Computerfehler

Blutabnahme

Sarah ging den langen Flur der Klinik in Bad Bergzabern entlang. Die Wände waren in einem blassen Beige gestrichen, die Beleuchtung hell und nüchtern. Ihre Knie knirschten leise bei jedem Schritt, und die Finger fühlten sich an, als hätte man sie über Nacht in kaltes Wasser gelegt. Sie hasste Blutabnahmen. Nicht wegen der Nadel – die war das kleinere Übel –, sondern wegen des Wartens und dem Gefühl, wieder nur ein Körper zu sein, den man untersuchte.

Im Wartebereich der Ambulanz setzte sie sich auf einen der Plastikstühle. Zwei ältere Damen blätterten in Zeitschriften, ein jüngerer Mann starrte aufs Handy. Sarah legte die Hände in den Schoß und schloss kurz die Augen.

Sofort war er da. Marcus.

Die graublauen Augen am Frühstückstisch. Die ruhige Art, wie er ihren Schritt angepasst hatte, ohne dass sie ihn darum bitten musste. Die Stimme, die irgendwie Gewicht hatte, ohne laut zu sein. Und dieses eine Wort, das er so selbstverständlich ausgesprochen hatte: Kontrolle.

Sie öffnete die Augen wieder und starrte auf die gegenüberliegende Wand.

Was war ihm passiert?

PTBS. Posttraumatische Belastungsstörung. Das sagte man so leicht daher, aber dahinter steckte immer etwas. Etwas, das man nicht einfach abschütteln konnte. Ein Unfall? Gewalt? Ein Kriegseinsatz? Oder etwas, das in einem anderen Krankenhaus geschehen war – er hatte ja von einem früheren Aufenthalt gesprochen.

Sarah stellte sich vor, wie jemand wie er, groß, mollig, mit dieser ruhigen Präsenz, einmal die Kontrolle verloren haben musste. Vielleicht war es genau das, was ihn jetzt so beherrscht wirken ließ. Als hätte er gelernt, die Zügel nie wieder aus der Hand zu geben.

Ein leichter Schauer lief ihr den Rücken hinunter. Nicht unangenehm. Eher … neugierig.

Sie dachte an die Art, wie er sie angeschaut hatte, als sie von Kontrolle abgeben gesprochen hatte. Kein Mitleid. Kein höfliches Nicken. Eher so, als hätte er genau verstanden, was sie meinte – und als wäre er jemand, der damit umgehen konnte.

Die Tür zur Behandlungsraum öffnete sich. „Frau Schmidt?“

Sarah stand auf, spürte das vertraute Ziehen in den Gelenken und folgte der Arzthelferin. Während die Stauschlauch angelegt und die Nadel gesetzt wurde, blieb ihr Blick auf dem weißen Vorhang haften.

Irgendwo in diesem Haus saß Marcus gerade in seinem Einzelgespräch. Vielleicht erzählte er gerade jemandem, was ihm widerfahren war. Oder vielleicht erzählte er es niemandem.

Sarah biss sich leicht auf die Unterlippe, als das Blut in das Röhrchen floss.

Sie wollte es wissen.
Nicht aus Mitleid.
Sondern weil da etwas in ihr anfing, sich für den Mann im Doppelzimmer zu interessieren – auf eine Art, die nichts mit Höflichkeit und gemeinsamer Unterbringung zu tun hatte.

Die Arzthelferin drückte den Tupfer auf die Einstichstelle. „Festhalten, bitte.“

Sarah nickte und hielt den Arm still.
In Gedanken war sie bereits wieder bei ihm.