Computerfehler
Schmerzgruppe
Am Nachmittag hing der Geruch von Kaffee und Desinfektionsmittel in den Fluren. Sarah ging langsam Richtung Gruppenraum im Erdgeschoss. Die Knie zogen nach dem Spaziergang wieder deutlicher, und die Finger fühlten sich dick an – typisch nach dem Mittagstief. Sie hatte ein Wärmepad aus dem Zimmer mitgenommen und es unter dem Poloshirt gegen den Unterbauch gedrückt, solange niemand hinsah.
Der Raum für die Schmerzgruppe war heller und größer als der psychosomatische Kreis am Vormittag. Stühle in U-Form, eine Tafel, auf der bereits „Schmerz & Kontrolle“ stand. Einige bekannte Gesichter aus dem Haus saßen schon da. Als Sarah eintrat, sah sie sofort, dass auch Marcus anwesend war. Er saß am äußeren Rand, ein Bein über das andere geschlagen, die Arme locker auf der Lehne. Sein Blick hob sich, als sie den Raum betrat, und blieb einen Moment auf ihr liegen – ruhig, prüfend, bevor er ihr knapp zunickte.
Sie setzte sich zwei Stühle entfernt. Nah genug, um seine Anwesenheit zu spüren. Weit genug, um nicht offensichtlich zu wirken.
Die Gruppenleiterin, eine schmale Frau Anfang fünfzig namens Frau Berger, begrüßte die Runde. „Heute geht es um den Umgang mit chronischem Schmerz – und darum, was passiert, wenn der Körper die Kontrolle übernimmt. Wer mag, kann berichten, wie der heutige Tag bisher war.“
Eine ältere Dame begann, von ihren Hüften zu sprechen. Ein jüngerer Mann erzählte von Migräne. Sarah hörte zu, spürte aber ständig den Blick von Marcus an ihrer Seite. Als die Leiterin sie direkt ansprach – „Frau Schmidt, Sie sind neu. Wie erleben Sie Ihren Schmerz heute?“ –, räusperte sie sich.
„Er ist … da. Immer. Manchmal dumpf, manchmal scharf. Heute Vormittag im Bewegungsbad war er erträglicher, jetzt kommt er zurück. Die Finger sind steif, die Knie murren. Und manchmal habe ich das Gefühl, mein Körper macht mit mir, was er will. Ich kann nur noch reagieren.“
Sie spürte, wie Marcus bei den letzten Sätzen ganz leicht den Kopf neigte. Als hätte er genau diese Worte erwartet.
Frau Berger nickte. „Das Gefühl, ausgeliefert zu sein, kennen viele hier. Manche versuchen, den Schmerz zu bekämpfen. Andere lernen, mit ihm zu verhandeln. Oder ihn sogar – in bestimmten Kontexten – anders zu bewerten.“
Sarah schluckte. Ihr Blick driftete für einen Herzschlag zu Marcus. Er sah sie direkt an. Kein Lächeln. Nur diese ruhige, dunkle Aufmerksamkeit, die ihr den Atem flacher werden ließ.
Er hört jedes Wort. Und er versteht, was darunter liegt.
Die Runde ging weiter. Jemand sprach über Atemtechniken, jemand anderes über Ablenkung. Marcus meldete sich nur einmal zu Wort, kurz und klar: „Kontrolle zurückzuholen, heißt nicht immer, den Schmerz zu besiegen. Manchmal heißt es, zu entscheiden, wer ihn steuert.“
Die Sätze legten sich schwer in den Raum. Sarah spürte, wie sich etwas in ihrem Unterleib zusammenzog – warm, unerlaubt, vertraut. Die Erregung vom Vormittag war nie ganz verschwunden. Jetzt, mit seiner Stimme im Ohr und seinem Blick auf der Haut, kehrte sie zurück.
Frau Berger beendete die Stunde nach einer knappen Stunde. „Morgen setzen wir fort. Wer Einzelgespräche braucht, meldet sich.“
Die Patienten standen auf, schoben Stühle beiseite. Sarah blieb einen Moment sitzen, bis die meisten gegangen waren. Marcus auch. Er wartete an der Tür, als würde er selbstverständlich davon ausgehen, dass sie zusammen zurückgingen.
„Zimmer?“, fragte er nur.
Sarah nickte.
Die nächste Therapie war vorbei.
Der Tag jedoch noch lange nicht.