Computerfehler
Ein langes Gespräch
Sarah duschte in Celinas kleinem Bad und spürte, wie das heiße Wasser den Körper reinigte, aber den inneren Aufruhr nicht erreichte. Danach zog sie den weichen Schlafanzug an und setzte sich neben Celina aufs Sofa. Celina trug einen kurzen, dunkelgrauen Zweiteiler. Tee dampfte auf dem Tisch. Die Stehlampe warf warmes Licht.
Sie begannen zu reden – und je länger das Gespräch dauerte, desto schärfer traten die Brüche in Sarah zutage.
Ich sitze hier und rede über Marcus, als wäre er eine Gleichung, die ich lösen muss. Dabei fühlt sich sein „Gut“ immer noch an wie der einzige Satz, der in mir Ordnung schafft.
Sie erzählte von der Kontrolle, die sie ihm gegeben hatte. Von den Klammern, dem Plug, den Liebeskugeln, dem Blick, mit dem er sie zum Kommen brachte. Während sie sprach, spürte sie gleichzeitig Celinas Wärme neben sich und hasste sich ein Stück weit dafür, dass ihr Körper darauf reagierte.
Wenn ich bei ihm bin, weiß ich, wer ich bin: die, die sich hingibt. Die, die nicht entscheiden muss. Hier, bei Celina, muss ich plötzlich selbst wählen. Und ich weiß nicht, ob ich das überhaupt noch kann.
Celina fragte leise: „Wann hast du gemerkt, dass du ihm die Kontrolle wirklich geben willst?“
Sarah brauchte lange für die Antwort. „Als er meine Toys gefunden hat und nicht gelacht hat. Als er gesagt hat ‚Gut‘. Da ist etwas in mir eingeklinkt. Als hätte jemand endlich den Schalter gefunden, den ich selbst nie bedienen konnte.“ Sie biss sich auf die Lippe. „Und genau das macht mir Angst. Weil ich merke, wie sehr ich davon abhängig werde. Dass ich ohne seine Anweisungen irgendwie … orientierungslos bin.“
Und jetzt sitze ich hier und suche Orientierung bei einer anderen Frau. Was sagt das über mich?
Sie sprach weiter, ehrlicher, als sie es vorhatte. Über die Angst, sich nur noch über Marcus zu definieren. Darüber, dass sein Eisbär und die Impotenz sie nicht abschreckten, sondern näherbrachten – und dass genau diese Nähe sie erschreckte. „Manchmal denke ich, ich gehöre ihm bereits. Komplett. Und dann kommtst du und fasst mich an, und mein Körper antwortet genauso heftig. Als hätte er zwei Herren.“
Celina hörte zu, ohne zu unterbrechen. Als sie selbst sprach – von dem Moment im Becken, dem abgeschlossenen Raum, der Schuld und dem Hunger – spürte Sarah, wie sich etwas in ihr gegen die Worte wehrte und gleichzeitig danach griff.
Ich will sie. Ich will ihre Hände, ihren Mund, diese unprofessionelle Gier. Und gleichzeitig höre ich Marcus’ Stimme in meinem Kopf, die sagt: ‚Du hast mir die Kontrolle gegeben.‘ Habe ich sie gebrochen, indem ich hier bin? Oder habe ich sie gerade erst wirklich übernommen, weil ich selbst entschieden habe zu kommen?
Die Stunden zogen sich. Irgendwann lag Sarahs Kopf auf Celinas Schulter, ihre Finger spielten unruhig am Saum des Schlafanzugs. Der Konflikt tobte weiter:
Ein Teil von ihr wollte aufstehen, sich entschuldigen und zurück in die Klinik zu Marcus gehen – in das Doppelzimmer, den Eisbären, die klare Hierarchie.
Ein anderer Teil wollte Celinas Top hochschieben, die schweren Brüste spüren und sich für den Rest der Nacht in dieser anderen, weicheren Intensität verlieren.
Ein dritter, erschöpfter Teil wollte einfach nur aufhören, sich entscheiden zu müssen.
Celina fragte irgendwann: „Wenn du morgen zu ihm zurückgehst – was glaubst du, wirst du ihm sagen?“
Sarah starrte in die leere Teetasse. Die Antwort, die kam, war die ehrlichste und gleichzeitig die zerrissenste:
„Dass ich ihn immer noch brauche. Dass sein ‚Gut‘ mich immer noch trifft wie nichts anderes. Und dass ich dich trotzdem auch brauche. Und dass ich keine Ahnung habe, wie man beides sein kann, ohne einen von euch oder mich selbst zu verraten.“
Celina küsste sanft ihre Schläfe. Sarah schloss die Augen und spürte, wie die Tränen kamen – nicht aus Traurigkeit allein, sondern aus der schieren Überforderung, zwischen zwei Arten von Zugehörigkeit hin- und hergerissen zu sein.
Draußen war es still.
Drinnen blieb der Konflikt ungelöst.
Nur das lange Gespräch hielt ihn aus, ohne ihn zu beenden.