Zahnrettung in Budapest
3 — Zahn für Zahn
Am nächsten Morgen ging es eine Etage höher.
Der Raum war anders. Kleiner, kälter, konzentrierter. Kein Fenster, keine Baumkronen an der Decke. Weiße Flächen, ein Operationsmikroskop an einem schweren Schwenkarm, ein zweiter Monitor, ein Röntgengerät an der Wand. Die Instrumententische waren schon gerichtet und mit grünen sterilen Tüchern abgedeckt, unter denen sich Formen abzeichneten. In einem Ständer hingen drei Spritzenkörper aus Metall, die Karpulen schon eingelegt.
Bea trug Haube und Mundschutz.
„Setzen Sie sich, ich mach Sie fertig."
Zuerst kam ein langer Umhang aus Kunststoff, dunkelgrün, kühl auf den Unterarmen, bis über die Knie, im Nacken mit einem Druckknopf. Darüber ein zweiter, kürzerer aus Papier, weiß, saugfähig.
Wiebke sah an sich runter und dachte: Zwei Lagen. Die zweite für das, was durch die erste durchkommt. Sie zog beim Kehren auch nie was an, was hell war.
Dann kam Dr. Halász.
Dr. Eszter Halász war klein, sehr schmal, schwarzes Haar unter der OP-Haube, und sie hatte Augen wie ein Tier, das nicht müde ist. Sie war auf eine völlig andere Art schön als Dr. Szalai. Nicht kühl. Hungrig.
„Frau Sanders! Guten Morgen." Sie kam mit ausgestreckter Hand herein und einem breiten, echten Lächeln. „Eszter Halász. Ich mache heute Ihre sieben Wurzelbehandlungen."
„Alle sieben?"
„Alle sieben." Sie zog sich einen Hocker heran und setzte sich auf Augenhöhe. „Es gibt zwei Sorten Patienten. Die einen wollen genau wissen, was ich mache, dann haben sie weniger Angst. Die anderen wollen es auf gar keinen Fall wissen, dann kriegen sie Kopfhörer und ich rede nicht. Welche sind Sie?"
Wiebke überlegte kurz.
„Wissen."
„Sehr gut. Meine Sorte." Dr. Halász lehnte sich zurück. „Also: Der Nerv sitzt in einem Hohlraum mitten im Zahn, oben in einer Kammer, und von da laufen ein bis vier haarfeine Kanäle nach unten bis zur Wurzelspitze. Bei Ihnen ist dieses Gewebe an sieben Zähnen entweder infiziert oder schon abgestorben. Es kommt von allein nicht wieder raus.
Ich betäube. Dann kommt ein Gummituch über den Zahn — Kofferdam. Nur der eine Zahn schaut raus, alles andere ist abgedeckt. Das ist kein Luxus, das ist Pflicht: Ich spüle mit Natriumhypochlorit, das ist im Grunde Chlorbleiche, und das darf nirgendwohin außer in den Kanal.
Dann öffne ich von oben. Dann suche ich die Kanäle. Dann messe ich elektrisch aus, wie lang jeder einzelne ist, denn ich muss exakt bis zur Spitze und keinen halben Millimeter weiter. Dann räume ich sie mit Feilen aus und spüle nach, damit auch das rausgeht, was an der Wand sitzt. Dann trockne ich mit Papierspitzen. Und dann fülle ich alles dicht zu, von unten bis oben, mit Guttapercha. Röntgen zur Kontrolle, provisorischer Verschluss, nächster Zahn."
„Und wenn was drin bleibt?"
„Dann sitzen Sie in zwei Jahren wieder mit so einer Wange irgendwo." Dr. Halász zuckte mit den Schultern. „Deswegen bleibt nichts drin."
Sie stand auf.
„Ein Molar dauert bei mir vierzig Minuten bis eine Stunde, ein Prämolar zwanzig. Sechzehn oben rechts hat vier Kanäle, und der vierte versteckt sich gern. Der wird mein Lieblingszahn heute."
Sie sagte es mit einer Freude, die Wiebke nicht sofort einordnen konnte.
„Wenn irgendwas ist: linke Hand heben. Nicht reden, nicht den Kopf drehen. Hand. Ich sehe das sofort und ich höre sofort auf."
Wiebke schluckte.
„Sofort?"
