Computerfehler
Frühstück
Der Wecker auf Marcus’ Nachttisch piepte um halb sieben scharf und unerbittlich. Sarah zuckte zusammen, die Augen noch klebrig vom Schlaf. Für einen Moment wusste sie nicht, wo sie war – dann spürte sie die steifen Finger, das leichte Ziehen in den Knien und die fremde Atmung im Raum.
Marcus streckte sich auf dem schmalen Bett, das unter seinem molligen Körper leise knarzte. Er schaltete den Wecker ab, räusperte sich und setzte sich auf. Die morgendliche Stimme war noch tiefer als am Abend zuvor.
„Morgen“, murmelte er. „Wecker war für mich. Tut mir leid, wenn er dich geweckt hat.“
Sarah drehte sich langsam auf den Rücken, spürte, wie die Gelenke protestierten. „Ist okay. Ich wollte sowieso früh aufstehen. Therapieplan und so.“
Sie blieben einen Moment still. Draußen begann das Klinikleben bereits leise zu summen – Schritte auf dem Flur, das entfernte Rasseln eines Wagens. Marcus stand auf, zog sich ein weites Shirt über den weichen Bauch und ging ins Bad. Als er wieder herauskam, war sein Haar feucht und zurückgekämmt. Sarah nutzte die Gelegenheit, sich anzuziehen – bequeme Jogginghose, weiches Oberteil, das ihre Kurven nicht versteckte. Die Toys im Koffer blieben unberührt, unter dem Zeug verborgen.
„Frühstück?“, fragte er, als sie fertig war. Kein Befehl, eher eine ruhige Feststellung, die aber irgendwie Raum ließ, dass sie ablehnen konnte.
Sie nickte. „Ja. Zusammen ist besser als allein.“
Sie gingen den Flur entlang. Sarah hinkte leicht, die Knie waren morgens immer am schlimmsten. Marcus passte seinen Schritt an, ohne dass sie ihn darum bitten musste. In der Cafeteria roch es nach Kaffee, Toast und gekochten Eiern. Die meisten Tische waren schon besetzt – ältere Patienten, ein paar jüngere Gesichter, Therapeuten in weißer Kleidung.
Sie suchten sich einen Platz am Rand, an einem Zweiertisch mit Blick auf den Garten. Marcus holte zwei Tabletts, stellte ihr Kaffee und ein belegtes Brötchen hin, nahm selbst Rührei und Vollkornbrot. Sie setzten sich gegenüber.
Sarah wickelte die Hände um die warme Tasse. „Was hast du heute?“
Marcus kaute langsam, schluckte und sah sie an. Die graublauen Augen wirkten ausgeruht, aber wach. „Vormittags Einzelgespräch mit dem Psychologen. Dann Entspannungsgruppe. Nachmittags Sporttherapie – leichte Bewegung, nichts Wildes. Und abends noch eine Runde Achtsamkeit. PTBS-Programm. Nichts Aufregendes.“
Er legte die Gabel ab. „Und du?“
„Rheuma-Check um neun. Blutabnahme, Gelenkuntersuchung. Dann Physio – warmes Wasser, Bewegungsbad. Nachmittags Ergotherapie und Schmerzmanagement-Gruppe.“ Sarah seufzte leise. „Klassisches Programm. Viel Liegen, viel Bewegen, viel Erklären, warum der Körper gerade streikt.“
Marcus nickte. „Klingt anstrengend. Wenn die Finger und Knie murren, ist der Tag schon halb verloren.“
Sie schaute kurz überrascht auf. Die meisten Leute sagten so etwas höflich, aber er sagte es, als wüsste er, wie sich das anfühlte. „Ja. Manchmal will man einfach nur, dass jemand … die Kontrolle übernimmt. Damit man nicht ständig selbst entscheiden muss, ob man sich bewegt oder schont.“
Ein kurzes Schweigen. Marcus’ Blick blieb einen Moment länger auf ihr liegen, ruhig, prüfend, ohne aufdringlich zu sein. Dann griff er nach seinem Kaffee.
„Verstehe ich. Kontrolle abgeben kann erleichternd sein. Manchmal sogar notwendig.“ Er trank einen Schluck. „Wenn du nach der Physio Hilfe brauchst – mit den Sachen oder einfach jemanden, der mit dir zurückgeht – sag Bescheid. Ich bin meistens im Zimmer oder in der Nähe.“
Sarah spürte eine leichte Wärme im Bauch, die nichts mit dem Kaffee zu tun hatte. Sie nickte. „Danke. Das wäre … gut.“
Sie aßen weiter, unterhielten sich über Kleinigkeiten: das Essen, das Wetter draußen, die strengen Zeiten der Klinik. Ab und zu streifte sein Blick ihre Hände, die um die Tasse lagen, oder die weiche Linie ihrer Schultern unter dem Shirt. Sie registrierte es, ohne es anzusprechen. Noch war alles nur Höflichkeit und das vorsichtige Abtasten zweier Menschen, die denselben Raum und denselben Tag teilen mussten.
Als sie fertig waren, stand Marcus auf und nahm beide Tabletts. „Ich bring das weg. Wir sehen uns später?“
„Ja“, antwortete Sarah. „Später.“
Sie trennten sich vor dem Aufzug – er in Richtung Psychosomatik, sie Richtung Rheuma-Ambulanz. Der Tag hatte begonnen. Noch war es nur Frühstück, nur Gespräche über Termine und Schmerzen.
Aber irgendetwas in der Art, wie er ihren Schritt angepasst und ihre Worte über Kontrolle aufgenommen hatte, blieb bei ihr hängen. Wie ein leiser Nachhall.