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Auch ein Zahnarzt muss mal zum Zahnarzt

Behandlung Teil 1

Langsam merkt er, wie seine rechte Seite taub wird. Die Behandlung nebenan scheint schnell vorüber. „So, wirkt die Betäubung?“, Philipp und Jan betreten gemeinsam mit der Assistentin den Behandlungsraum. Jetzt wird es also ernst… Sami nuschelt so gut es geht ein Ja. „Also, dann schaue ich nochmal.“, wieder die Perkussionsprobe, „merkst du das noch?“ Weiß ich auch nicht so recht, denkt sich Sami, beschließt aber zu Sicherheit mal zu nicken. „Na gut“, Philipp legt noch eine Dosis Betäubung nach. „Bis es wirkt, erkläre ich kurz Jan den Situs. Ich würde dir einen Beißkeil einlegen, damit deine Muskeln nicht so verkrampfen.“ Ehe Sami sich versieht, hat die Assistentin auf der linken Seit den Keil in seinen Mund geschoben. Jetzt gibt es kein Entrinnen mehr. „Geht es so, Herr Tahiri?“ Er murmelt unverständlich etwas wie „muss ja“.

Philipp erklärt Jan den Befund, „relativ typischer Fall, teil-retiniert. Sieht bei der Exploration oft unauffällig aus, ich sehe auch keinen Abszess- daher lohnen sich in solchen Fällen regelmäßige Röntgen- Kontrollen. Das Bild ist aufgerufen, was wäre dein Befund?“ Jan wirft einen Blick auf den Monitor: „Karies profunda mit Beteiligung der Pulpa, vermutlich theoretisch noch reversible Pulpitis, allerdings aufgrund der Konstellation als nicht erhaltungswürdig einzustufen“. „Sehr gut. Dann fangen wir jetzt an. Sami bist du bereit?“ fragt Philipp. Sami nuschelt etwas, das sich wie ein ja anhört. Es ist ihm sehr unangenehm, wie Philipp seinem Sohn seinen Zahnstatus vorführt- andererseits nicht anders als im Behandlungskurs. Nur dass er damals Philipp auf dem Stuhl hatte und den Dozenten die Präparation dessen Kavitäten demonstriert. Naja hat, wenn Jan zumindest noch was lernen kann- soll auch recht sein. Er atmet tief aus und schließt seine Augen.

„Ok, wir starten mit der Freilegung. Skalpell“, Philipp beginnt, das Zahnfleisch um den retinierten Zahn freizulegen. Sami bemerkt den blutigen Geschmack im Mund. „Raspatorium.“ Mit einem Schaber wird der Zahn in der Tiefe von der Knochenhaut befreit. „Saugen bitte“. Der Zahn und mit ihm die große Karies wird allmählich sichtbar. „Wir tragen nur noch den Knochen ab, damit wir den Zahn gut fassen können“, greift Philipp den Rosenbohrer, der mit den entsprechenden Geräuschen aufheult. Sami ist weiterhin maximal angespannt, aber wenigstens war es bisher schmerzfrei.

„Wie würdest du nun weiter vorgehen?“ fragt er seinen Sohn. „Hm, vermutlich würde ich als erstes versuchen, ob sich der Zahn seitlich luxieren lässt, das wäre die einfachste Variante“ überlegt Jan. „Ja, so könnte man vorgehen. Daniela, geben Sie mir bitte einen Pfriem“, weist er seine Assistentin an, die daraufhin in einer Schublade wühlt und einen spitzen Hebel anreicht. „Sami, ich versuche jetzt den Zahn seitlich zu luxieren. Das drückt mal ganz furchtbar“, Philipp setzt den Hebel an und versucht, den Zahn aus dem Kiefer zu stemmen. Sami stöhnt auf. „Warte kurz, ich habe gerade einen guten Ansatz“, was von Sami mit einem deutlich lauteren Aufstöhnen quittiert wird, „War das schmerzhaft oder nur unangenehm?“ will Philipp wissen. „Tut verdammt weh“, erwidert Sami. „OK, dann spritze ich nochmal nach“, nickt Philipp seiner Assistentin zu, die nochmal eine Ampulle Lokalanästhetikum anreicht. „Du siehst“, sagt er an Jan gewandt, während er weiteres Betäubungsmittel injiziert, „das typische Problem mit Lokalanästhesie und der Entzündung. Welche Pathologie steckt dahinter?“ „Ähm, der niedrige pH-Wert verhindert die Wirkung? Aber ganz genau müsste ich das auch nachlesen“ Weil durch die ionisierte Form der Moleküle keine Einlagerung in die Zellmembran möglich ist und somit die Natrium- Kanäle nicht blockiert werden- erinnert sich Sami an frühere Vorlesungen. Auf den Praxis- Test könnte er aber gern verzichten.

„Gut, dann versuchen wir, der Zahn im Ganzen mit der Zange zu greifen. Was ist das Problem in diesem Fall?“ „Naja, der Zahn ist schon sehr kariös und sicher nicht stabil“, kommentiert Jan, nachdem er den Bereich sorgfältig abgesaugt und inspiziert hat. Vielen Dank auch, denkt sich Sami- jetzt macht halt, damit ich es endlich hinter mir habe. Durch den Beißkeil kann er jedoch nichts sagen.

„Ok Sami, weiter geht es“, Philipp umfasst mit der Zange den Zahn. Ein ungutes Knirschen quittiert seine Bemühungen, den Zahn zu fassen. „Verdammt, ich hab’s befürchtet. Jetzt haben wir einen Haufen Brösel“. Sami schaut unglücklich, während Daniela unaufgefordert eine Reihe weiterer Instrumente aus der sterilen Verpackung befreit und auf dem Tray ausbreitet.