„Sofort", sagte Dr. Halász, und etwas an der Art, wie sie es sagte, ließ vermuten, dass sie diese Frage schon öfter gehört und die Vorgeschichte dazu schon öfter erraten hatte. „Ich verhandle nicht mit Leuten, die die Hand heben. Ich mache Pause und spritze nach, und Sie müssen sich dafür bei niemandem entschuldigen."
Sie zog die Lupenbrille herunter.
„Sie haben das lange mit sich rumgetragen, oder?"
„Ja."
„Heute nicht mehr", sagte Dr. Halász. Und dann, mit einem sehr kleinen Lächeln, das nur an den Augen sichtbar war: „Heute trage ich."
16.
Der Stuhl fuhr zurück, das Licht kam. Bea zog die Wange ab. Die erste Spritze ging vestibulär, ein Piks in der Umschlagfalte, so langsam gesetzt, dass es fast komisch war, ein dünnes Brennen, das sich ausbreitete. Die zweite kam palatinal und tat richtig weh — ein scharfer glasiger Druck direkt am Gaumen, bei dem Wiebke die Zehen einrollte.
„Ich weiß", sagte Dr. Halász, ohne aufzuhören. „Palatinal ist immer ekelhaft. Noch zwölf Sekunden."
Dann Warten. Die Oberlippe wurde fremd und wuchs auf das Doppelte, dann verschwand die halbe Wange. Wiebke suchte mit der Zunge und fand nichts.
Dann der Kofferdam. Eine Klammer auf 17, das blaue Tuch darübergezogen, mit Zahnseide durch die Kontakte gefädelt, Rahmen gespannt. Und plötzlich war ihr Mund kein Mund mehr. Er war eine blaue Fläche mit einem einzigen Loch, und aus dem Loch schaute ein einziger brauner, kaputter Zahn.
Es war das seltsamste Gefühl des Tages: Der Rest von ihr war abgedeckt. Sie war nur noch dieser Zahn. Und weil sie nur noch dieser Zahn war, war zum ersten Mal seit Jahren nichts mehr peinlich.
Dann kam der Bohrer.
Ein hohes, sirrendes Kreischen, ein rotes Winkelstück, das sich von oben in die Kaufläche fraß. Kein Schmerz, aber Druck, und die Vibration bis in den Schädelknochen, in die Ohren, in die Zähne der Gegenseite. Nach zehn Sekunden der Geruch: warmes Knochenmehl, ein bisschen angebrannt. Ein Geruch, den man einmal riecht und nie wieder vergisst.
„Trepanation. Zugang wird groß, da steht nichts mehr."
Der Bohrer wechselte, wurde kürzer, tiefer. Dann verstummte er. Das Mikroskop schwenkte über ihr Gesicht wie ein Kran.
Es wurde still. Nur Beas Sauger und irgendwo im Haus eine Tür.
„Mesiobukkal, hab ich. Distobukkal, hab ich. Palatinal — großer Junge, hallo." Eine Pause. „Und jetzt du."
Zwei Minuten Stille. Dann ein feines Kratzen, ein Ultraschallgerät, ein winziges Zischen.
„Ah", sagte Dr. Halász. Und dann, in einem Ton, der in einem Behandlungszimmer nichts zu suchen hatte: „Da bist du."
Sie richtete sich auf und sah Wiebke über den Rand der Brille an.
„MB2. Vierter Kanal. Neunzig Prozent aller Menschen haben ihn, die Hälfte aller Zahnärzte findet ihn nicht. Ihrer war unter einer Kalkbrücke versteckt." Sie klang wie jemand, der auf dem Dachboden ein Bild gefunden hat. „Ich hab Ihnen gesagt, das ist mein Lieblingszahn. Weiter."
Dann die Feilen. Erst von Hand — dünne Metallstifte mit farbigen Griffen, die Bea aus einem Ständer reichte. Wiebke spürte nichts davon außer einem entfernten Zupfen, tief unten, wie an einem Faden.
Dann piepte das Gerät. Ein Apexlokator, ein Kästchen, dessen Ton höher wurde, je tiefer die Feile ging, und am Ende in ein langgezogenes Dauersignal überging.
„Zweiundzwanzig. Bea? Mesiobukkal einundzwanzig fünf, MB2 einundzwanzig, distobukkal zwanzig, palatinal zweiundzwanzig."
