Computerfehler
Verdauungsspaziergang
Nach dem Mittagessen blieb noch eine knappe Stunde, bis die nächste Gruppe begann. Sarah holte sich eine leichte Jacke und verließ das Gebäude. Der Klinikpark von Bad Bergzabern lag still in der frühen Nachmittagssonne. Kieswege schlängelten sich zwischen alten Kastanien und Buchen, der kleine Teich glänzte stumpf, und irgendwo zwitscherte ein Vogel.
Sie ging langsam. Die Knie meldeten sich bei jedem Schritt, aber das warme Wasser und die Mobilisation hatten geholfen. Der Schmerz war dumpf, erträglich – ein ständiger Begleiter, den sie inzwischen fast wie ein zweites Ich akzeptierte.
Was ist nur los mit mir heute?
Die Frage kam von selbst, während sie an einer Bank vorbeiging und weiter in Richtung des Teichs schlenderte. Seit dem Bewegungsbad war etwas in ihr wach, das sie nicht mehr ganz zur Ruhe kommen ließ. Celinas Hände an ihren Hüften. Die schwere, volle Brust unter dem nassen Badeanzug. Die Art, wie die junge Frau sie angesehen hatte, als die Nippel sich deutlich abzeichneten. Und dieses Gefühl, gesehen worden zu sein – und nicht abgewiesen.
Sarah blieb am Teich stehen und sah auf das stille Wasser.
Und Marcus.
Er hatte es gemerkt. Am Mittagstisch. Die Bemerkung, sie sehe „aufgewühlter“ aus, war keine höfliche Floskel gewesen. Er hatte sie gelesen wie ein offenes Buch. Die graublauen Augen, die ruhige Stimme, die selbstverständliche Art, mit der er sich um sie kümmerte, ohne zu fragen. Als hätte er bereits ein Recht darauf.
Kontrolle abgeben.
Der Satz von heute Morgen kehrte zurück. Sie hatte ihn gesagt, und er hatte ihn verstanden. Nicht als Metapher. Als Angebot.
Sarah schloss kurz die Augen und spürte den leichten Wind auf dem Gesicht. In ihrem Kopf mischten sich die Bilder: Celinas nasser Badeanzug, der sich über die üppigen Brüste spannte. Marcus’ große Hände, die sich vorstellen ließ, wie sie ihre Handgelenke umfassten – vorsichtig wegen des Rheumas, aber unnachgiebig. Der Gedanke, dass er ihren Schmerz nicht nur akzeptieren, sondern benutzen könnte. Steuern. Dosieren.
Ein warmer Schauer lief ihr den Rücken hinunter, obwohl die Luft mild war.
Ich bin hier wegen meiner Gelenke. Wegen der Entzündung. Wegen Cortison und Physio und Laborwerten.
Und trotzdem dachte sie die meiste Zeit an zwei Menschen: an die junge Physiotherapeutin, die sie im Wasser gesehen hatte, und an den molligen Mann mit der ruhigen Stimme, der nachts im Bett neben ihr lag.
Sie öffnete die Augen wieder und ging weiter, am Teich entlang, vorbei an einer leeren Holzbank. Die Kieskörner knirschten unter ihren Schuhen. Irgendwo in der Klinik saß Marcus vielleicht gerade in einem Einzelgespräch oder lag auf seinem Bett und las. Celina behandelte vermutlich schon den nächsten Patienten.
Sarah steckte die Hände in die Jackentaschen und spürte das vertraute Ziehen in den Fingern.
Zwei Wochen. Mindestens.
Lange genug, dass aus Blicken und Gedanken etwas anderes werden konnte.
Lange genug, dass sie herausfinden würde, ob Marcus wirklich der war, für den sie ihn hielt – und ob Celina nur professionell geblieben war oder ebenfalls etwas gespürt hatte.
Der Weg bog zurück zum Hauptgebäude. Sarah folgte ihm langsam.
Die Gedanken ließen sich nicht abschütteln.
Und ehrlich gesagt wollte sie das auch gar nicht.