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Der Unfall

Behandlung Teil 1

Mit einem hämischen Grinsen im Gesicht greift er zu Spiegel und Sonde: „Na dann mal weit aufmachen.“ Noch halb benebelt und ohne wirkliche Alternativen in Sicht öffnet Philipp den Mund. Dr. Krügelmann wirft einen flüchtigen Blick auf die Zähne und bellt der Assistentin zu: „11 mit Kronenfraktur wird provisorisch abgedeckt, 21 ist gelockert- bekommt eine Schienung. An der Rissquetschwunde an der Innenseite der Oberlippe machen wir nichts, das heilt auch von allein.“ Er schwenkt die Lampe weg und will sich schon wieder abwenden. „Ähm, ich habe das Gefühl, dass 21 nicht richtig steht, ich glaube der ist disloziert“, wagt Philipp in Sorge um das Überleben seines linken Schneidezahns anzumerken. „So so, glaubt der Herr Kollege das? Dann will ich doch noch mal ganz genau schauen.“ Krügelmann nimmt wieder das Besteck in die Hand. „Aber nein, der steht ganz vorzüglich. Aber was haben wir den hier?“ Mit einem Leuchten in den Augen fängt er an, mit der Sonde an einem der rechten oberen Backenzähne zu kratzen, bis Philipp ein leichtes Stöhnen entfährt. „Eine insuffiziente Füllung am 51 mit einer schönen Randspaltenkaries. Na, das sollten wir sofort behandeln- nicht das daraus eine Pulpitis wird.“ Philipp schüttelt hektisch den Kopf. Nicht dass er nicht ohnehin Panik vor dem Bohren hätte- schließlich hat er die Temperaturempfindlichkeit am Zahn schon vor einer Weile bemerkt und die Behandlung vor sich her geschoben- Amok- Jürgen wäre sicher der Letzte, den er an seine Zähne lassen würde. Während die Schwester Instrumente richtet, stattet Krügelmann den Bohrer aus und lässt ihn kurz aufheulen. „Schwester Sabine, bitte noch die Ausstattung für unkooperative Patienten“. Philipp, der keine Möglichkeit hat, den Mund zu schließen, bemerkt, wie ihm auf der linken Seite ein Mundspreizer eingesetzt und seine Stirn mit einem Klettband fixiert wird. „Na dann wollen wir mal schön bohren“, mit diesen Worten setzt Krügelmann den Bohrer kräftig am kariösen Zahn an. Vielleicht wird es ja nicht so schlimm, versucht Philipp sich selber Mut zuzusprechen. Schließlich sind wir doch alle erwachsen und es ist unethisch, Patienten vorsätzlich zu quälen. Er hat diesen Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, als der Bohrschmerz einsetzt. Das anfängliche Ziehen entwickelt sich zu einem heftigen Schmerz. Der Bohrer frisst sich durch die alte Füllung in das darunterliegende Dentin. „Da hat sich aber eine schöne Karies ausgebreitet, richtig tief zum Nerv hin“, stellt Dr. Krügelmann zufrieden fest und lässt den Bohrer auf Hochtouren laufen. Philipp zuckt und wimmert, was sein Gegenüber mit Genugtuung zur Kenntnis nimmt. Schließlich pausiert der Bohrer. „Gibt das eine Trepanation, Herr Doktor?“ fragt Schwester Sabine, nun deutlich eifriger bei der Sache. Auch sie scheint Gefallen an den Schmerzen des Patienten gefunden zu haben. Krügelmann schaut auf die Uhr: „Ah, schon so spät- da kommt ja gleich schon der Nachtdienst. Nein, so tief reicht der Defekt nicht. Da hat unser Patient noch mal wirklich Glück gehabt.“ Puh- innerlich erleichtert entspannt sich Philipp etwas. Zumindest das bleibt ihm erspart. So abgelenkt bemerkt er nicht, dass Krügelmann den Rosenbohrer aufgesetzt hat. „So, noch eine Kleinigkeit“, mit diesen Worten drückt er den Bohrer mit Kraft in den Zahn und lässt ihn laufen. Philipp schreit auf, als ihm ein unbändiger Schmerz vom Zahn durch den Kopf schießt, und bäumt seinen Körper auf. Unbeeindruckt davon bewegt sein Gegenüber den Bohrer noch einmal ohne Hast durch den Zahn, bevor er die Turbine einhängt. Weiches Material wird zunächst in den Defekt gestopft, bevor die Kante des abgebrochenen Zahns abgedeckt und lieblos eine Schiene an den oberen Schneidezähnen angelegt wird. „Hier in der Notfallsprechtstunde verwenden wir übrigens nur provisorisches Füllmaterial. Lassen Sie den Zahn von ihrem Hauszahnart weiter behandeln. Aber den müssen sie ja eh Aufsuchen, nicht wahr Herr Kollege? Hat mich sehr gefreut, Sie wiedergesehen zu haben.“ Mit diesen Worten verlässt Amok-Jürgen das Behandlungszimmer. Als die Schwester ihn endlich vom Spreizer befreit hat, merkt er, dass er mit dem viel zu hohen Füllmaterial kaum aufbeißen kann. Und auch der linke Schneidezahn ist zwar geschient, steht aber immer noch nach hinten verkippt. Trotzdem ist er froh, dass die Tortur beendet zu sein scheint.