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Zahnrettung in Budapest

2 — Erstbefund

Die Klinik lag in einem umgebauten Gründerzeithaus in Pest. Zwölf Behandlungsräume, eine eigene Laboretage, ein Empfang, der aussah wie ein Hotel und nach Zitrone roch.

Die Frau am Empfang hieß Anikó, sprach ein weiches, sehr genaues Deutsch und lächelte, ohne zu prüfen. Wiebke füllte einen Bogen aus. Beruf: Sie schrieb Schornsteinfegerin und dachte, wie oft sie diesen Kasten schon ausgefüllt hatte und wie oft jemand danach nachgefragt hatte. Letzte zahnärztliche Behandlung: Sie hielt den Stift an. Schrieb: 2013.

Die Assistentin hieß Bea, Anfang dreißig, kurze dunkle Haare, Kasack in Petrol.

„Zuerst Röntgen. Panorama und ein paar Einzelbilder."

Der Röntgenraum war klein und kühl. Die Bleischürze war schwer wie ein nasser Mantel. Bea stellte sie an das Gerät, Kinn auf die Stütze, Brust an die Platte.

„Hier reinbeißen. Zunge an den Gaumen, ganz hinten oben. Lippen zu. Und jetzt nicht schlucken, nicht bewegen, egal was passiert."

Das Gerät begann zu summen und fuhr um ihren Kopf herum, langsam, mit einem tiefen mechanischen Mahlen, das sie im Kiefer spürte. Zwanzig Sekunden. Wiebke stand da, die Lippen um ein Stück Plastik geschlossen, und dachte: So. Jetzt ist es draußen. Jetzt weiß es jemand anders auch.

Danach sechs Einzelaufnahmen. Ein Ring mit Sensor, weiß und kantig, der gegen den Gaumen und den Mundboden drückte. „Beißen. Kurz aushalten." Sie würgte einmal, Bea sagte nur „Nase, langsam", und es ging.

Dann Zimmer 4.

Auf dem Monitor an der Wand stand schon ihr Panorama, als sie hereinkam: ihr Kiefer, aufgeklappt zu einem flachen weißen Bogen.

Wiebke blieb einen halben Schritt stehen.

Man musste nichts gelernt haben, um das zu lesen. Die dunklen Löcher zwischen den Kronen. Die drei Stellen, wo ein Zahn abbrach wie eine gekappte Säule. Zwei runde schwarze Schatten an Wurzelspitzen, weich und ausgefranst wie Tinte auf nassem Papier.

„Setzen Sie sich schon mal", sagte Bea.

Der Stuhl war schwarz und kalt. An der Decke war ein Foto angebracht, Baumkronen von unten gegen Himmel. Wiebke fand das gleichzeitig rührend und lächerlich.

Dann kam die Ärztin.

Dr. Réka Szalai war Mitte dreißig, dunkelblond, das Haar streng zurückgebunden, und so schön, dass Wiebke für einen Moment ernsthaft überlegte, das Lätzchen abzunehmen und zu gehen. Vor einem müden Mann in Sandalen kann man sich schämen. Vor so einer Frau ist es was anderes.

„Frau Sanders. Guten Morgen. Ich bin Dr. Szalai." Der Händedruck war trocken und fest. „Erzählen Sie mir kurz. Was macht Beschwerden?"

Wiebke hatte sich im Flugzeug Sätze zurechtgelegt. Ganze Absätze. Jetzt saß sie da und sagte:

„Hinten. Beidseits. Und beim Kalten."

Dr. Szalai wartete. Sie war gut im Warten.

„Seit wann?"

„Länger."

„Länger heißt?"

Wiebke sah auf ihre Hände. Sie hatte Ruß unter zwei Fingernägeln, den sie am Abend vorher nicht rausgekriegt hatte.

„Zwölf Jahre."

„Danke", sagte Dr. Szalai. Keine Regung, kein Nachhaken. „Dann schaue ich mir das jetzt in Ruhe an, und danach rede ich und Sie hören zu. Einverstanden?"

„Ja."

Die Ärztin zog den Mundschutz hoch, ein blaues Rechteck, das die Hälfte des Gesichts wegnahm und die Augen groß machte. Die Handschuhe kamen mit zwei trockenen Schnappern am Handgelenk. Der Fußschalter, das Summen, der Stuhl kippte zurück, weiter, noch weiter, bis die Baumkronen schräg über ihr standen und dann von der Lampe verschluckt wurden.

Das Licht war weiß und kalt und direkt. Wiebke schloss die Augen und sah rot.

„Weit auf, bitte."

Der Spiegel schob die Wange weg, glatt und kühl. Die Sonde tastete, blieb hängen, fuhr weiter. Wiebke hörte das feine Kratzen direkt im Schädel, ein Geräusch, das außer ihr niemand im Raum so hörte.

„Bea. Aufnehmen bitte."

Und dann kam der Befund, und er kam schnell.