Dann die Maschine: ein leiseres Surren, ein Motor mit einem eigenartig zögernden Rhythmus, vor und zurück und vor und zurück. Dazwischen immer wieder die Spülung, eine Spritze mit stumpfer, seitlich geöffneter Kanüle, ein feines Blubbern.
Und dieser Geruch, der jetzt durch alles ging: Schwimmbad. Chlor. Kalt, sauber, aggressiv.
Wiebke lag mit einem blauen Tuch über dem Gesicht und merkte irgendwann, dass sie an nichts dachte. Nicht an den Preis, nicht an morgen, nicht an ihr Gesicht. Zum ersten Mal seit Wochen lag der schlimmste Ort ihres Lebens einfach offen da, und jemand anders kümmerte sich darum, und sie musste dazu keine Meinung haben.
Sie schlief beinahe ein.
„Schmecken Sie was Bitteres?", fragte Dr. Halász. „Dann sitzt der Kofferdam nicht dicht."
Sie schmeckte nichts.
Ultraschallaktivierung, ein hohes Zirpen. EDTA, dann wieder Hypochlorit. Dann Papierspitzen, die Bea mit der Pinzette reichte, eine nach der anderen, eingeführt, herausgezogen, auf ein Tuch gelegt, wo sie in kleinen feuchten Bögen liegenblieben.
„Trocken. Guttapercha."
Ein Geruch nach warmem Gummi, fast süßlich. Ein Gerät mit heißem Stopfer, das leise klickte. Dazu Zement, scharf und chemisch.
Dann ein Sensor im Mund, Bea trat zurück, ein Summen, und auf dem Monitor erschien 16 in Schwarzweiß: vier weiße Linien, gerade und dicht, bis genau an die Wurzelspitzen.
Dr. Halász drehte den Monitor zu ihr.
„Da. Ihr Zahn."
Wiebke sah vier saubere Linien, wo gestern eine dunkle Wolke gewesen war.
„Der hätte Sie in zwei Jahren mit einem dicken Backen ins Krankenhaus gebracht. Nicht mehr." Dr. Halász klopfte zweimal auf die Armlehne. „Eins von sieben. Kiefer kurz entspannen."
Eine Stunde und zwölf Minuten hatte 16 gedauert.
Bei 27, dem dritten Zahn, fing der Kiefer an zu zittern.
Wiebke hatte gedacht, sie hätte es im Griff. Sie hatte den Mund offen gehalten wie eine anständige Patientin, und dann fing der Muskel unter dem Jochbogen an, unkontrolliert zu flattern, und im Gelenk vor dem Ohr zog etwas tief und stumpf, was nichts mehr mit Zähnen zu tun hatte.
Sie hielt es zwei Minuten aus. Dann noch eine.
Dann hob sie die linke Hand.
Alles hielt sofort an. Sauger raus, Mikroskop weg.
„Kiefer?"
Ein Nicken.
„Bea. Keil, mittel."
Bea kam mit etwas, das aussah wie ein Keil aus mattem Silikon, geriffelt, mit einem Zahnkranz auf der Oberseite und einer Lasche mit Zahnseide daran. Dr. Halász schob ihn rechts hinten zwischen die Zahnreihen.
„Draufbeißen. Nicht fest. Nur ablegen."
Wiebke legte den Kiefer ab.
Es war, als hätte jemand ein Gewicht abgenommen, das sie zwei Stunden gehalten hatte. Der Mund blieb offen — aber sie musste ihn nicht mehr offen halten. Das Silikon hielt. Ihre Muskeln durften aufhören. Das Zittern war nach zwanzig Sekunden weg.
„Besser?"
Nicken.
„Den hätte ich Ihnen früher geben sollen", sagte Dr. Halász beiläufig. „Aber ich wollte sehen, wie lange Sie durchhalten." Ein kleines Lachen, das sofort wieder weg war. „Sie halten sehr lange durch. Ich glaube, das ist Ihr eigentliches Problem."
Wiebke lag da und wusste nicht, ob das ein Witz gewesen war.
Sie beschloss, dass es keiner gewesen war.
Der Tag wurde ein Rhythmus.
