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Zahnrettung in Budapest

4 — Kinga

Bea räumte ab und richtete neu, und es dauerte zwanzig Minuten, in denen Wiebke zusah, weil sie zu müde war, um wegzuschauen.

Neue sterile Tücher. Vier Karpulenspritzen statt drei. Ein Tray mit Instrumenten, die nichts mehr mit Bohren zu tun hatten: schmale Metallstäbe mit gebogenen, löffelartigen Enden. Ein Skalpell in Folie. Eine Reihe Zangen, sie zählte sechs, unterschiedlich gebogen, eine mit zwei spitzen Kuppen an den Backen, die aussahen wie Hörner. Nadelhalter, gebogene Schere, Nahtmaterial. Eine kleine Nierenschale aus Metall.

Und eine zweite Schale, leer.

Wiebke sah die leere Schale an und wusste, wofür sie war.

Dann kam Dr. Kinga Vargha.

Sie war groß — nicht so groß wie Wiebke, aber groß —, breit in den Schultern, blond, ungefähr vierzig, und sie kam in den Raum wie jemand, der einen Raum betritt.

„Frau Sanders! Kinga Vargha, Kieferchirurgie. Ich mache heute Ihre Extraktionen." Ihr Deutsch war das beste von allen dreien: makellos, mit einem winzigen süddeutschen Einschlag.

„Sie klingen wie von uns."

Dr. Vargha grinste. „Vier Jahre München, drei Jahre Regensburg." Sie zog die Handschuhe an. „Dann bin ich zurück, weil ich hier operieren darf, statt Anträge zu schreiben. In Deutschland habe ich zwei Weisheitszähne pro Tag gemacht und vier Stunden dokumentiert. Hier mache ich acht Zähne und gehe abends zufrieden nach Hause." Sie fuhr den Stuhl runter. „Heute mache ich acht. Bei Ihnen."

Sie sah sich zehn Minuten lang alles an, ohne etwas zu sagen. Dann richtete sie sich auf.

„Also. Eszter hat gut vorgearbeitet, alles, was drinbleibt, ist versorgt. Und das andere —" Sie schnalzte einmal mit der Zunge, anerkennend, fast bewundernd. „Frau Sanders, das ist eine ordentliche Zerstörung. Ohne Vorwurf. Ich hatte seit drei Monaten keinen so guten Fall."

„Guten Fall."

„Aus meiner Sicht: ja. Vier Weisheitszähne, drei Wurzelreste, ein längsfrakturierter Molar, alles in einem Nachmittag. Das ist ein Tag, an dem ich alles machen darf, was ich kann." Sie beugte sich vor, und der Ton wurde weich, ohne die gute Laune zu verlieren. „Und aus Ihrer Sicht ist es der Nachmittag, an dem der ganze Mist rauskommt. Wir haben also beide was davon."

Sie erklärte die Reihenfolge — Oberkiefer rechts, Oberkiefer links, Unterkiefer links, Unterkiefer rechts, immer eine Seite fertig, dann die nächste.

„Sie kriegen den Keil wieder. Hand heben, ich stoppe. Wenn ich ‚Druck' sage, heißt das Druck, nicht Schmerz. Druck werden Sie spüren, viel Druck. Und Sie werden mich hören. Sie hören mich durch Ihren eigenen Knochen. Das ist normal und klingt schlimmer, als es ist."

„Wie schlimm klingt es denn?"

Dr. Vargha lächelte.

„Wie eine Möbelmontage."

Die Betäubung war großzügig. Oberkiefer rechts, vestibulär und palatinal, zwei Karpulen. Warten. Prüfen mit der Sonde. Noch mal warten.

Dann der Keil, links eingelegt. Wiebke ließ den Kiefer darauf sinken.

Dann fing es an.

Zuerst das Skalpell — sie sah es nicht, sie spürte nur einen kurzen kühlen Zug am Zahnfleisch, ein Trennen ohne Schmerz. Dann ein schmales Instrument zwischen Zahn und Knochen, ein Periotom, ein Gefühl von Keil, tief und fremd.

