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Sarahs Hintergründe
Sarahs Hintergrund
Sarah Schmidt war 30 und in einer Kleinstadt in Rheinland-Pfalz aufgewachsen. Bis kurz nach der Pubertät war sie ein ganz normales Mädchen gewesen – etwas rundlich schon damals, aber unbeschwert, mit Freundinnen, ersten Schwärmereien und dem üblichen Chaos der Teenagerjahre. Dann begannen die Beschwerden.
Zuerst waren es nur steife Finger am Morgen und ein ziehender Schmerz in den Knien nach dem Sport. Die Hausärztin sprach von Wachstumsschmerzen, später von Überlastung. Mit 17 wurde schließlich rheumatoide Arthritis diagnostiziert. Was als schleichende Steifheit angefangen hatte, entwickelte sich über die Jahre zu einer ständigen, zermürbenden Begleiterin. Die Schübe kamen in Wellen: Wochen, in denen sie kaum die Hände öffnen konnte, Nächte, in denen die Schmerzen so stark waren, dass sie ins Kissen weinte, weil sie keinen anderen Ausweg fand.
Sie schaffte trotzdem eine Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten und arbeitete in Teilzeit in einem Rathaus. Doch die Krankheit holte sie immer wieder ein. Krankschreibungen häuften sich. Manche Phasen dauerten nur Tage, andere zogen sich über Monate. Die Basistherapie half zeitweise, dann wieder nicht. Cortison wurde zum ständigen Begleiter – in höheren Dosen bei Schüben, in niedrigeren zur Erhaltung. Der Preis war hoch: Ihr Körper schwemmte auf, das Gesicht wurde runder, die Gelenke blieben empfindlich, und das Gewicht, das sie schon immer leicht zunahm, ließ sich kaum noch reduzieren. Jeder Versuch, abzunehmen, scheiterte an der Medikation, der eingeschränkten Bewegung und der schieren Erschöpfung.
Männer und Frauen hatte sie in ihrem Leben gehabt. Die bisexuelle Neigung war früh klar gewesen.
Mit den Jahren hatte Sarah eine eigene, stille Strategie gegen den rheumatischen Schmerz entwickelt. Wenn die Gelenke besonders wütend waren – wenn die Finger steif brannten und die Knie so pochten, dass sie nachts wach lag –, suchte sie gezielt eine andere Art von Schmerz. Masochistischen Schmerz. Kontrollierten, gewollten Schmerz.
Dabei konzentrierte sie sich vor allem auf ihre großen, empfindlichen Brüste. Feste Griffe, Kneifen, Klammern, das Brennen von Wäscheklammern oder der dumpfe, wiederholte Schlag einer flachen Hand auf das weiche Gewebe – all das erzeugte einen klaren, scharfen Reiz, der den diffusen, zermürbenden Rheumaschmerz für eine Weile überschrieb. Die Brüste waren dafür besonders geeignet: reich an Nervenenden, weich und doch belastbar, und weit genug von den entzündeten Gelenken entfernt, dass der neue Schmerz den alten überlagern konnte, ohne sie zusätzlich zu schädigen.
Der Körper konnte sich nicht auf beides gleichzeitig konzentrieren. Der eine Schmerz verdrängte den anderen. Und in diesem Moment der Verdrängung fühlte sie sich nicht mehr nur als Opfer ihrer Krankheit, sondern als jemand, der zumindest über eine Form des Schmerzes verfügen konnte.
Es war keine Lösung. Es war ein Notventil.
Eines, das sie immer öfter brauchte, je weniger die Medikamente halfen.
Als die Entzündungswerte trotz Medikamente wieder stiegen und die Schmerzen alltäglich wurden, setzte sie große Hoffnung in den stationären Aufenthalt in Bad Bergzabern. Zwei Wochen strukturierte Therapie, intensivere Physio, vielleicht eine Anpassung der Medikamente. Sie packte ihre Sachen – bequeme Kleidung, die Tabletten, und diskret ein paar Sextoys, weil sie wusste, wie einsam und langweilig Kliniknächte werden konnten.
Sie kam mit Schmerzen, mit einem aufgeschwemmten Körper und mit der leisen Hoffnung, dass sich irgendetwas verändern würde. Was sie nicht erwartet hatte, war ein Doppelzimmer mit einem Mann wie Marcus – und eine Physiotherapeutin wie Celina.