Computerfehler
Das erste Arztgespräch
Der Behandlungsraum roch nach Desinfektionsmittel und leicht nach Lavendel. Sarah saß auf der Untersuchungsliege, die Beine baumelnd, und wartete. Die Blutabnahme war bereits hinter ihr, der Tupfer noch mit einem Pflaster fixiert. Draußen hörte man das entfernte Murmeln der Ambulanz.
Wieder hier. Wieder dieser Raum. Wieder das Gefühl, nur noch aus Gelenken und Laborwerten zu bestehen. Ich hasse es, wie mein Körper mich ausliefert. Als hätte er das Sagen und ich dürfte nur noch zusehen.
Die Tür öffnete sich, und Dr. Hoffmann trat ein – eine Frau Mitte fünfzig, kurze graue Haare, ruhiger Blick hinter schmalen Brillen. Sie setzte sich auf den Hocker und zog den Bildschirm zu sich heran.
„Frau Schmidt. Guten Morgen. Ich habe mir Ihre Unterlagen und die aktuellen Laborwerte angeschaut. Die Entzündungswerte sind leider wieder etwas angestiegen. CRP und BSG liegen über dem Soll. Wie geht es Ihnen subjektiv?“
Sarah räusperte sich. „Die Finger sind morgens steif, besonders die rechten. Die Knie murren bei Belastung, und nachts wache ich manchmal auf, weil die Schultern ziehen. Seit etwa drei Wochen spüre ich auch ein dumpfes Pochen in den Handgelenken.“
Dumpfes Pochen. Klingt so harmlos, wenn man es sagt. Dabei ist es, als würde jemand von innen gegen die Knochen hämmern. Und die Steifheit … als hätte man mir die Hände über Nacht in Gips gesteckt.
Dr. Hoffmann notierte etwas. „Beweglichkeit?“
„Eingeschränkt. Ich komme morgens kaum aus dem Bett, ohne mich erst zehn Minuten zu mobilisieren. Treppen sind anstrengend. Und die Kraft in den Händen … Flaschen öffnen wird wieder schwieriger.“
Flaschen öffnen. So ein banales Ding. Und trotzdem fühle ich mich jedes Mal wie eine alte Frau, wenn ich die Zähne nehmen muss, weil die Finger versagen. Peinlich. Schwächend.
Die Ärztin stand auf und bat Sarah, die Arme zu heben, die Finger zu spreizen, die Knie anzuwinkeln. Ihre Hände waren kühl und professionell, als sie die Gelenke abtastete. Sarah zuckte bei dem Druck auf das rechte Handgelenk leicht zusammen.
„Druckschmerzhaft, leichte Schwellung“, murmelte Dr. Hoffmann. „Die Knie zeigen ebenfalls Reizungen. Wir bleiben bei der bisherigen Basistherapie, erhöhen aber vorübergehend das Cortison und passen die Schmerzmedikation an. Zusätzlich möchte ich Sie intensiver in die Physio einbinden – Bewegungsbad und gezielte Mobilisation. Ergotherapie für die Hände.“
Cortison. Wieder. Der Körper wird weicher, das Gesicht rundlicher, und trotzdem bin ich dankbar, wenn der Schmerz nachlässt. Wie abhängig man von so einer Pille wird. Und gleichzeitig hasse ich es, dass ich sie brauche.
Sarah nickte. Sie kannte das Prozedere. „Wie lange ungefähr?“
„Mindestens zwei Wochen stationär, je nach Verlauf. Wir schauen uns die Laborwerte in drei Tagen noch einmal an. Wenn die Entzündung nicht runtergeht, müssen wir über eine Anpassung der Basistherapie sprechen.“
Die Ärztin setzte sich wieder. „Haben Sie Fragen? Oder gibt es etwas, das Sie besonders belastet – abgesehen von den Schmerzen?“
Sarah zögerte einen Moment. Die Frage war standardmäßig, und doch kam ihr sofort Marcus in den Sinn. Das Doppelzimmer. Die Art, wie er ihren Schritt angepasst hatte. Die Worte über Kontrolle.
Kontrolle. Genau das ist es. Ich will nicht ständig selbst entscheiden müssen, ob ich mich bewege oder schone, ob ich die Tablette nehme oder aushalte. Manchmal will ich einfach, dass jemand anders das übernimmt. Jemand, der stark genug ist, mir das abzunehmen … und es vielleicht sogar genießt.
„Nein“, sagte sie schließlich. „Nur … die Unterbringung. Durch den Fehler teile ich mir das Zimmer mit einem anderen Patienten. Das ist ungewohnt.“
Ungewohnt. Was für ein schwaches Wort. Es ist mehr als das. Da liegt ein Mann neben mir, der ruhig und präsent ist und bei dem ich das Gefühl habe, er könnte genau das, wonach ich mich manchmal sehne. Und ich weiß noch nicht einmal, was ihm passiert ist.
Dr. Hoffmann lächelte höflich. „Das passiert leider manchmal. Sollte es Schwierigkeiten geben, melden Sie sich beim Pflegedienst. Ansonsten rate ich Ihnen, die Ruhephasen ernst zu nehmen. Und belasten Sie die Gelenke nicht über Gebühr.“
Sie reichte Sarah den aktuellen Therapieplan. „Physio um elf, danach Ergotherapie. Nachmittags die Schmerzgruppe. Bei akuten Problemen können Sie jederzeit klingeln.“
Sarah nahm das Blatt, stand langsam auf und spürte das vertraute Ziehen in den Knien. „Danke.“
Zwei Wochen. Mindestens. Zwei Wochen in einem Zimmer mit ihm. Zwei Wochen, in denen ich spüre, wie mein Körper mich ausliefert – und gleichzeitig merke, dass da jemand ist, der vielleicht genau weiß, was man mit so einer Auslieferung anfangen kann.
Draußen auf dem Flur blieb sie einen Moment stehen. Der Plan war klar, die Schmerzen waren benannt, die nächsten Stunden strukturiert. Und doch wanderte ihre Aufmerksamkeit schon wieder zu dem Mann, der irgendwo in derselben Klinik gerade sein eigenes Gespräch führte.
Sie faltete den Zettel zusammen und steckte ihn ein. Der Tag war erst am Anfang.