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Der Unfall

Der Befund

Schwungvoll wird die Tür zum Behandlungszimmer geöffnet. „Hey Philipp, schön dich mal wieder zu sehen“, betritt sein Kumpel Sami breit grinsend den Raum. Als er Philipp sieht, wird sein Gesichtsausdruck besorgter: „Was ist denn mit dir passiert?“ Philipp gibt ihm die Kurzzusammenfassung. Unfall- Klinik- Zahnversorgung- OP. Auf die Details der Behandlung bei Dr. Krügelmann verzichtet er erstmal. „Oh je, du Armer“, schaut Sami ihn bemitleidend an, „Ok, du sagst du bist voll gegen den Baum geknallt? Dann schlage ich vor, wie schauen uns alles einmal ganz genau an.“ In der Zwischenzeit hat eine Helferin den Raum betreten und bereitet klirrend die Instrumente vor. „Na toll, alles genau anschauen… mir würde es reichen, wenn er sich auf die Frontzähne beschränkt.“ Aber Sami war schon immer ein ausgesprochen sorgfältiger Behandler, eine Eigenschaft, die Philipp eigentlich sehr an ihm schätzt- sofern er nicht selbst der Kandidat zur Behandlung ist. Der Stuhl wird in Position gebracht. Mit einem Seufzer öffnet er seinen Mund- er wird es schon irgendwie überstehen. Zunächst kommt die typische Untersuchung mit Sonde und Spiegel, Sami beginnt mit dem Unterkiefer. Alle Zähne werden gründlich betrachtet, die Füllungsränder sorgfältig sondiert, aber zumindest bemerkt Philipp nicht, dass das Instrument irgendwo hängenbleibt. Schließlich geht es im Oberkiefer weiter. Hoffentlich finden sich hier keine weiteren Überraschungen, denn mit den eigenen Kontrolluntersuchungen hat er es ja in den letzten Jahren nicht so genau genommen… Der eine oder andere Zahn wird genauer betrachtet, aber außer der Bemerkung „15 okklusal provisorisch versorgt“ scheint es keine Beanstandungen zu geben. „Sieht ja grundsätzlich alles so weit gut aus. Ich glaube die zwei Füllungen um Unterkiefer habe ich dir damals mal verpasst, richtig? Der 5er ist aber nicht vom Unfall, oder?“ fragt Sami. „Ja und nein“, versucht Philipp zu antworten, so gut es mit Instrumenten im Mund eben geht. Zumindest bis jetzt keine unerfreulichen Überraschungen. „Ok, dann schaue ich mir einmal die betroffenen Zähne an. 11 hat eine Kronenfraktur mit offen liegender Pulpa, 21 ist nach hinten disloziert und nicht korrekt eingestellt. Provisorische Schienung von 22 bis 12, auch insuffizient. Wow, so wirklich Mühe haben die sich in der Zahnklinik aber nicht gegeben“, bemerkt Sami. Wenn du wüsstest, denkt Philipp und sieht wie die Assistentin Wattestäbchen und Kältespray bereitstellt. Er betastet die geschwollene Oberlippe, was bei Philipp zu einem schmerzgeplagten Stöhnen führt: „Hm, das gefällt mir auch nicht. Die Schwellung und Rötung sollten nicht mehr so ausgeprägt sein. Das müssen wir später nochmal genauer anschauen. Beiß mal zusammen. Ja, die Okklusion passt natürlich auch vorne und hinten nicht“. Sami greift zum Kältespray. „Wir testen einmal alle Zähne auf Vitalität, ich starte im Unterkiefer.“ Er beginnt hinten rechts und arbeitet sich auf die linke Seite vor. Die leichten Schmerzreize sind zwar unangenehm, aber gut auszuhalten. Philipp merkt, wie sich innerlich in ihm alles sträubt, als sich die Untersuchung mehr und mehr in Richtung der beschädigten Zähne bewegt. „17 ok, 16 ok, 15 deutlich verzögert, 14 ok, 13 ok, 12 verzögert…“ In diesem Moment wird der abgebrochene Zahn von dem eiskalten Stäbchen berührt. Der Schmerz jagt wie ein Blitz durch den Zahn. Philipp kann gerade noch einen Schrei unterdrücken und stöhnt dafür laut auf. Tränen treten ihm in die Augen. Sami schaut ihn mitleidsvoll an: „Oh Mann, das tut mir leid. Ich brauche leider einmal einen Ausgangstatus. Sollen wir eine Pause machen?“ Philipp schüttelt den Kopf. Er möchte es nur hinter sich bringen und öffnet wieder den Mund. Schon wird die Untersuchung fortgesetzt. „11 reagiert übermäßig, 21 ohne Reaktion, 22 verzögert, 23 bis 27 sind ok“. Sami nimmt den Handspiegel in die Hand: „Gut, jetzt noch die Perkussion.“ Philipp weiß natürlich, dass ein Beklopfen der Zähne mit dem Griff des Handspiegels ein wesentlicher Teil der Untersuchung ist. Aber die Vorstellung, dass das Instrument fest gegen seinen frakturierten Zahn geschlagen wird, lässt ihn sich mit den Händen an der Armlehne festkrallen. Die Zähne im Unterkiefer sind schnell und ohne Beanstandungen untersucht. Das Klopfen am provisorisch gefüllten 5er entlockt Philipp ein erstes leises Stöhnen, die nächsten Zähne sind wieder ok. „Die Einser lasse ich in Ruhe, ok? Der 11er wird positiv sein, der 21er muss erst ordentlich geschient sein.“ Dankbar guckt Philipp ihn an. Die Schmerzwellen ebben allmählich etwas ab. Das Beklopfen der übrigen Zähne ist schnell erledigt. Endlich wird der Stuhl wieder in die Ausgangsposition gefahren. „Sorry, das tut mir wirklich leid, dass es so schmerzhaft war. Aber du hast es jetzt geschafft. Ich würde gern noch ein DVT machen, damit wir einen 3D- Scan haben und dann schauen wir uns gemeinsam die Bilder an, ok?“, sagt Sami mitfühlend. Die nette Assistentin bringt ihn zum Röntgen, nicht ohne ihn zu fragen, ob auch wirklich alles so ok sei. Der Scan ist schnell erledigt. Gerade als sie ihn wieder in das Behandlungszimmer bugsieren will, kommt Sami um die Ecke. „Na komm, wir gehen in mein Büro“, sagt er und gibt Philipp einen freundschaftlichen Klapps auf die Schulter, was ihn zu einem weiteren schmerzhaften Stöhnen verleitet. „Kann ich dir was zu trinken anbieten? Lauwarmes Wasser ohne Kohlensäure zum Beispiel?“ Sami muss grinsen und auch Philipp kann sich ein schiefes Lächeln nicht verkneifen. Sich gegenseitig aufziehen konnten sie sich schon immer gut, etwas, das sie an den langen Tagen im Labor oder der Klinik bei Laune gehalten hat.