlig anderes, und das lässt sich abstellen.
Rein technisch: Ja, es kann wiederkommen. Die Stelle heißt Kronenrand. Da läuft eine feine Fuge zwischen Keramik und Zahn, und wenn da Beläge sitzen bleiben, fängt es genau dort wieder an. Und zwar unsichtbar und schmerzfrei, bis es zu spät ist. Deshalb Kontrolle alle sechs Monate und professionelle Reinigung zweimal im Jahr. Nicht, weil ich Sie erziehen will. Weil ich diese Stelle nur sehe, wenn Sie hingehen.
Und der andere Teil." Sie hielt kurz inne. „Der andere Teil ist der schwierigere. Sie sind zwölf Jahre nicht hingegangen, weil Ihnen der Mund peinlich war. Ab nächster Woche ist er das nicht mehr. Das heißt, der Grund fällt weg." Sie zuckte mit den Schultern. „Ich habe schon Leute erlebt, bei denen der Grund trotzdem geblieben ist. Aber ich habe deutlich mehr erlebt, bei denen er weg war. Sie werden das nächste Mal reingehen, ohne dass Ihnen jemand ins Gesicht guckt und sich zusammenreißen muss. Und wenn Sie das einmal erlebt haben, gehen Sie wieder."
Sie zog die Handschuhe an.
„Und wenn nicht: Dann kommen Sie in acht Jahren wieder zu mir und ich schimpfe. Aber Sie kommen. Das ist immer noch besser als das, was Sie bisher gemacht haben."
Es wurde ein Tag aus Spritzen und Bohrern.
Quadrant für Quadrant: betäuben, warten, Kofferdam oder Watterollen, bohren. Der rote Bohrer für den Zugang. Dann das langsamere, tiefere, dumpfere Geräusch des blauen Handstücks beim Exkavieren. Dann Rosenbohrer. Dann Handinstrumente: ein Exkavator, der weiches braunes Material herausschabte, mit einem Geräusch wie ein Löffel in einem überreifen Apfel.
Bei 47 färbte Dr. Szalai die Kavität rot ein. „Kariesdetektor. Was rot bleibt, muss raus." Sie spülte, und im Instrumentenspiegel sah Wiebke einen roten Fleck, und der rote Fleck wurde weggenommen, und dann war da Weiß.
Es tat zweimal weh. Einmal bei 14, wo die Betäubung nicht griff und der Bohrer einen hellen elektrischen Schmerz bis in die Schläfe schickte. Wiebke hob die Hand — schneller diesmal, fast ohne zu überlegen — und Dr. Szalai stoppte und spritzte nach. Und einmal am Zahnfleisch, wo eine Matrize zu tief saß und schnitt.
Der Keil war von Anfang an da. Bea legte ihn kommentarlos ein, sobald der Mund offen war.
Am schönsten war, was Wiebke am wenigsten erwartet hatte: das Amalgam.
Bea spannte eine kleine Kapsel in ein Gerät, und das Gerät machte ein schnelles, rasselndes rrrrrt, das Wiebke sofort an eine Farbmischmaschine im Baumarkt erinnerte. Dann trug Dr. Szalai das Material in kleinen Portionen ein und stopfte es. Und das war das richtige Wort: Sie stopfte. Es war handwerklich und körperlich, ein Instrument, das mit echter Kraft gegen den Boden der Kavität drückte, immer wieder, bis das Material dicht war. Dann schnitzte sie: mit einem kleinen scharfen Instrument modellierte sie Höcker und Fissuren in die graue, glänzende Fläche.
Wiebke lag da und dachte, dass das der erste Teil des ganzen Aufenthalts war, bei dem sie hätte zugucken wollen statt drin zu liegen.
Die Kompositaufbauten dauerten länger. Ätzen mit einem blauen Gel, dreißig Sekunden, spülen. Ein Bonding, eingerieben und mit Luft verblasen, ein scharfer alkoholischer Geruch. Dann die blaue Lampe, zwanzig Sekunden, ein Licht, das durch die geschlossenen Lider bis in den Kopf ging. Dann eine Schicht Kunststoff, modelliert, gehärtet. Dann die nächste.
Bei 16 kam der Glasfaserstift: den palatinalen Kanal aufbereiten, Einprobe, Zement, Stift, härten, und dann drumherum aufschichten, bis aus einem hohlen Zahn wieder ein massiver Block geworden war.
Um zwanzig nach sieben verstummte der Bohrer zum letzten Mal.
Dr. Szalai kontrollierte mit Zahnseide jeden einzelnen Kontaktpunkt. Schnapp. Schnapp. Schnapp. Durch jeden Zwischenraum.
Wiebke hatte dieses Geräusch seit Jahren nicht mehr gehört, weil da nichts mehr gewesen war, wo Zahnseide hätte schnappen können.
Der Stuhl fuhr hoch.
„Nicht in den Spiegel gucken", sagte Dr. Szalai.
„Warum nicht?"
„Weil heute nichts schön ist. Heute ist Statik." Sie zog die Handschuhe ab. „Morgen präpariere ich, dann kriegen Sie ein Provisorium. Dann dürfen Sie gucken."