Computerfehler
Sarah in Gedanken
Sarahs Gedanken zu Marcus
Sarah ging langsam den Flur entlang, den Therapieplan in der Hand. Die Gelenke zogen bei jedem Schritt, aber ihre Gedanken waren woanders.
Marcus.
Sie wiederholte den Namen innerlich, als müsste sie ihn erst richtig schmecken. Sechsundvierzig. Mollig. Breitschultrig. Diese ruhige, tiefe Stimme, die keinen Zweifel duldete und trotzdem nicht laut werden musste. Die Art, wie er am Frühstückstisch gesessen hatte – aufrecht, präsent, als gehöre der Raum ihm, obwohl er genauso nur Patient war wie sie.
Was ist mit dir passiert?
PTBS. Das Wort hing schwer zwischen ihnen, seit er es gestern Abend so knapp hingeworfen hatte. Sie stellte sich vor, was jemanden wie ihn so aus der Bahn werfen konnte. Jemand, der jetzt so beherrscht wirkte, musste einmal die Kontrolle komplett verloren haben. Vielleicht Gewalt. Vielleicht etwas, das man ihm angetan hatte. Oder etwas, das er selbst getan hatte und nicht mehr abschütteln konnte. Die Vorstellung ließ etwas in ihr vibrieren – eine Mischung aus Mitgefühl und einer dunkleren Neugier.
Sie dachte an den Moment am Frühstückstisch, als sie gesagt hatte, manchmal wolle man einfach, dass jemand die Kontrolle übernimmt. Und wie er geantwortet hatte: Kontrolle abgeben kann erleichternd sein. Manchmal sogar notwendig.
Er hat es verstanden. Nicht höflich genickt. Nicht mitleidig gelächelt. Er hatte es verstanden. Als kenne er genau die Stelle in einem Menschen, an der man aufhört zu kämpfen und anfängt, sich hinzugeben.
Sarah spürte, wie sich ihre Gedanken weiter vorwagten, vorsichtig, aber unaufhaltsam. Wie würde es sich anfühlen, wenn jemand wie er die Kontrolle übernahm? Nicht sanft und vorsichtig, sondern bestimmt. Mit diesem ruhigen Blick, der keine Diskussion zuließ. Mit Händen, die wussten, was sie taten. Sie stellte sich vor, wie er ihre steifen Finger nehmen und sie irgendwo fixieren würde – nicht aus Rücksicht, sondern weil er es so wollte. Wie er ihren Schmerz vielleicht nicht nur akzeptierte, sondern ihn benutzte. Formte. Steuerte.
Du bist dominant, dachte sie, und die Erkenntnis setzte sich schwer und warm in ihrem Unterleib fest. Nicht laut. Nicht aufgesetzt. Einfach … von Natur aus. Und bi, hatte sie irgendwo gelesen, oder war das nur eine Vermutung? Egal. Die Vorstellung, dass er beide Seiten kannte, machte es nur intensiver.
Sie blieb kurz an einem Fenster stehen und sah hinaus auf den Park der Klinik in Bad Bergzabern. Die Bäume bewegten sich leicht im Wind.
Zwei Wochen. Mindestens. Zwei Wochen in einem Zimmer mit ihm. Zwei Betten, ein schmaler Gang dazwischen. Nachts würde sie seine Atmung hören. Morgens seinen Körper sehen, wenn er aufstand. Und irgendwann würde die Höflichkeit nicht mehr ausreichen.
Sarah schloss kurz die Augen. Irgendwo in diesem Haus saß er gerade in seinem Gespräch. Vielleicht erzählte er gerade von dem, was ihn gebrochen hatte. Oder vielleicht erzählte er es niemandem – und behielt die Kontrolle genau darüber.
Sie öffnete die Augen wieder und ging weiter Richtung Physio. Die Gedanken an ihn ließen sich nicht mehr abschütteln. Und ehrlich gesagt … wollte sie das auch gar nicht.