Computerfehler
Marcus Hintergrund
Marcus Keller war 46 und stammte aus dem Rhein-Main-Gebiet. Vor dem alles verändernden Ereignis hatte er als Projektleiter in einer mittelständischen Firma gearbeitet – ruhig, zuverlässig, jemand, der lieber im Hintergrund die Fäden zog, als sich in den Vordergrund zu drängen. Sportlich war er nie gewesen, eher gemütlich, mollig schon seit den Dreißigern. Das hatte ihn nie besonders gestört.
Dann kam der Bandscheibenvorfall. Massiv, mit akuter Querschnittssymptomatik. Innerhalb weniger Stunden waren beide Beine gelähmt. Notfallaufnahme, Verlegung in die Neurochirurgie der Uniklinik Mainz. Die erste Operation hätte entlasten sollen. Stattdessen ging einiges schief: Nachblutung, erneute Drucksteigerung auf das Rückenmark, eine zweite Not-OP in derselben Nacht. Danach lag er sechs Wochen auf der neurochirurgischen Station.
Sechs Wochen, in denen er nicht wusste, ob er jemals wieder würde gehen können.
Sechs Wochen, in denen er die Geräusche der Intensiv- und Normalstation in sich aufnahm: das Piepen der Monitore, das Röcheln der Schwerkranken, das leise Weinen hinter Vorhängen. Zwei Mitpatienten auf dem Zimmer starben in dieser Zeit. Einer nach einem plötzlichen Herzstillstand, der andere langsam und bewusst, nachdem die Angehörigen die Geräte abschalten lassen hatten. Marcus lag daneben, die Beine tot, den Körper hilflos, und hörte alles.
Die Lähmung wich allmählich. Zuerst feine Bewegungen in den Zehen, dann die Knie, irgendwann konnte er mit Hilfe stehen. Danach folgten vier Wochen Anschlussheilbehandlung in einer Rehaklinik in der Wetterau. Dort lernte er wieder gehen – mühsam, mit Rollator, später mit Stock. Der Körper kam zurück. Die Kontrolle über ihn jedoch nicht ganz.
Die PTBS entwickelte sich schleichend. Alpträume, in denen er wieder regungslos lag und das Rasseln der sterbenden Mitpatienten hörte. Plötzliche Panik, wenn er enge Räume betrat oder das Geräusch von Monitoren hörte. Ein tiefes, hartnäckiges Bedürfnis, nie wieder so ausgeliefert zu sein. Er begann, Kontrolle zu üben – über sich, über Situationen, später auch über andere, wenn sie es zuließen. Die dominante, sadistische Ader, die schon immer unter der Oberfläche gelegen hatte, wurde schärfer, klarer, bewusster. Sex wurde zu einem Bereich, in dem er die Zügel fest in der Hand halten konnte. Und in dem er merkte, dass manche Menschen genau das brauchten.
Als er Jahre später wegen anhaltender psychosomatischer Beschwerden und der nicht abklingenden PTBS-Symptome erneut stationär aufgenommen wurde – diesmal in der Klinik in Bad Bergzabern –, war er ein anderer Mann. Ruhiger. Präziser. Jemand, der Körper las und Grenzen spürte. Jemand, der nie wieder die Kontrolle abgeben würde.
Und der sehr genau wusste, wie es sich anfühlte, sie vollständig zu verlieren.