Computerfehler

Die Anreise

Das Rheuma­zentrum in Bad Bergzabern lag ruhig am Rand der Stadt, umgeben von alten Bäumen und dem leisen Rauschen des nahen Flusses. Sarah Schmidt, dreißig, mollig, mit weichen Kurven und einem Körper, der schon lange unter den Schmerzen ihrer rheumatischen Erkrankung litt, stand mit ihrem Koffer vor dem Empfang. Die Fahrt hatte sie erschöpft. Die Finger waren steif, die Knie murrten bei jedem Schritt. Sie hatte gehofft auf ein Einzelzimmer – Ruhe, Privatsphäre, vielleicht ein bisschen Erholung zwischen den Therapien.

Die junge Frau am Empfang tippte etwas in den Computer, runzelte die Stirn und sah dann etwas schuldbewusst auf.

„Frau Schmidt … es tut mir leid. Durch einen Systemfehler wurde Ihr Doppelzimmer bereits mit einem anderen Patienten belegt. Herr Marcus Keller, 46. Es sind derzeit keine weiteren Betten frei. Wir können Sie nur gemeinsam unterbringen, bis etwas frei wird. Das könnte ein, zwei Tage dauern.“

Sarah seufzte leise. „Na gut. Dann muss es so sein.“

Man führte sie den Korridor entlang. Zimmer 214. Die Tür stand einen Spalt offen. Drinnen roch es nach frischer Bettwäsche und einem Hauch von Herrenparfüm – dezent, holzig.

Marcus saß auf dem rechten Bett, den Rücken an die Wand gelehnt. Er war groß, mollig, mit breiten Schultern und einem weichen Bauch unter dem dunkelgrauen T-Shirt. Kurze, dunkle Haare, etwas ergraut an den Schläfen, und ein Gesicht, das gleichzeitig müde und wach wirkte. Als sie eintrat, hob er den Blick. Seine Augen waren grau-blau, aufmerksam.

„Sie müssen Sarah sein“, sagte er ruhig. Die Stimme war tief, etwas rau. „Man hat mir schon Bescheid gesagt. Computerfehler. Pech für uns beide.“

Sarah stellte den Koffer ab und schloss die Tür. „Sarah Schmidt. Rheumatologie. Und Sie?“

„Marcus. Psychosomatik. PTBS. Alte Geschichte aus einem früheren Aufenthalt.“ Er zuckte mit den Schultern, als wolle er das Thema abtun. „Ich bin kein lauter Typ. Schnarche angeblich nicht. Und ich stehe früh auf.“

Sie musterte das Zimmer. Zwei schmale Betten, ein schmaler Durchgang dazwischen, ein gemeinsamer Schrank, ein kleines Bad. Die Vorhänge waren halb zugezogen, das Licht gedämpft. Auf dem Nachttisch neben seinem Bett lag ein Buch, daneben eine Packung Tabletten.

Sarah setzte sich auf die Kante ihres Bettes und öffnete den Koffer. Zwischen den Kleidungsstücken und den Medikamenten schimmerte kurz etwas Dunkles – die Konturen ihrer Toys, die sie eingepackt hatte, weil sie wusste, wie langweilig Kliniknächte werden konnten. Sie schob den Stoff darüber und tat, als sei nichts gewesen.

Marcus beobachtete sie einen Moment, ohne aufdringlich zu sein. „Brauchst du Hilfe mit dem Koffer?“

„Nein, danke. Ich komme klar.“

Sie räumten schweigend. Sarah hängte ein paar Sachen auf, Marcus legte ein Handtuch zurecht. Die Atmosphäre war zunächst nur unangenehm nah – zwei Fremde in einem zu kleinen Raum, die beide nicht hier sein wollten, zumindest nicht so.

Nach einer Weile setzte sich Marcus wieder. „Die Schwester meinte, Abendessen ist um achtzehn Uhr. Ich gehe runter. Willst du mitkommen?“

Sarah schüttelte den Kopf. „Ich bleib noch. Die Fahrt war anstrengend. Die Gelenke…“

Er nickte verständnisvoll. „Rheuma. Scheißkrankheit. Ich kenn das von einer Freundin. Wenn du später irgendwas brauchst – Wasser, die Fernbedienung, einfach sagen.“

Als er die Tür hinter sich schloss, blieb Sarah allein. Sie lehnte sich zurück, spürte das leichte Ziehen in den Handgelenken und den dumpfen Schmerz in den Knien. Der Raum wirkte plötzlich größer und gleichzeitig enger. Sie dachte an die Toys im Koffer, an die Langeweile, die sicher kommen würde, und an den Mann, der gerade gegangen war – ruhig, präsent, mit einer Stimme, die irgendwie … nachdrücklich klang, ohne laut zu sein.

Als Marcus später zurückkam, roch er leicht nach Essen und frischer Luft. Er zog die Schuhe aus, legte sich auf sein Bett und griff nach dem Buch. Sarah hatte inzwischen das Licht gedimmt und lag auf der Seite, dem Rücken zu ihm zugewandt.

„Gute Nacht“, murmelte sie.

„Gute Nacht, Sarah.“

Das Zimmer war still. Nur das leise Rascheln der Seiten und das entfernte Geräusch des Klinikflurs. Zwei Körper, die sich noch nicht kannten, getrennt durch einen schmalen Gang und die unausgesprochene Gewissheit, dass sie die nächsten Nächte teilen würden.

Noch war alles nur Arrangieren.
Noch war es nur ein Fehler im System.
Die Erotik, die später kommen sollte – in den Therapien, in den geteilten Stunden, in den stillen Momenten zwischen Schmerz und Nähe – war noch weit entfernt.

Aber der Raum hatte bereits angefangen, sie ein wenig enger zusammenzurücken.