Computerfehler
Im Speisesaal
Die Cafeteria war am Abend ruhiger als mittags. Weniger Tabletts, gedämpfteres Licht, vereinzelte Gespräche. Sarah und Marcus saßen wieder am selben Zweiertisch am Rand, mit Blick auf den inzwischen dunklen Garten. Auf ihren Tellern lag rheumagerechtes Essen: gedünstetes Hähnchen mit Gemüse und Kartoffeln bei ihr, bei ihm ein ähnliches Gericht mit etwas mehr Fleisch.
Sarah hatte kaum den ersten Bissen genommen, da begann sie zu reden.
Zuerst nur Kleinigkeiten. Wie die Ergotherapie gewesen war, dass die Therapeutin streng auf die Fingerhaltung geachtet hatte, dass ihre Handgelenke immer noch zogen. Dann, ohne richtige Pause, rutschten die Sätze tiefer.
„Du warst heute Nachmittag in der Einzeltherapie, oder? Mit dem Psychologen. War das … anstrengend?“
Marcus schnitt ein Stück Fleisch zurecht, kaute langsam und antwortete erst nach einer Weile. „Es war Therapie. Anstrengend ist relativ.“
Sarah ließ sich nicht abschrecken. Die Erleichterung nach dem, was im Zimmer geschehen war, und die anhaltende Anspannung mischten sich zu einem nervösen Redefluss.
„Du hast damals lange im Krankenhaus gelegen, stimmt’s? In Mainz, in der Neurochirurgie. Und danach in der Wetterau. Sechs Wochen und dann noch mal vier. Das hast du irgendwann erwähnt. Oder angedeutet. Wie war das? Also … die Lähmung. Und die anderen Patienten.“
Marcus legte das Besteck ab. Sein Blick wurde enger, die Kiefermuskeln spannten sich kurz an. Er hasste solche Fragen. Besonders wenn sie so direkt kamen. Trotzdem antwortete er, wenn auch widerwillig und knapp.
„Beide Beine. Komplett. Erste OP ist schiefgegangen. Nachblutung. Zweite in derselben Nacht. Danach lag ich da und konnte nichts bewegen. Zwei Männer auf dem Zimmer sind gestorben. Einer plötzlich, einer langsam. Ich habe alles gehört.“ Er nahm den Rest seines Wassers und trank. „Mehr gibt’s dazu nicht zu sagen.“
Sarah spürte, dass er die Tür bereits wieder schließen wollte. Dennoch hakte sie nach, leiser diesmal, aber beharrlich.
„Und deswegen die PTBS? Weil du die Kontrolle so komplett verloren hast?“
Marcus sah sie lange an. In seinen graublauen Augen lag etwas Abweisendes, aber auch die klare Entscheidung, nicht auszuweichen.
„Ja. Weil ich regungslos lag und zusehen musste, wie andere starben, während ich nicht einmal die Bettdecke hochziehen konnte. Seitdem gebe ich Kontrolle nicht mehr ab. Punkt.“
Er griff wieder zum Besteck, schnitt ein weiteres Stück und kaute, als wolle er das Thema begraben. Sarah merkte, dass jede weitere Frage ihn mehr kostete. Trotzdem konnte sie nicht aufhören. Die Nähe der letzten Stunden, der Schmerz, der Orgasmus, sein „Gut“ – alles machte sie redselig und neugierig zugleich.
„Bereust du es manchmal? Dass du so … fest bist? Bei mir gerade?“
Marcus schnaubte leise, ohne Humor. „Nein.“ Er sah sie direkt an. „Iss. Du redest zu viel und isst zu wenig.“
Sarah senkte den Blick auf ihren Teller, spürte aber trotzdem ein warmes Ziehen in der Brust. Er hatte geantwortet. Widerwillig, knapp, mit deutlicher Abwehr – aber er hatte geantwortet. Und genau das ließ sie weiterplappern, wenn auch etwas leiser, über den Tag, über Celina, über die steifen Finger und darüber, wie anders sich der Abend anfühlte als der Morgen.
Marcus hörte zu. Er antwortete nur noch, wenn sie ihn direkt fragte. Und jedes Mal tat er es, als würde ihn jede Silbe etwas kosten.