Die Forumsbekanntschaft

Kapitel 2: Der Abschied, der keiner war

Es war inzwischen fast halb drei. Die Nachrichten wurden kürzer, die Pausen dazwischen länger. Fabienne spürte, wie die Müdigkeit sie überkam, und doch wollte sie den Chat nicht beenden. Irgendetwas in ihr sträubte sich gegen das Ende dieses Abends.

Sie tippte, bevor sie es sich anders überlegen konnte:

"Weißt du, was mich wundert? Du hast die ganze Zeit nie gefragt, wie ich aussehe. Das passiert im Internet sonst eigentlich immer gleich. Irgendwann kommt die Frage nach Fotos oder zumindest nach einer Beschreibung."

Die Antwort von Alex kam nach einer Weile. Ruhig und ohne jede Spur von Verlegenheit:

"Weil ich nicht gelogen habe, Fabienne. Es hat für mich überhaupt keine Auswirkung. Das Gespräch gerade war einfach toll. Ich habe mich wirklich gefreut, dich kennenzulernen. Dein Aussehen ändert daran nichts. Ich bin mittlerweile ziemlich müde und sollte schlafen gehen. Es hat mich aufrichtig gefreut. Vielleicht sehen wir uns ja irgendwann wieder hier im Forum."

Fabienne starrte auf die Nachricht. Ein dumpfes, unerwartetes Gefühl breitete sich in ihrer Brust aus. Traurigkeit. Sie wusste, dass sie so spät abends nur selten schreiben konnte. Die nächsten Tage würden voller Arbeit und Ehealltag sein. Die Vorstellung, dass dieser Faden einfach abriss und sie wieder allein mit ihren Gedanken zurückblieb, tat weh.

Sie legte eine Hand auf ihr Herz, als könnte sie das Gefühl festhalten, und tippte dann etwas, das sie selbst ein wenig albern fand:

"Warte… Ich möchte den Abschied eigentlich nicht. Wie wäre es, wenn wir uns unsere Telegram-Benutzernamen geben? So bleibt es anonym. Wir stellen die Benachrichtigungen aus, damit unsere Partner nichts merken. Und wir antworten nur, wenn wir wirklich Zeit und Ruhe haben. Kein Druck. Nur… damit der Kontakt nicht komplett abreißt."

Es verging eine lange Minute. Fabienne kaute auf der Unterlippe. Sie bereute den Vorschlag schon fast.

Dann kam die Antwort:

"Das ist… ungewöhnlich. Und ehrlich gesagt bin ich etwas skeptisch. Aber okay. Ich gebe dir meinen. @Dr.Alex_33"

Fabienne schickte ihren: @Pat_Fabi_29

Sie speicherten sich gegenseitig. Danach war nur noch ein kurzes „Schlaf gut“ und „Du auch“.

Der Chat endete.

Die nächsten Tage vergingen seltsam still. Beide öffneten Telegram mehrmals am Tag, fast heimlich. Fabienne in der Lehrerzimmer-Pause, das Handy unter dem Tisch. Alex abends auf dem Sofa, während seine Frau im Nebenzimmer las. Das kleine App-Icon blieb stumm. Keine neue Nachricht. Kein grüner Punkt. Am vierten Tag, spätabends, als Fabienne schon im Bett lag und ihr Mann leise schnarchte, tippte sie schließlich:

"Hallo Herr Doktor. Ich dachte mir, es ist Zeit, dass ich dir einmal schreibe. Wie geht’s dir?"

Die Antwort kam innerhalb von Sekunden.

"Fabienne. Hey. Mir geht’s gut. Gerade echt überrascht und… freut mich sehr, von dir zu hören. Wie geht’s dir?"

Es war, als hätte jemand ein Fenster geöffnet.

In den folgenden Tagen schrieben sie immer wieder. Mal morgens fünf Minuten, mal abends eine Stunde. Es fühlte sich merkwürdig natürlich an – wie ein neuer Freund, den man zufällig gefunden hatte. Selten ging es um den Fetisch. Stattdessen schickten sie sich Fotos ohne jeden Kontext: den Blick aus Fabiennes Klassenzimmerfenster, Alex’ aufgeräumten Schreibtisch im Homeoffice, das leere Fitnessstudio am frühen Morgen, eine Tasse Kaffee auf dem Küchentisch, den grauen Himmel über ihrer jeweiligen Stadt.

Es war leicht. Unbeschwert. Fast alltäglich.

Bis Alex eines Abends, mitten in einem Gespräch über den besten Joghurt im Supermarkt, plötzlich etwas komplett anderes tippte:

"Darf ich dich etwas fragen, das ein bisschen aus dem Rahmen fällt? Könnte ich… irgendwann mal ein Foto von dir sehen?"

Danach herrschte Funkstille.

Eine Stunde.

Zwei Stunden.

Alex starrte auf den Bildschirm und bereute die Frage mit jeder vergehenden Minute. Er hatte sich selbst verraten. Vielleicht hatte sie ihn jetzt für oberflächlich gehalten. Vielleicht hatte sie das Gefühl, er wolle doch nur das Übliche. Dabei hatte er einfach nur… ein Gesicht zu der Frau haben wollen, mit der er plötzlich so gerne schrieb. Zu seiner neuen Freundin.

Er öffnete Telegram erneut, nur um zu sehen, ob sie vielleicht online war. Und genau in diesem Moment erschien der kleine grüne Punkt neben ihrem Namen. Eine Sekunde später kam eine Bildnachricht.

Fabienne.

Das Foto war unscharf im Licht einer Abendlampe aufgenommen, vor einem großen Spiegel, vermutlich im Vorraum ihrer Wohnung. Blonde, schulterlange Haare fielen weich um ihr Gesicht. Sie lächelte unsicher, fast ein wenig verlegen in die Kamera. Sportliche, schlanke Figur. Mittelgroße Brüste, die unter einem schlichten weißen T-Shirt natürlich wirkten – nicht zu groß, nicht zu klein. Und als sie sich leicht zur Seite gedreht hatte, zeichnete sich unter der dunklen Leggings deutlich der runde, pralle Po ab, der dem Stoff eine weiche, volle Form gab.

Darunter stand nur ein Satz:

"Jetzt bist du dran."

Alex atmete einmal tief aus. Das Herz schlug ihm spürbar schneller, während er das Bild anstarrte.