„Achtzehn: Wurzelrest, tief zerstört, non conservandum. — Siebzehn: okklusal-distal Karies, weich sondierbar, kein Pulpenbezug erkennbar. — Sechzehn: mesio-okklusal-distal, Karies profunda, Kavität offen bis zur Pulpakammer. Perkussion gleich. — Fünfzehn: distal profund, palatinale Wand frakturiert. — Vierzehn: okklusal, media. — Dreizehn, zwölf, elf: zervikale Läsionen vestibulär, beginnend approximal. — Einundzwanzig, zweiundzwanzig: zervikal, dazu Schmelzentkalkungen generalisiert. — Dreiundzwanzig: mesial. — Vierundzwanzig: Krone zu über achtzig Prozent verloren, nur Wurzel plus bukkale Wand. Non conservandum. — Fünfundzwanzig: distal profund. — Sechsundzwanzig —"

Die Sonde blieb stehen. Wiebke spürte, wie sie irgendwo hineinfuhr, tiefer als sie erwartet hätte, in etwas, das keinen Widerstand mehr leistete.

„— sechsundzwanzig: drei Wurzelreste, Krone vollständig verloren. Non conservandum. — Siebenundzwanzig: mesial profund, Verdacht auf Pulpabeteiligung. — Achtundzwanzig: Wurzelrest."

Bea tippte. Sie tippte schnell, und zweimal sagte sie leise „Moment, bitte", und Dr. Szalai wartete zwei Sekunden und machte weiter.

Der Unterkiefer.

„Achtunddreißig: Wurzelrest, teilretiniert. — Siebenunddreißig: okklusal-distal profund, Zustand nach Abszedierung, Perkussion gleich. — Sechsunddreißig: Stumpf bis Gingivaniveau. Non conservandum. — Fünfunddreißig: profund. — Vierunddreißig: okklusal. — Dreiunddreißig bis dreiundvierzig: zervikale Läsionen vestibulär, harte Beläge generalisiert, Sondierungstiefen folgen. — Vierundvierzig: okklusal. — Fünfundvierzig: mesial profund. — Sechsundvierzig: Längsfraktur, Wurzeln getrennt. Non conservandum. — Siebenundvierzig: mesial, media bis profunda. — Achtundvierzig: Wurzelrest."

Sie legte die Sonde weg und nahm den Luft-Wasser-Spray.

„Ich puste. Kann ziehen."

Es zog. Ein dünner kalter Strahl auf 15, und der Schmerz fuhr wie ein Draht durch die Wurzel bis unter das Auge. Wiebke krallte sich in die Armlehnen, ohne es zu merken. Ein zweiter Stoß auf 27, ein dritter auf 45, und bei 45 ging die Hand hoch, bevor sie es entscheiden konnte.

„Ja", sagte Dr. Szalai ruhig. „Das ist eine Information. Danke."

Dann der Klopftest, der Spiegelgriff, ein trockenes Tock. Tock. Tock. Bei 16 ein tiefes dumpfes Ziehen. Bei 37 zuckte sie zusammen und stöhnte.

„Perkussion positiv sechzehn, siebenunddreißig. Siebenunddreißig deutlich."

Dann die Vitalitätsprüfung: ein Wattepellet, ein Zischen aus einer Sprühdose, und dann Kälte an einem Zahn, die nichts mit normaler Kälte zu tun hatte, sondern durch alles hindurchging bis in den Nacken.

„Fünfundvierzig: verzögert, nachhallend. Sechzehn: keine Reaktion. Siebenundzwanzig: nachhallend. Fünfzehn: nachhallend. Fünfunddreißig: verzögert. Siebenunddreißig: keine Reaktion. Sechsunddreißig — na ja."

Irgendwann hörte Wiebke auf, den Zahlen zu folgen, und hörte nur noch den Takt: Kratzen, Pause, Wort, Zahl, Tippen. Kratzen, Pause, Wort, Zahl, Tippen.

Und irgendwann merkte sie, dass etwas fehlte, mit dem sie fest gerechnet hatte.

Niemand hatte Luft geholt. Niemand hatte den Blick abgewendet, niemand hatte einen Ton gemacht, keiner hatte irgendwas gesagt wie na, das sieht ja aus. Zwei fremde Frauen sahen seit fünfundzwanzig Minuten in ihren Mund, länger, als jemals ein Mensch in ihren Mund gesehen hatte, und benahmen sich dabei, als wäre das der normalste Ort der Welt.

Sie hatte sich vor allem gefürchtet außer davor. Dass es zu ertragen sein könnte, hatte sie nicht eingeplant.

Der Stuhl fuhr hoch, und die Welt kippte kurz, weil das Blut aus dem Kopf sackte.

Dr. Szalai zog den Mundschutz herunter und schwenkte den Monitor herüber, sodass beide draufsahen. Sie nahm einen Kugelschreiber als Zeigestock. Ihre Stimme war ruhig und ohne jede Weichzeichnung.

„Frau Sanders. Ich sage Ihnen das am Stück, weil es nichts bringt, es zu portionieren.