15 ging schnell: zwei feine gebogene Kanäle, „wie zwei Haare", zweiundzwanzig Minuten. 25 war ein einziger breiter Kanal, und er blutete beim Öffnen, was hieß, der Nerv hatte noch gelebt. Wiebke spürte trotz Betäubung einen tiefen dumpfen Druck beim ersten Feilenzug, und Dr. Halász sah es an ihrem Gesicht, ohne dass eine Hand hochging, und setzte kommentarlos eine intraligamentäre Spritze — direkt in den Spalt neben der Wurzel, ein kurzer greller Druck, ein Zahn, der sich einen Moment lang anfühlte, als würde er aus dem Kiefer geschoben. Danach war Ruhe.
27 war zäh: drei stark gekrümmte Kanäle, ganz hinten links, sodass Wiebke den Kopf so weit drehen musste, dass der Nacken brannte.
Um kurz nach eins gab es Pause. Bea nahm den Kofferdam ab, fuhr den Stuhl hoch, und Wiebke saß da mit einem Mund, der sich anfühlte wie eine leergeräumte Wohnung. Sie durfte spülen. Das Wasser lief zur Hälfte am Kinn runter, weil die Lippe nicht mitmachte. Es gab lauwarmen Tee mit Strohhalm.
Dr. Halász aß im Stehen ein Sandwich und sah dabei auf die Röntgenbilder.
„Siebenunddreißig wird der schwierigste. Die mesiale Wurzel ist gebogen wie ein Angelhaken, und die Aufhellung an der Spitze ist die größere von beiden." Sie biss ab. „Der Zahn, der Ihnen die Wange dickgemacht hat."
„Und?"
„Und ich freue mich drauf."
„Worauf genau?"
Dr. Halász lachte — ein echtes, warmes, überraschend lautes Lachen.
„Auf gar nichts. Ich hab mich gerade selbst gefreut."
Im Unterkiefer war die Betäubung anders.
Bea zog die Wange weit ab. Dr. Halász tastete mit dem Daumen an der Innenseite des Kieferastes, fand eine Kante und schob die Nadel weit nach hinten, tiefer, als Wiebke für möglich gehalten hatte. Es war kein Stechen, es war ein Wandern. Dann ein dumpfer Druck von innen, ein Gefühl von zu weit, und sie machte einen Laut.
„Ich weiß. Zwanzig Sekunden."
Dann kam es: das Kribbeln in der Unterlippe, das über das Kinn wanderte, und dann die Zunge. Die halbe Zunge, dick und tot und fremd, ein Fremdkörper im eigenen Mund.
Das war das Schlimmste am ganzen Tag, schlimmer als jeder Bohrer: dass ihre eigene Zunge sich anfühlte wie ein Stück Fleisch, das jemand vergessen hatte.
35 war einfach, ein Kanal, achtzehn Minuten. 45 ebenfalls, aber schmerzempfindlich beim Aufbereiten, sodass zweimal nachgespritzt werden musste.
37 dauerte fünfundfünfzig Minuten.
Es war der Zahn, bei dem Wiebke zum ersten Mal weinte, und es hatte nichts mit Schmerz zu tun. Es war Erschöpfung, ein stilles, wütendes Laufen aus den Augenwinkeln in die Ohren, und dazu ein Gedanke, den sie nicht wegkriegte: dass sie zwölf Jahre lang ausgehalten hatte, was in acht Stunden zu erledigen war.
Bea sah es. Sie sagte nichts, tupfte ihr mit einem Zellstofftuch die Schläfe ab und ließ die Hand danach eine Sekunde länger auf ihrem Unterarm liegen, als nötig gewesen wäre.
Um zwanzig nach vier stand der letzte Kontrollröntgen auf dem Monitor: sieben Zähne, gefüllt, dicht, sauber.
Dr. Halász zog Handschuhe und Mundschutz ab. Die Wangen waren rot von acht Stunden Maske.
„Sieben von sieben, alle dicht bis zum Apex. Die zwei Entzündungen brauchen sechs bis zwölf Monate, um im Knochen auszuheilen, das sieht man dann im Röntgen. In den nächsten Tagen kann es an ein paar Zähnen beim Aufbeißen wehtun, das ist normal."
Sie legte kurz die Hand auf Wiebkes Unterarm.
„Frau Sanders. Sie waren heute sieben Stunden in diesem Stuhl und haben mich einmal unterbrochen. Einmal." Sie zog die Haube ab und schüttelte das schwarze Haar aus. „Nächstes Mal machen Sie es dreimal. Das ist eine Anweisung.
Und jetzt kommt Kinga. Bei Kinga ist es lauter."