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Schlechtes Gewissen
Teil 102: Schlechtes Gewissen
Im Einzelzimmer 214 war es still. Zu still.
Sarah saß auf dem neuen Bett, den Rücken an die Wand gelehnt, und starrte auf die gegenüberliegende Wand. Das Poloshirt fühlte sich fremd an, der Sport-BH zu eng. Die Toys und das alte T-Shirt lagen bei Marcus. Hier war nichts von ihm. Nur der leere Schrank, das frische Laken und der Zettel mit dem Konsil-Termin am nächsten Tag.
Celinas Gesicht tauchte immer wieder vor ihr auf.
Nicht das erregte, nasse Gesicht aus der Nacht. Sondern das vom Vormittag: blass und rot zugleich, die Arme verschränkt, die Stimme heiser vor zurückgehaltener Enttäuschung. „Das habt ihr also unter euch ausgemacht. Über mich.“
Sarah zog die Knie an die Brust und umfasste sie. Der Rheumaschmerz in den Gelenken meldete sich dumpf, doch er war nichts gegen das unangenehme Ziehen in der Magengegend.
Sie hatte Celina vor vollendete Tatsachen gestellt. Erst mit Marcus die Regeln verhandelt. Dann Celina informiert – nicht gefragt.
Du hättest mich vorher fragen können.
Der Satz hing in ihr wie ein Schuldvorwurf, den sie nicht abschütteln konnte. Celina hatte sich im Bewegungsbad und im Zimmer für sie eingesetzt, hatte sich vor Marcus gestellt, hatte eine ganze Nacht zugehört und sie zärtlich berührt. Und als Gegenleistung bekam sie ein Regelwerk, das bereits feststand, bevor sie den Mund aufmachen konnte.
Sarah preßte die Stirn gegen die Knie.
Ein Teil von ihr rechtfertigte sich sofort: Ich musste erst mit Marcus klären, wo ich stehe. Sonst hätte ich Celina etwas versprochen, das ich nicht halten kann. Ein anderer Teil antwortete gnadenlos: Du hast sie zum Anhang gemacht. Zur offiziellen Zarten, die geduldet wird, solange sie die Hierarchie nicht stört.
Das schlechte Gewissen fraß sich tiefer. Nicht laut und dramatisch, sondern leise und beharrlich. Es mischte sich mit der Angst, dass Celina morgen absagen würde – und mit der noch unangenehmeren Angst, dass sie zustimmen und dabei etwas in sich abschneiden würde, nur um bei Sarah zu bleiben.
Sarah griff zum Handy, tippte eine Nachricht an Celina und löschte sie wieder. Dann tippte sie eine zweite und löschte auch die.
Sie legte das Handy beiseite und schloss die Augen.
In ein paar Stunden würde Celina ihre Antwort geben. Und bis dahin blieb nur dieses dumpfe, nagende Gefühl, etwas schief gemacht zu haben – obwohl sie dachte, sie hätte ehrlich gehandelt.