Sie haben achtundzwanzig Zähne. An sechsundzwanzig davon finde ich Karies. Bei manchen ist das eine kleine Sache. Bei manchen ist der Zahn nicht mehr da.

Acht kann ich nicht retten: die vier Weisheitszähne, alle zerstört. Dazu vierundzwanzig, sechsundzwanzig, sechsunddreißig, sechsundvierzig. Das sind Stümpfe und Wurzelreste. Da ist nichts mehr, worauf man etwas aufbauen könnte. Die kommen raus.

Sieben brauchen eine Wurzelbehandlung, weil der Nerv entweder tot ist oder es in den nächsten Monaten wird: sechzehn, fünfzehn, fünfundzwanzig, siebenundzwanzig, siebenunddreißig, fünfunddreißig, fünfundvierzig. Bei sechzehn und siebenunddreißig sehen Sie hier" — der Stift tippte zweimal gegen den Bildschirm, auf zwei dunkle Höfe — „eine Aufhellung an der Wurzelspitze. Das ist eine chronische Entzündung im Knochen. Die hatten Sie schon, bevor Ihre Wange dick war. Der Abszess war nur der Moment, in dem sie mal laut geworden ist.

Alles andere wird gefüllt. Und dann reden wir über Zahnersatz, denn nach acht Extraktionen haben Sie vier Lücken."

Wiebke sagte nichts.

„Und jetzt sage ich Ihnen noch etwas", sagte Dr. Szalai, „und das ist kein Trost, sondern ein Befund: Ihr Knochen ist hervorragend. Ihre Sondierungstiefen sind für dieses Bild absurd gut, drei bis vier Millimeter, ein paar Fünfer, Blutung ja, aber kein Attachmentverlust, der uns die Sache kaputt macht. Sie haben keinen Zahnfleischschwund. Sie haben eine Unterkieferfront, die komplett zu retten ist.

Das heißt: Das hier ist ein sehr großer Schaden auf einem sehr guten Fundament. Der Grund dafür heißt sechsundzwanzig. Sie sind jung. Ihr Körper hat nichts falsch gemacht."

Sie legte den Stift hin.

„Ich muss Ihnen aber eine Sache ehrlich sagen, und das ist die einzige unangenehme Stelle im ganzen Plan. Bei einer Sechsundzwanzigjährigen würde ich normalerweise über Implantate reden statt über Brücken. Vier Lücken, junger Knochen, das wäre die schönere Lösung, und es würde die Nachbarzähne schonen."

„Und?"

„Und es geht in Ihrem Fall nicht besser, sondern nur teurer." Dr. Szalai zog eine zweite Seite hervor. „Weil Ihre Pfeilerzähne sowieso alle überkront werden müssen. Fünfundzwanzig, siebenundzwanzig, fünfunddreißig, siebenunddreißig, fünfundvierzig — die kriegen alle eine Wurzelbehandlung und haben kaum noch Substanz. Die brauchen eine Krone, ob da eine Lücke daneben ist oder nicht. Ich schleife also keinen einzigen gesunden Zahn an, um eine Brücke zu machen. Bei Implantaten hätten Sie: dreimal Anreise, sechs Monate Einheilzeit, und ungefähr das Doppelte."

„Dann Brücken."

„Dann Brücken", sagte Dr. Szalai, und Wiebke hörte an dem winzigen Nicken, dass sie die richtige Antwort gegeben hatte.

Sie zog ein Blatt aus dem Drucker.

„Der Plan. Morgen früh acht Uhr: sämtliche Wurzelbehandlungen, das macht meine Kollegin Dr. Halász, Endodontologin, die macht nichts anderes. Direkt im Anschluss die Extraktionen, Dr. Vargha, Kieferchirurgin. Das wird ein langer Tag — acht bis zehn Stunden, ich sage Ihnen das vorher. Dann zwei Tage Pause. Dann Füllungen, bei mir. Dann Präparation und Provisorium, bei mir. Dann eine Woche Labor, in der Sie Urlaub machen. Dann Einprobe und Eingliederung."

Wiebke las die Summe unten rechts. Sie kannte sie. Die Hälfte davon lag seit vier Jahren auf einem Tagesgeldkonto, die andere Hälfte hatte ein zweiundsechzigjähriger Mann aus Pommelsbrunn bar auf einen Schreibtisch gelegt.

„Und das sieht man hinterher?", fragte sie. „Also — dass es gemacht ist?"

Dr. Szalai sah sie an, und zum ersten Mal war etwas anderes im Gesicht als Professionalität. Etwas Schnelles.

„Frau Sanders. Ästhetik ist mein Fachgebiet. Wenn ich fertig bin, sieht niemand, dass etwas gemacht wurde. Man sieht dann nur noch, dass Sie ein außergewöhnlich hübsches Gesicht haben." Sie stand auf. „Was übrigens ein Satz ist, den ich in diesem Beruf ungefähr dreimal im Jahr sage. Nehmen Sie ihn ernst."

Wiebke schaffte es bis zum Aufzug.