Computerfehler

Marcus Sichtweise auf den Koffer

Sarah war eingeschlafen.

Marcus saß noch eine Weile auf der Kante seines Bettes und beobachtete, wie ihr Atem ruhiger und tiefer wurde. Die Umschläge lagen schwer auf ihren Knien, die Tasse Tee war halb geleert, und ihre Hand lag offen neben dem Körper, genau dort, wo er sie vorher gehalten hatte. Sie wirkte weicher im Schlaf, weniger angespannt. Die steifen Finger hatten sich etwas gelöst, die Gesichtszüge waren entspannter.

Er erhob sich leise.

Der Koffer stand seit gestern unberührt in der Ecke, Deckel halb geöffnet, ein Ärmel lugte heraus. Unordentlich. Im Weg. Marcus kniete sich davor und begann, die Sachen auszupacken. Nicht aus Höflichkeit. Aus dem Bedürfnis heraus, Ordnung herzustellen – und weil er wissen wollte, was sie mitgebracht hatte.

Shirts, Jogginghosen, eine Waschtasche, Medikamente, ein paar Bücher. Alles erwartbar. Dann, ganz unten, der kleine schwarze Stoffbeutel.

Er spürte sofort, worum es sich handelte. Das Gewicht, die Form. Trotzdem öffnete er den Reißverschluss langsam. Der dunkle Dildo lag obenauf, daneben die silbernen Klammern, ein kurzes Stück weiches Seil, ein kleiner Plug. Gute Qualität. Nicht verspielt. Zweckmäßig.

Marcus blieb knien und betrachtete die Dinge in seiner Hand.

Also doch.

Die Vermutung, die er seit dem Frühstück mit sich herumgetragen hatte, war bestätigt. Sie war nicht nur devot in Gedanken. Sie war vorbereitet. Sie hatte den Schmerz und die Kontrolle mit in die Klinik gebracht, versteckt unter bequemer Kleidung und Rheuma-Medikamenten.

Ein kühles, vertrautes Gefühl breitete sich in seiner Brust aus. Kein plötzliches Begehren, sondern etwas ruhigeres, tieferes. Interesse. Aufmerksamkeit. Das klare Wissen, dass die Frau im Bett neben ihm genau die Art von Bedürfnis hatte, die er bedienen konnte – und wollte.

Er hörte, wie sie sich bewegte. Als er den Blick hob, war sie wach und starrte ihn an. Der Protest lag schon auf ihrer Zunge, er sah es an der Anspannung in ihrem Kiefer. Dann glitt ihr Blick zu dem offenen Beutel in seiner Hand – und blieb hängen.

Marcus beobachtete die Veränderung in ihrem Gesicht mit fast klinischer Genauigkeit. Die Pupillen wurden dunkler. Die Atmung stockte kurz, dann wurde sie flacher. Ein leichter Schauer ging durch ihre Schultern. Die Nippel zeichneten sich unter dem Poloshirt ab, hart und deutlich. Sie presste unwillkürlich die Schenkel zusammen.

Stark erregt. Sofort.

Nur weil er die Toys in der Hand hielt und sie ansah.

Er legte den Beutel nicht zurück in den Koffer. Er legte ihn auf den Nachttisch zwischen ihren Betten. Sichtbar. Erreichbar. Eine klare Ansage ohne viele Worte.

„Du hast tief geschlafen“, sagte er ruhig. „Ich dachte, ich räum auf. Der Koffer stand im Weg.“

Ihre Stimme klang belegt, als sie antwortete. „Du … hast alles gesehen.“

Marcus hielt ihren Blick fest.

„Ja.“

Mehr brauchte er nicht zu sagen.

Er hatte gesehen, was sie versteckt hatte.

Und er hatte gesehen, was es mit ihr machte, dass er es gefunden hatte.