Computerfehler
Marcus Gedanken
Marcus saß im Stuhlkreis, die Arme vor der Brust verschränkt, und beobachtete, wie Sarah den Raum betrat.
Da ist sie.
Er musterte sie unauffällig, während sie sich setzte – schräg gegenüber, nah genug, dass er den leichten Duft von Chlor und Shampoo wahrnahm, der noch an ihr hing. Das weite Poloshirt konnte nicht verbergen, dass sie gerade aus dem Wasser kam. Die Haare waren noch feucht, die Haut leicht gerötet, und als sie sich setzte, spürte er, wie ihr Blick kurz zu ihm wanderte und dann wieder wegglitt.
Sie war im Bewegungsbad. Physio.
Er kannte den Ablauf. Warme Temperatur, enge Badekleidung, Hände am Körper. Und sie wirkte … anders als am Morgen. Unruhiger. Die Wangen etwas zu warm, die Atmung flacher, die Schultern leicht angespannt, als trüge sie etwas unter der Haut, das sie nicht abschütteln konnte.
Erregt.
Der Gedanke kam klar und ohne Beschönigung. Marcus hatte zu viele Jahre damit verbracht, Körper zu lesen, um das zu übersehen. Die Art, wie sie die Schenkel unwillkürlich aneinanderpresste, als sie sich setzte. Der kurze Moment, in dem ihre Finger auf dem Stoff des Poloshirts verweilten, genau über der Brust. Die leicht geöffneten Lippen.
Jemand hat sie angefasst. Oder zumindest nah genug.
Vielleicht die junge Physiotherapeutin, die er vorhin auf dem Flur gesehen hatte – schlank, große Brust unter dem weiten Shirt. Möglich. Sehr möglich.
Herr Dudek begann zu sprechen, über Kontrollverlust, über das Gefühl, dem eigenen Körper ausgeliefert zu sein. Marcus hörte zu, aber nur mit einem Teil seiner Aufmerksamkeit. Der andere Teil blieb bei Sarah.
Sie hat heute Morgen von Kontrolle gesprochen. Davon, dass sie sie abgeben will.
Er erinnerte sich genau an den Satz am Frühstückstisch. Und an den Blick, der danach gekommen war – suchend, fast hungrig, bevor sie ihn wieder versteckt hatte.
Masochistisch. Devot. Das sieht man, wenn man weiß, wonach man sucht.
Die Art, wie sie Schmerz nicht nur ertrug, sondern irgendwo auch registrierte. Die leise Spannung in ihr, die nach jemandem suchte, der sie nahm und hielt und nicht nachfragte.
Marcus spürte, wie sich etwas in seiner eigenen Brust zusammenzog – alt, vertraut und gefährlich. Die PTBS saß immer noch tief, die Erinnerungen an den früheren Aufenthalt, an das Gefühl absoluter Ohnmacht. Aber genau deshalb hatte er gelernt, die Kontrolle nie wieder abzugeben. Sondern sie zu behalten. Und, wenn es passte, zu übernehmen.
Zwei Wochen in einem Zimmer. Nächte, in denen ich ihre Atmung höre. Morgen, in denen sie steif und schmerzempfindlich aufwacht.
Er stellte sich vor, wie es wäre, ihre Handgelenke zu nehmen – vorsichtig wegen der Rheuma, aber bestimmt. Wie sie reagieren würde, wenn er den Druck gerade dort erhöhte, wo es wehtat. Wie ihre Augen aussehen würden, wenn er ihr sagte, sie solle stillhalten.
Herr Dudek stellte eine Frage an die Runde. Marcus antwortete knapp und kontrolliert, die Stimme ruhig. Dann ließ er den Blick wieder zu Sarah gleiten.
Sie sitzt hier und ist immer noch feucht von dem, was im Bad passiert ist.
Ein kühler, innerer Hauch von Zufriedenheit machte sich breit.
Gut. Dann braucht sie nicht lange, um zu verstehen, wer in diesem Zimmer die Kontrolle hat.