Zahnrettung in Budapest
5 — Nachsorge
Zoltán fuhr sie zurück. Es war halb sieben, die Stadt goldbraun, auf der Andrássy út saßen Leute draußen und tranken Wein.
Im Zimmer setzte sie sich auf die Bettkante und tat vierzig Minuten lang gar nichts.
Dann ließ die Betäubung nach. Erst als Kribbeln, ein Ameisenlaufen von der Unterlippe zum Kinn. Dann kam die Zunge zurück und gehörte wieder ihr.
Und dann fing die Zunge an zu arbeiten. Von allein. Ohne Erlaubnis.
Sie fuhr nach hinten links, dahin, wo seit Jahren ein Stumpf gewesen war, und fand nichts. Eine Fläche. Eine weiche, geschwollene Kante mit einem Faden drauf, der sich anfühlte wie ein Härchen, das man nicht wegkriegt. Dahinter: noch mehr Nichts. Ein Raum, wo Zähne gewesen waren.
Sie fuhr nach hinten rechts. Eine breite Lücke mit weichem Boden.
Sie fuhr oben links dahin, wo 24 und 26 gewesen waren, und die Zunge fiel förmlich hinein, in zwei Kuhlen, und Wiebke erschrak über ihre eigene Zunge, die sich benahm wie ein Tier, das eine ausgeräumte Wohnung inspiziert. Sie fand die Nahtknoten, kleine harte Punkte. Sie fand die provisorischen Verschlüsse auf den wurzelbehandelten Zähnen, glatt und rund und fremd. Sie fand einen Zahn, der sich völlig anders anfühlte als gestern.
Sie fand ihren eigenen Mund und erkannte ihn nicht wieder.
Dann ging sie ins Bad und machte das Licht an.
Das Gesicht war geschwollen, links mehr als rechts. Auf dem Kinn ein getrockneter brauner Rand. Die Lippen aufgesprungen vom stundenlangen Offenstehen, an einem Mundwinkel eine kleine eingerissene Stelle. Die Augen dunkel unterlaufen, das Haar am Ansatz nass.
Sie öffnete den Mund.
Und ja, sie erschrak.
Nicht, weil es hässlich war — es war hässlich, natürlich, es war blutig und geschwollen und voller Lücken. Sondern weil so viel weg war. Weil da, wo eine Zahnreihe hingehört, jetzt Unterbrechungen waren. Weil der Mund plötzlich aussah wie der Mund von jemand ganz anderem. Und weil sie in dem Moment begriff, dass die Zähne, die sie zwölf Jahre lang gehasst und versteckt und ausgehalten hatte, trotzdem ihre gewesen waren. Und jetzt in einer Metallschale in einem Haus in Pest lagen.
Sie hielt sich mit beiden Händen am Waschbecken fest, und es kam eine Trauer, mit der sie überhaupt nicht gerechnet hatte.
Man rechnet mit Angst. Man rechnet mit Schmerzen. Mit Trauer um verfaulte Zähne rechnet niemand.
Dann atmete sie aus, machte das Licht aus, legte einen Kühlbeutel aufs Kissen und den Kopf darauf.
Sie schrieb Achim eine Nachricht: Alles gut gelaufen. 8 Stück raus.
Er antwortete nach vier Minuten: Gut. Iss was Weiches.
Und dann, zwei Minuten später, weil er offenbar über den ersten Satz noch mal nachgedacht hatte:
Bin stolz auf dich, Mädchen.
Sie las das ungefähr zwanzigmal.