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Zahnrettung in Budapest

1 — Reichenschwand, im Februar

Es war zehn vor acht, minus zwei Grad, und Wiebke Sanders saß auf einem Reihenhausdach im Pegnitztal und wartete darauf, dass ihre Finger wieder mitmachten.

Das Kehrgerät hing im Schacht, die Kugel unten irgendwo im zweiten Zug, das Seil lief durch ihre linke Hand. Über dem Talrand stand ein rosa Streifen, wo die Sonne gleich hochkommen würde, dahinter die Hügel weiß überzogen. Sie zog an, ließ nach, zog an. Das Geräusch war unten im Haus lauter als hier oben — ein Rasseln in der Wand, das sie seit zehn Jahren mochte, weil es bedeutete, dass alles funktionierte.

Sie holte das Gerät hoch, schloss die Mündung, stieg über den First zurück zur Leiter und ging runter. Die Jacke war schwarz, die Hose war schwarz, das Gesicht war zu drei Vierteln sauber und zu einem Viertel nicht. Im Transporter lag der Zylinder auf dem Beifahrersitz, den sie nur aufsetzte, wenn sie an einer Haustür klingelte, weil die Leute darauf bestanden, ohne es zu sagen.

Sie setzte ihn auf, nahm das Klemmbrett und klingelte.

Die Frau, die aufmachte, war Ende dreißig, im Bademantel, hinter ihr im Flur ein Junge, vielleicht sechs, im Schlafanzug, mit einem Toastbrot in der Hand. Der Junge blieb sofort stehen und guckte.

„Fertig", sagte Wiebke. „Alles frei, Abgaswerte sind gut. Ich brauch nur eine Unterschrift."

„Mama." Der Junge kam einen Schritt näher. „Ist das die Glücksfrau?"

„Timo."

„Darf ich anfassen?"

Wiebke hielt still, wie immer, und der Junge tapste heran und legte die Hand auf die Messingknöpfe an ihrer Jacke, feierlich, wie an ein Denkmal. Dann guckte er hoch.

Er guckte lange. Kinder gucken lange, sie haben da keine Regeln.

„Warum machst du beim Reden den Mund zu?"

Der Flur wurde sehr still.

„Timo!", sagte die Mutter. „Entschuldigen Sie."

„Alles gut", sagte Wiebke. Sie hörte ihre eigene Stimme wie durch Watte. Sie hielt der Frau das Klemmbrett hin, mit ausgestrecktem Arm, und drehte den Kopf dabei ein bisschen zur Seite, so wie sie es seit Jahren tat und wie sie es in diesem Moment zum ersten Mal an sich selbst bemerkte. „Hier unten bitte. Und einmal das Datum."

Sie riss den Durchschlag ab, sagte tschüss, ging über den nassen Gartenweg zurück zum Transporter, stieg ein, zog die Tür zu.

Dann heulte sie zwölf Minuten lang.

Wiebke Sanders war sechsundzwanzig. Sie hatte mit vierzehn zum letzten Mal auf einem Zahnarztstuhl gesessen.

Es gab dafür einen Grund, und der Grund war so banal, dass sie sich schämte, ihn überhaupt zu haben. Mit dreizehn eine tiefe Füllung, eine Praxis, die zu voll war, eine Spritze, die nicht gewirkt hatte, und ein Arzt, der weitergemacht hatte, als sie die Hand hob, weil sie ja nur ein Kind war und Kinder immer die Hand heben. Sie hatte geschrien. Danach hatte ihre Mutter im Auto gesagt: Musst du dich so anstellen? Vor allen Leuten?

Und das war es. Kein Trauma, das man in einem Film zeigen würde. Nur ein Satz, ein einziger Satz auf dem Beifahrersitz eines Opel Corsa, und eine Dreizehnjährige, die daraus schloss: Schmerzen sind kein Argument. Sich melden ist peinlich. Man hält aus.

Mit vierzehn ging sie nicht mehr hin. Mit sechzehn fing die Lehre an — Aufstehen um halb sechs, Kehrbezirk, Ruß, und in der Mittelkonsole immer zwei Dosen Energy, weil man im Dunkeln nicht anders wach wird. Sie trank sie den ganzen Tag, in kleinen Schlucken, über Stunden verteilt. Das war das Schlimmste daran, sagte ihr später eine ungarische Ärztin: nicht die Menge. Die Dauer. Der Zahn hat nie eine Pause.

Mit achtzehn das erste Loch, das sie mit der Zunge fühlen konnte. Mit zwanzig zwei. Mit zweiundzwanzig brach hinten links ein Stück Zahn ab, während sie ein Brötchen aß, und sie spuckte es in die Hand und sah es an und schmiss es weg und ging weiter arbeiten.

Mit vierundzwanzig hörte sie auf zu lachen.

