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Kapitel 4: Die Bedenken und die Entscheidung
Fabienne lag noch lange wach, nachdem sie die Nachricht abgeschickt hatte. Ihr Handy blieb stumm. Keine Antwort. Kein „Gelesen“. Einfach nichts.
Die Stunden vergingen. Es wurde Morgen. Dann Nachmittag. Dann Abend.
Alex hatte die Nachricht sofort gesehen. Er saß im Auto auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt, starrte auf das Display und spürte ein unangenehmes Ziehen im Magen. Die Worte von Fabienne hallten in seinem Kopf wider: „Du könntest ins Hotelzimmer kommen und mich untersuchen.“
Er legte das Handy weg, fuhr nach Hause, aß mit seiner Frau zu Abend, lachte über ihren Tag und fühlte sich gleichzeitig wie ein Verräter. Später im Bett, als sie bereits schlief, öffnete er Telegram erneut. Die Nachricht war noch da. Ungelesen markiert.
Er überlegte stundenlang.
War das fair?
War das Betrug?
Oder war es „nur“ ein medizinisches Rollenspiel – ohne Sex, ohne Küsse, ohne echte Intimität?
Konnte er das mit seinem Gewissen vereinbaren?
Zwei volle Tage vergingen, bevor er antwortete.
"Fabienne, ich habe deine Nachricht gelesen. Mehrmals. Ich bin hin- und hergerissen. Einerseits ist das genau das Szenario, von dem ich seit Jahren fantasiere. Eine Frau, die sich mir wirklich ausliefert. Die Scham, die Verlegenheit, die echte Untersuchung. Andererseits… ich habe eine wunderbare Frau. Ich liebe sie. Und ich frage mich die ganze Zeit, ob das, was wir vorhaben, nicht doch ein Verrat ist. Auch wenn kein Sex stattfindet. Ich will dich nicht enttäuschen. Aber ich will auch nicht etwas tun, das ich später bereue."
Fabienne las die Nachricht mit klopfendem Herzen. Die Scham über ihren eigenen Vorschlag mischte sich mit Verständnis. Sie schrieb zurück, löschte, schrieb neu.
So begann ein langer, ehrlicher Austausch über mehrere Abende hinweg.
Sie sprachen über Grenzen.
Über Schuldgefühle.
Über die Frage, ob es möglich war, den Fetisch auszuleben, ohne die eigene Beziehung zu beschädigen.
Fabienne gestand, wie sehr sie sich selbst dafür verurteilte, dass sie das überhaupt vorschlug – verheiratet, Lehrerin, eigentlich „anständig“. Alex erzählte, wie sehr ihn die Vorstellung erregte, sie wirklich zu untersuchen, aber wie sehr er gleichzeitig Angst hatte, eine unsichtbare Linie zu überschreiten.
Es war kein einfacher Weg. Mehrmals schrieb einer von beiden: „Vielleicht lassen wir es doch lieber.“ Und jedes Mal kam der andere zurück und fand neue Argumente.
Am Ende einer langen Nacht, nach vielen gelöschten und neu getippten Nachrichten, schrieben sie fast gleichzeitig:
"Lass es uns machen. Aber nur, wenn wir beide wirklich wollen und ehrlich bleiben."
Sie entschieden sich gemeinsam. Mit klopfendem Herzen. Mit schlechtem Gewissen. Und mit einer Aufregung, die sie beide kaum noch kontrollieren konnten.
Die folgenden Wochen vergingen in einer seltsamen, aufgeladenen Normalität.
Sie schrieben weiter wie zuvor – über Alltägliches, über lustige Begebenheiten bei der Arbeit, über Filme, über das Wetter. Aber unter allem lag jetzt eine ständige, leise Spannung. Jeder Satz, jedes harmlose Foto trug eine zweite Bedeutung.
Zwei Wochen vor dem 19. Oktober schickte Alex plötzlich ein Bild.
Es war in einer Drogerie aufgenommen. In seiner Hand hielt er eine Packung Einweghandschuhe – hellblau, medizinisch, unmissverständlich. Im Hintergrund sah man Regale mit Verbandszeug, Desinfektionsmitteln und Thermometern.
Dazu schrieb er:
"War gerade einkaufen. Die ersten Utensilien sind besorgt. Sag mir, was ich noch mitbringen soll. Ich will, dass alles echt und gründlich wird."
Fabienne öffnete das Bild in der Pause zwischen zwei Unterrichtsstunden. Sie stand im leeren Lehrerzimmer, starrte auf die Einweghandschuhe und spürte, wie ihre Knie weich wurden. Die Scham kroch heiß ihren Nacken hinauf. Gleichzeitig zog sich etwas tief in ihrem Unterleib zusammen.
Sie tippte mit zitternden Fingern zurück.