Computerfehler

Zusammenbruch auf der Bank

Sarah hielt es auf der Bank nicht lange hinter der Fassade.

Zuerst war es nur ein Zittern in den Händen. Dann kam der Druck hinter den Augen, und plötzlich ließen sich die Tränen nicht mehr zurückhalten. Sie kauerte sich auf der Holzbank zusammen, die Arme um den Oberkörper geschlungen, und weinte – still und heftig, die Schultern zuckend, das Gesicht in den Händen vergraben. Der Park um sie herum war fast leer. Nur der Wind bewegte die Blätter der Kastanien.

Schritte näherten sich auf dem Kiesweg. Sie wurden langsamer und hielten an.

„Frau Schmidt?“

Sarah zuckte zusammen und sah auf. Dr. Vogel stand vor ihr, die Aktenmappe unter dem Arm, der weiße Kittel offen. Für einen Moment wirkte sie überrascht, dann setzte sie sich ohne weitere Worte auf die Bank, einen respektvollen Abstand lassend.

„Was ist los?“, fragte sie ruhig. Kein ärztlicher Tonfall, eher direkt und nüchtern.

Sarah wischte sich grob über das Gesicht. Der Damm war gebrochen. Die Worte kamen, bevor sie sie noch einmal zurückhalten konnte.

„Alles“, brachte sie heiser heraus. „Ich hab alles falsch gemacht.“

Dr. Vogel blieb still und wartete.

Sarah erzählte.

Von Marcus und dem Doppelzimmer. Von der Kontrolle, die sie ihm gegeben hatte, den Toys, den Klammern, den Liebeskugeln, dem Sex, dem Kuss, den er eigentlich nicht gewollt hatte. Von Celina – dem Bewegungsbad, der abgeschlossenen Tür, der Nacht in ihrer Wohnung, dem langen Gespräch und der Zärtlichkeit. Davon, dass sie gestern Abend mit Marcus Regeln vereinbart hatte: Er behält die Kontrolle, sie darf Celina sehen, muss es aber vorher sagen. Und dass sie Celina das heute Morgen wie ein fertiges Paket vor die Füße gelegt hatte.

„Sie war verletzt. Zu Recht. Ich hab sie nicht gefragt, ich hab sie nur informiert. Und jetzt habe ich ein Scheiß-Gewissen, das Konsil hängt mir im Nacken, ich bin in einem Einzelzimmer, und ich weiß nicht mehr, ob ich irgendetwas davon richtig mache.“

Die Tränen liefen wieder. Sarah starrte auf ihre Hände.

„Bei der Untersuchung bei Ihnen … das mit dem Strom und dem Orgasmus … das war nicht nur Medizin für mich. Das hat etwas in mir ausgelöst, das ich kaum aushalte und gleichzeitig brauche. Und jetzt sitze ich hier und habe das Gefühl, ich zerstöre gerade zwei Menschen und mich selbst dazu.“

Dr. Vogel hörte zu, ohne sie zu unterbrechen. Als Sarah fertig war und nur noch atmete, sagte sie nach einer Weile leise:

„Das ist eine ganze Menge.“

Sie legte die Mappe beiseite und drehte sich etwas mehr zu Sarah.

„Sie haben mir gerade mehr erzählt als in der gesamten Untersuchung. Und Sie haben es mir erzählt, nicht dem Psychologen. Das merke ich mir.“

Einen Moment lang lag nur das Rascheln der Blätter zwischen ihnen.

„Ihr Konsil ist heute um 14:15, habe ich gehört. Gehen Sie hin. Sagen Sie dort so viel oder so wenig, wie Sie für richtig halten. Aber das, was Sie mir gerade anvertraut haben, bleibt vorerst zwischen uns – solange keine Gefahr für Sie oder andere besteht.“

Dr. Vogel erhob sich, glättete den Kittel und sah auf Sarah hinunter.

„Weinen Sie aus. Dann trinken Sie etwas. Und erscheinen Sie pünktlich.“

Sie ging ein paar Schritte, blieb noch einmal stehen und fügte hinzu, fast unhörbar:

„Sie sind nicht die Einzige, die gerade mit Dingen kämpft, die sie nicht geplant hat.“

Dann entfernte sie sich Richtung Klinikgebäude.

Sarah blieb auf der Bank zurück, die Wangen nass, die Brust schmerzhaft eng – und zum ersten Mal seit Stunden nicht mehr völlig allein mit dem, was in ihr tobte.