Computerfehler

Sarah sucht das Gespräch mit Marcus

Nach dem Mittagessen ging Sarah langsam den Flur zurück. Die Kaltgas-Therapie hatte die Gelenke etwas beruhigt, doch der innere Aufruhr war geblieben. Die Frage, wem sie gehören wollte – sich selbst, Marcus oder Celina – ließ sie nicht los. Irgendwann musste sie Klarheit schaffen. Und dafür brauchte sie Raum.

Sie fand Marcus vor dem Gruppenraum der Schmerztherapie. Er lehnte an der Wand, die Arme vor der Brust verschränkt, und wartete offenbar auf sie. Als er sie sah, musterte er sie aufmerksam.

„Du warst allein beim Essen“, stellte er fest.

„Ja.“ Sarah blieb vor ihm stehen, die Hände im Stoff der Jogginghose vergraben. Der Sport-BH saß fest, der Slip erinnerte sie bei jeder Bewegung an die Empfindlichkeit darunter. Sie holte einmal tief Luft.

„Ich muss dir etwas sagen.“

Marcus nickte knapp. „Dann sag es.“

Sarah sah ihn direkt an. Die graublauen Augen waren ruhig, aber wach. Sie spürte den gewohnten Zug, sich seiner Kontrolle zu unterwerfen – und genau deshalb musste sie es jetzt aussprechen.

„Ich möchte eine Nacht mit Celina allein verbringen. Nur wir beide. Ohne dich.“

Einen Moment lang veränderte sich nichts in seinem Gesicht. Dann hob er leicht eine Augenbraue.

„Warum?“

„Weil ich nicht klarkomme.“ Sarahs Stimme war leise, aber fest. „Zwischen dir und ihr und … mir selbst. Heute Vormittag im Zimmer war intensiv. Zu intensiv, um einfach so weiterzumachen. Ich spüre bei dir diese klare Kontrolle, die ich brauche. Bei Celina etwas anderes – Wilderes, Näheres, das mich auch nicht loslässt. Und irgendwo dazwischen versuche ich noch herauszufinden, was ich selbst will.“

Sie schluckte.

„Ich will mir meine Gefühle klarwerden. Dafür brauche ich eine Nacht, in der nur sie und ich sind. Ohne dass du zusiehst, ohne dass du entscheidest. Danach kann ich dir ehrlicher sagen, wo ich stehe.“

Marcus schwieg. Sein Blick blieb auf ihr liegen, prüfend, undurchdringlich. Die Stille zwischen ihnen zog sich.

Schließlich sagte er ruhig: „Du bittest mich also, die Kontrolle für eine Nacht abzugeben. An sie.“

„Ich bitte dich, mir den Raum zu lassen“, korrigierte Sarah. „Nicht weil ich dich zurückweise. Sondern weil ich sonst Gefahr laufe, mich nur noch über dich zu definieren. Und das will ich nicht. Nicht ganz.“

Marcus atmete einmal langsam aus. Dann stieß er sich von der Wand ab.

„Wann?“

„Heute Nacht. Wenn sie Zeit hat und einverstanden ist.“

Er musterte sie noch einen Moment länger. In seinen Augen lag etwas, das wie Abwägung aussah – und darunter ein Anflug von dem alten, kontrollierten Schmerz, den er selten zeigte.

„Dann frag sie“, sagte er schließlich. „Und komm danach zu mir. Egal, was dabei rauskommt. Du schuldest mir die Wahrheit. Nicht mehr und nicht weniger.“

Sarah spürte, wie sich etwas in ihrer Brust löste und gleichzeitig enger wurde. Sie nickte.

„Das bekommst du.“

Marcus hob kurz die Hand, strich mit dem Daumen über ihre Wange – eine seltene, fast zärtliche Geste – und ließ sie dann sinken.

„Geh. Und sei vorsichtig mit dem, was du zulässt.“

Sarah drehte sich um und ging Richtung Physio-Bereich, das Herz schwer und erleichtert zugleich.

Die Entscheidung war ausgesprochen.

Jetzt musste Celina nur noch ja sagen.