Dann der Hebel.

Es war kein Ziehen. Das war es, was ihr niemand gesagt hatte und was sie den Rest ihres Lebens erzählen würde: Es ist kein Ziehen, es ist ein Drücken. Dr. Vargha setzte den Hebel an, legte ihn gegen den Nachbarzahn und drehte. Der Druck war enorm. Er ging durch den ganzen Schädel, durchs Nasenbein, in die Augenhöhle. Und dazu kam ein Geräusch — ein tiefes, feuchtes Knarzen, wie ein nasser Ast, der sich langsam entscheidet zu brechen —, und das Geräusch war innen, es kam nicht durch die Ohren, es kam durch den Knochen, und es war das intimste und ekelhafteste Geräusch, das Wiebke je gehört hatte.

Der Druck stieg. Und stieg. Dann gab etwas nach, und der Druck war weg.

„Achtzehn gelockert. Zange."

Bea legte etwas in die ausgestreckte Hand. Die Zange fasste — ein festes, kaltes Umgreifen, weiter unten, als ein Zahn eigentlich anfangen dürfte —, und dann kippte Dr. Vargha die Hand, einmal nach außen, einmal nach innen, langsam, mit einer Geduld, die fast zärtlich war, und drehte dabei ganz leicht.

Und dann war der Zahn draußen.

Wiebke hörte ihn, bevor sie irgendwas anderes begriff: ein kleines, helles, endgültiges Kling in der Metallschale.

„Eins", sagte Bea leise.

26 war die Arbeit, vor der Wiebke am meisten Angst gehabt hatte, weil er auf dem Röntgen ausgesehen hatte wie eine gesprengte Säule: drei Wurzeln, keine Krone, nichts zum Anfassen.

Dr. Vargha trennte ihn. Der Bohrer lief wieder, aber diesmal nicht in einer Kavität, sondern quer durch das, was übrig war. Es roch nach Knochenmehl, es spritzte, Bea saugte durchgehend. Aus einem Zahn wurden drei Wurzeln, und Dr. Vargha holte sie einzeln.

Die erste ging leicht. Die zweite brauchte drei Ansätze. Die dritte brach.

Wiebke merkte es an der Pause. An dem winzigen Innehalten, an dem „Hm" hinter dem Mundschutz.

„Apikales Fragment", sagte Dr. Vargha ruhig. „Kein Drama. Schmalen Wurzelheber. Bea, mach mal das Licht anders."

Es dauerte acht Minuten. Acht Minuten, in denen Wiebke mit offenem Mund auf einem Silikonkeil lag, während eine Frau in ihrem Oberkiefer nach einem Stück Wurzel suchte, das kleiner war als ein Reiskorn.

Sie starrte an die Decke, wo hier keine Baumkronen waren, sondern eine Deckenplatte mit einem feinen Riss in der Ecke, und sie folgte diesem Riss mit den Augen, hin und her, hundertmal.

Sie dachte an eine verrostete Reinigungsklappe in einem Keller in Kirchensittenbach, an der sie im letzten Winter fünfzig Minuten gestanden hatte, mit Kriechöl und einem Schraubendreher und irgendwann mit dem Hammer, während der Hausbesitzer alle zehn Minuten reinkam und sagte, sie solle es doch gut sein lassen, das mache doch nichts. Sie hatte es nicht gut sein lassen. Sie hatte weitergemacht, bis das Ding aufging, weil man nicht mit halber Arbeit aus einem Keller kommt.

„So", sagte Dr. Vargha. Ein winziges Kling. „Sechs Millimeter. Alles raus."

Es wurde ein Rhythmus, aber ein gröberer als am Vormittag.

Schnitt. Hebel. Knarzen. Druck. Kling.

Dazwischen die Kürettage — ein schabendes Instrument, das das leere Fach auslöffelte, und das war der Moment, in dem es bei 36 einmal wirklich wehtat, ein heller dünner Schmerz durch die Betäubung hindurch. Wiebke hob die Hand.

