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Sarah sagt die Wahrheit

Teil 67: Sarah berichtet Marcus die Wahrheit

Sarah fand Marcus am späten Nachmittag in ihrem gemeinsamen Zimmer. Er saß auf seinem Bett, den Rücken an die Wand gelehnt, den kleinen abgegriffenen Eisbären neben dem Kopfkissen. Als sie eintrat, legte er das Buch beiseite.

„Du warst bei ihr“, stellte er fest.

„Ja.“ Sarah schloss die Tür und blieb einen Moment stehen. Dann setzte sie sich auf die Kante ihres eigenen Bettes, ihm gegenüber. Die Hände lagen flach auf den Oberschenkeln.

„Ich habe mit Celina gesprochen. Sie will es auch. Eine Nacht nur wir beide.“

Marcus schwieg und wartete.

Sarah holte einmal tief Luft. „Ich habe mich für die kommende Nacht in der Klinik abgemeldet. Offiziell. Private Übernachtung außerhalb. Ich gehe zu ihr. In ihre Wohnung.“

Ein kurzes Zucken ging durch Marcus’ Kiefer. Er sagte nichts, aber sein Blick wurde enger.

„Das ist die Wahrheit“, fuhr Sarah fort, die Stimme ruhig, obwohl ihr Herz heftig schlug. „Ich will das. Nicht weil ich dich zurückweise. Nicht weil ich die Kontrolle, die ich dir gegeben habe, zurücknehme. Sondern weil ich spüre, dass da bei Celina etwas ist, das ich klären muss. Allein mit ihr. Ohne dass du zusiehst. Ohne dass du lenkst.“

Sie hielt seinen Blick fest.

„Ich komme morgen früh zurück. Vor der ersten Therapie. Und dann sage ich dir, was dabei herausgekommen ist. Egal, was es ist. Das habe ich dir versprochen.“

Marcus atmete langsam aus. Seine Finger trommelten einmal kurz auf der Matratze, dann wurden sie still.

„Du gehst also zu ihr“, sagte er leise. „In ihre Wohnung. Eine ganze Nacht. Und ich bleibe hier.“

„Ja.“

Er nickte langsam, als würde er die Information innerlich einordnen. „Und wenn du danach feststellst, dass du eher zu ihr gehörst als zu mir?“

Sarah schluckte. „Dann sage ich dir das. Ehrlich. So wie ich dir jetzt ehrlich sage, dass ich diese Nacht brauche.“

Eine lange Stille legte sich über das Zimmer. Der Eisbär lag unbewegt neben Marcus’ Hand. Schließlich lehnte er den Kopf gegen die Wand und schloss kurz die Augen.

„Gut“, sagte er dann. Das Wort klang diesmal anders als sonst – schwerer, zurückhaltender. „Dann geh. Klär, was du klären musst. Und komm zurück und berichte.“

Sarah spürte, wie sich etwas in ihrer Brust zusammenzog. Sie stand auf, trat zu seinem Bett und blieb vor ihm stehen.

„Danke, dass du mich lässt.“

Marcus öffnete die Augen und sah sie an. Für einen Moment lag etwas Ungeschütztes in seinem Blick, bevor die gewohnte Kontrolle zurückkehrte.

„Ich lasse dich nicht“, korrigierte er leise. „Ich warte. Das ist ein Unterschied.“

Sarah nickte. Sie beugte sich kurz vor und drückte ihm einen leichten Kuss auf die Wange – genau wie am Morgen, nur diesmal zögerlicher. Dann trat sie zurück.

„Bis morgen früh.“

„Bis morgen früh, Sarah.“

Sie nahm ihre Tasche mit dem Nötigsten und verließ das Zimmer.
Hinter ihr blieb Marcus sitzen, den Eisbären in Reichweite, und starrte auf die geschlossene Tür.