Die Forumsbekanntschaft
Kapitel 1: Die erste Nachricht auf XYZ.com
Es war kurz nach Mitternacht, als Fabienne den Laptop auf dem Esstisch aufklappte. Die Wohnung war still. Ihr Mann schlief bereits im Schlafzimmer, und sie hatte die Tür leise hinter sich zugezogen. Nur die kleine Schreibtischlampe warf einen warmen, engen Lichtkreis auf die Tastatur.
Sie hatte sich vor weniger als einer Stunde auf XYZ.com registriert. Ein Forum für weiße Erotik – keine harten Bilder, keine vulgären Foren, sondern ruhige, atmosphärische Geschichten, behutsame Fantasien und Menschen, die über ihre leiseren Sehnsüchte sprachen. Der Grund dafür lag tiefer, als sie sich selbst eingestehen wollte.
Es war dieses eine Erlebnis aus ihrer Zeit als Teenager. Ein Doktorspiel bei einem Freund, der den Arzt spielte. Sie hatte sich ausziehen müssen, hatte still dagelegen, während er mit einem Stethoskop und einem alten Fieberthermometer „untersuchte“. Die Scham, die sie damals empfunden hatte – das Gefühl, gehorchen zu müssen, nackt und bloßgestellt zu sein, während jemand ganz genau hinschaute und kommentierte –, war nie ganz verschwunden. Es war peinlich gewesen. Und genau diese Peinlichkeit hatte sich irgendwann in etwas anderes verwandelt. Etwas, das sie bis heute nachts wachhielt und das sie ihrem Ehemann nie erzählt hatte. Die Scham war zu groß.
Deshalb war sie hier im Forum.
Sie scrollte durch die Beiträge. Irgendwann blieb sie bei einem älteren Beitrag von einem User namens Dr_Alex hängen. Sein Profilbild zeigte nur einen Ausschnitt eines muskulösen Unterarms und den Kragen eines weißen Poloshirts. Der Beitrag war ruhig, fast nüchtern:
"Suche echten Austausch. Keine Spielpartnerinnen, keine Bilder, keine Treffen. Ich habe eine wunderbare Frau und will das auch so behalten. Aber ich würde gerne Menschen kennenlernen, die denselben Fetisch teilen – ihre Geschichten, ihre Emotionen, ihre Scham, ihre Erregung. Wirklich kennenlernen. Die meisten Kontakte hier bleiben oberflächlich. Wenn du mehr willst als nur schnelle Fantasien, melde dich."
Fabienne las den Text mehrmals. Etwas an der ruhigen, respektvollen Art zog sie an. Bevor sie es sich anders überlegen konnte, klickte sie auf „Private Nachricht“ und tippte mit leicht zitternden Fingern:
"Hallo Dr_Alex,
ich bin ganz neu hier und habe deinen Beitrag gelesen. Bist du eigentlich noch aktiv im Forum?
Liebe Grüße
Fabienne"
Sie drückte auf Senden und starrte eine Weile auf den Bildschirm. Dann wollte sie den Laptop schon zuklappen – da erschien plötzlich die kleine grüne Online-Anzeige neben seinem Namen.
Die Antwort kam nach weniger als zwei Minuten.
"Hallo Fabienne,
ja, ich bin gerade zufällig online. Ich checke meine Nachrichten eigentlich nur sehr selten. Die meisten Kontaktaufnahmen waren bisher… oberflächlich.
Schön, dass du dich meldest.
Woher kommst du? Wie alt bist du? Was machst du beruflich?"
Fabienne runzelte die Stirn. Die Fragen kamen unerwartet direkt. Sie hatte erwartet, sofort über den Fetisch zu sprechen. Stattdessen fühlte sie sich plötzlich persönlich befragt – und das, obwohl sie anonym bleiben wollte. Ihre Antwort war etwas gereizter, als sie beabsichtigt hatte:
"Ähm… ich wollte mich eigentlich über den Fetisch austauschen. Warum willst du das alles wissen?"
Die nächste Nachricht kam etwas langsamer.
"Entschuldigung. Du hast recht, das war zu direkt.
Ich möchte die Person hinter dem Fetisch kennenlernen. Die Geschichten und Emotionen interessieren mich nur wirklich, wenn ich weiß, mit wem ich spreche. Aber du musst natürlich nur das antworten, was du möchtest. Gar kein Problem."
In der nächsten Nachricht ergänzte er noch:
"Ich stelle mich gerne zuerst vor: Ich heiße Alex, bin 33, leitender Angestellter im Projektmanagement und verheiratet. Meine Frau weiß nichts von diesem Fetisch – und ich habe auch nicht vor, das zu ändern. Ich bin hier nur zum echten Austausch."
Fabienne atmete langsam aus. Die Entschuldigung und die offene Art wirkten ehrlich. Sie tippte zögernd:
"Okay… dann ich auch.
Ich heiße Fabienne, bin 29 und Lehrerin. Auch verheiratet. Über diesen Fetisch habe ich mit meinem Mann noch nie gesprochen. Die Scham ist einfach zu groß.
Ich bin komplett unerfahren. Wirklich. Ich habe noch nie mit jemandem darüber geredet."
Alex antwortete ruhig:
"Danke, dass du das teilst.
Darf ich fragen, wie es bei dir zu diesem Fetisch gekommen ist? Was war der erste Moment, in dem du gemerkt hast, dass dich das Thema so stark berührt?"
Fabienne starrte lange auf die Frage. Draußen war es mittlerweile stockdunkel. Sie holte sich ein Glas Wasser, setzte sich wieder hin und begann zu tippen. Was als kurze Antwort gedacht war, wurde zu einem langen, ehrlichen Text. Sie erzählte von dem Doktorspiel damals. Wie sie sich hatte ausziehen müssen. Wie peinlich berührt sie gewesen war, als der „Arzt“ bestimmte Untersuchungen gemacht hatte. Wie das Gefühl des Gehorchen-Müssens und der Scham sich später in etwas verwandelt hatte, das sie bis heute nicht losließ.
Alex las alles. Und er antwortete. Geduldig. Interessiert. Ohne zu drängen.
Sie schrieben die nächsten Stunden.
Über Scham.
Über das Gefühl, sich nackt und beobachtet zu fühlen.
Über die Erleichterung, endlich mit jemandem darüber sprechen zu können, der nicht urteilte.
Über die Tatsache, dass beide verheiratet waren und beide das Geheimnis für sich behielten.
Irgendwann war es halb drei. Fabiennes Augen brannten, aber sie wollte nicht aufhören. Zum ersten Mal seit Jahren fühlte sie sich mit diesem Teil von sich nicht mehr ganz allein.