Und Dr. Vargha stoppte mitten in der Bewegung. Nicht am Ende der Bewegung. Mitten drin.

„Danke", sagte sie, legte das Instrument weg, spritzte nach, wartete zwei Minuten und machte weiter, als wäre nichts gewesen.

Wiebke lag da und dachte an einen Opel Corsa und daran, dass es dreizehn Jahre gedauert hatte, bis ihr jemand danke sagte, weil sie die Hand gehoben hatte.

Dazwischen die Knochenfeile, ein sandiges Schaben, mit dem die scharfen Kanten geglättet wurden — „sonst piekst das ewig unter dem Zahnfleisch". Dazwischen die Naht: der Nadelhalter, ein kurzes Stechen ohne Schmerz, das Ziehen des Fadens durch die Schleimhaut mit einem Geräusch wie ein Faden durch Stoff, ein Knoten, die Schere, schnipp.

46 war der schwerste. Die Längsfraktur hieß, dass die beiden Wurzeln schon getrennt waren, aber jede einzeln tief im Knochen saß, mit gebogenen Spitzen. Dr. Vargha arbeitete zwanzig Minuten daran. Wiebke spürte, wie sich der ganze Kopf mitbewegte, wie Bea von der anderen Seite mit der flachen Hand gegen den Unterkiefer gegenhielt, damit das Gelenk den Druck nicht abkriegte.

Dann das letzte Nachgeben. Das letzte Kling.

„Acht", sagte Bea.

Dr. Vargha richtete sich auf, rollte einmal die Schultern und atmete aus. Dann hielt sie die Metallschale kurz in Wiebkes Blickfeld.

Da lagen sie. Acht Stück, plus Fragmente. Braune, schwarze, gelbliche Dinge. Manche noch als Zahn erkennbar, manche nur Wurzeln mit einer bröseligen Kappe obendrauf. Eine Weisheitszahnwurzel war so gebogen, dass sie aussah wie ein Haken.

Wiebke sah sie an, mit offenem Mund, den Keil noch zwischen den Zähnen, das Kinn voller Blut und Speichel, die Lippen taub, der Nacken durchgeschwitzt.

Sie hatte diese Dinger zwölf Jahre in sich rumgetragen.

Sie sahen so klein aus.

Bea nahm den Keil raus. Wiebke schloss den Mund, zum ersten Mal seit Stunden. Der Kiefer klickte einmal, aber er krampfte nicht. Der Keil hatte gehalten, was er versprochen hatte.

Dr. Vargha faltete ein Stück Mull und legte es auf.

„Draufbeißen. Halbe Stunde, dann wechseln. Heute nicht ein einziges Mal ausspülen, sonst waschen Sie mir die Koagel raus. Nichts Heißes, kein Sport, kein Alkohol, keine Zigarette — rauchen Sie?"

„Hab aufgehört. Vor acht Wochen."

„Gute Woche zum Aufhören." Dr. Vargha schrieb ein Rezept. „Ibuprofen sechshundert. Und nehmen Sie die erste Tablette, bevor die Betäubung nachlässt, nicht danach. Kühlen: zwanzig Minuten drauf, zwanzig runter. Und nicht mit der Zunge an den Wunden rumfahren, was Sie trotzdem tun werden."

„Werde ich?"

„Alle tun es. Und dann erschrecken alle." Sie zog den Mundschutz runter und lächelte breit. „Erschrecken Sie ruhig. Das ist der Moment, ab dem es besser wird, auch wenn es sich nicht so anfühlt."

Sie streckte die Hand aus. Wiebke nahm sie mit einer Hand, die zitterte.

„Und noch was." Dr. Vargha hielt kurz fest. „Sie sind heute neuneinhalb Stunden in diesem Stuhl gewesen, mit sechsundzwanzig, ohne Begleitung, in einem fremden Land. Ich habe hier Männer erlebt, die nach dem dritten Zahn abgebrochen haben.

Sie sind nicht schwach, Frau Sanders. Sie waren nur allein."