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Die Geschichte vom kleinen Eisbär
Was hinter Marcus’ Eisbär steckt
Der kleine, abgegriffene Eisbär war kein Kindheitssouvenir und auch kein zufälliges Mitbringsel. Er stammte aus der Neurochirurgie der Uniklinik Mainz.
In der zweiten oder dritten Woche nach der gescheiterten ersten Operation, als beide Beine noch vollständig gelähmt waren und Marcus nicht einmal die Bettdecke selbst richten konnte, hatte eine der Nachtpflegerinnen ihn hingelegt. Sie hatte ihn aus dem Fundus der Kinderstation mitgebracht – „als kleinen Anker“, hatte sie gesagt. Damals hatte Marcus nur stumm genickt. Sprechen war anstrengend, und der Bär lag plötzlich da, an genau der Stelle, an die er heute noch gehörte: links neben dem Kopfkissen.
In den Nächten, in denen die beiden Mitpatienten starben – der eine plötzlich, der andere langsam und röchelnd –, hatte Marcus den Bären im Dunkeln festgehalten. Nicht aus Sentiment, sondern weil er das Einzige war, das er mit den Händen erreichen und drücken konnte, während der Rest seines Körpers regungslos blieb. Die abgewetzte Stelle am Bauch und die schiefe Naht stammten aus genau diesen Nächten. Irgendwann war ein Auge abgerissen; er hatte es später selbst notdürftig wieder angenäht, mit einem Faden aus dem Nähkästchen der Reha-Klinik in der Wetterau.
Als er wieder laufen lernte und die Klinik verließ, steckte er den Bären ein. Nicht weil er ihn „brauchte“, sondern weil das Wegwerfen sich anfühlte wie das endgültige Zulassen der Hilflosigkeit aus jenen Wochen. Der Bär blieb. In jeder Wohnung, in jedem Hotel, und jetzt auch im Doppelzimmer in Bad Bergzabern.
Marcus fasste ihn nie demonstrativ an. Er schob ihn nur jedes Mal an dieselbe Stelle, bevor er das Licht ausmachte. Eine stille, private Versicherung, dass er die Kontrolle behalten hatte – und dass ein kleiner, mitgenommener Rest jener Zeit trotzdem überlebt haben durfte.
Für Sarah, die ihn in der ersten Nacht entdeckt hatte, war der Bär der erste sichtbare Riss in Marcus’ ansonsten lückenloser Fassade. Ein stummer Zeuge dafür, dass der Mann, der so klar und dominant die Kontrolle übernahm, einmal vollständig die Kontrolle verloren hatte – und dass er diesen Verlust nie ganz hatte abschütteln können.