Nicht bewusst. Es passierte einfach: Man entwickelt Techniken. Man dreht den Kopf beim Sprechen ein bisschen zur Seite. Man hält beim Lachen die Oberlippe unten, was aussieht wie ein schiefes, cooles Grinsen und Wiebke auf dem Bau den Ruf einbrachte, arrogant zu sein. Man hat auf Fotos die Hand am Zylinderrand, als richte man ihn gerade. Man hat immer Kaugummi. Immer. Man kauft sie in Zehnerpacks. Und man steht bei Gesprächen leicht seitlich, immer leicht seitlich, weil man nicht weiß, ob man riecht, und weil man es niemanden fragen kann, und weil man in diesem Beruf zwanzig Zentimeter vor fremden Menschen in engen Kellern und Treppenhäusern steht.

Das war der eigentliche Witz an ihrem Leben. Sie hatte sich einen Beruf ausgesucht, in dem man jeden Tag an zwölf bis zwanzig Türen klingelt und jedes Mal jemandem ins Gesicht sieht. Und sie hatte zwölf Jahre damit verbracht, dieses Gesicht halb geschlossen zu halten.

Vier Wochen nach Reichenschwand klingelte sie an einer Tür, und die Frau, die aufmachte, sah sie an und sagte: „Mädchen. Ihre Wange."

Wiebke hatte es an dem Morgen schon gemerkt und ignoriert. Ein Abszess an 37, der nach zwei Tagen die linke Gesichtshälfte hochtrieb, bis das Auge halb zu war. Sie ging trotzdem drei Häuser weiter, dann rief Achim an, ihr Bezirksschornsteinfegermeister, und sagte in dem Ton, in dem er selten sprach: „Du fährst jetzt sofort zum Arzt, und du kommst erst wieder, wenn das weg ist."

Es gab Antibiotika. Es ging weg. Und in der Woche, in der es wegging, saß Wiebke abends auf ihrem Sofa und tippte in die Suchleiste, was sie sich vier Jahre lang nicht getraut hatte zu tippen.

Der Anbieter hieß Danube Dental Travel, und die Frau am Telefon, Frau Petzold aus Augsburg, hörte sich alles an, ohne einmal Luft zu holen.

„Wie alt sind Sie?"

„Sechsundzwanzig."

Eine Pause. Nicht lang. Aber Wiebke hörte sie.

„Ist ungewöhnlich, ich weiß", sagte sie schnell.

„Nein", sagte Frau Petzold. „Es ist häufiger, als Sie glauben. Es ist nur seltener, dass jemand mit sechsundzwanzig anruft. Die meisten rufen mit vierzig an und haben dieselben zwölf Jahre hinter sich, nur später." Papiergeraschel. „Schicken Sie mir Fotos. Mit Blitz, Mund weit auf, Ober- und Unterkiefer, und die Seiten."

Wiebke brauchte fünf Abende für die Fotos. Beim vierten Versuch legte sie das Handy weg, ging in die Küche und stand da, beide Hände an der Arbeitsplatte, bis der Atem wieder normal ging.

Das Geld hatte sie zur Hälfte. Die andere Hälfte legte Achim auf den Tisch, in seinem Büro, zwischen Kehrbuch und Kaffeetasse, und sagte dabei nichts weiter als: „Zahlst du zurück, wenn du kannst. Und wenn nicht, auch gut. Ich hab keine Tochter."

Sie hatte ihn nie umarmt, in vier Jahren nicht. Sie tat es auch da nicht. Sie sagte „Alles klar" und ging raus und weinte im Transporter, was sich langsam zu einem Muster entwickelte.

Der Flug ging um sechs Uhr fünfundfünfzig ab Nürnberg. Sie hatte sich einen Fensterplatz genommen und einen Hoodie mit Kragen, den sie hochziehen konnte. Als der Steward Getränke brachte, bestellte sie Wasser, was sie seit acht Wochen tat, in dem völlig absurden Gefühl, damit noch irgendwas zu retten.

Budapest war grau und weit. Am Ausgang stand ein junger Mann mit einem Schild, auf dem ihr Name richtig geschrieben war, mit ie. Er hieß Zoltán, nahm ihr die Tasche ab und redete auf der ganzen Fahrt nicht, wofür sie ihm dankbar war.

Das Hotel lag im siebten Bezirk. An der Rezeption bekam sie eine Karte, einen Umschlag mit dem Terminplan und einen kleinen Teller mit zwei Aprikosen.

Sie bedankte sich, ging aufs Zimmer und legte die Aprikosen auf den Nachttisch, wo sie zwei Wochen später immer noch lagen.

Nachts um zwei stand sie im Bad, machte das Licht an und öffnete den Mund.

Sie sah vierzig Sekunden hin. Länger schaffte sie nicht.

Morgen guckt das jemand anders, dachte sie. Zum ersten Mal seit zwölf Jahren guckt das jemand anders.

Dann machte sie das Licht aus.