Das Anatomie-Tutorium
Das Anatomie-Tutorium
Der Seminarraum war fast leer als ich die Tür vorsichtig aufschob und hineinsah. Kurz dachte ich, ich hätte den falschen Raum erwischt und war drauf und dran die Tür zu fallen zu lassen und wieder zu gehen, da trat jemand in den Türrahmen und hielt die Tür auf. „Hey, bist du hier für das Anatomie-Tutorium?“ Kurz war ich ein bisschen überrumpelt bevor ich antworten konnte. „Ehh, ja, ich war mir nur unsicher ob ich im richtigen Raum bin.“ Er machte die Tür noch ein Stück weiter auf und machte eine einladende Bewegung in den Raum. „Du bist hier richtig, komm ruhig rein“. Sagte er freundlich.
Ich betrat den Raum, stellte meinen Rucksack am Rand der zweiten Reihe ab und blickte mich erneut im Raum um. Bis auf den jungen Mann war der Raum tatsächlich menschenleer, nur der virtuelle Anatomietisch in der Mitte des Raumes gab ein leises Summen von sich. Auch wenn dieses Tutorium für mein Biologie-Studium optional war, dachte ich es würden mehr Menschen hier sein. Ich räusperte mich „Weißt du ob noch jemand kommt?“ wandte ich meine Frage an den jungen Mann der nun gerade etwas am Display des Tisches einstellte. Er sah auf und kam einen Schritt auf mich zu „Nein, tatsächlich bist du die Einzige, die sich für heute angemeldet hat.“ Er lächelte kurz. „Ich bin übrigens Felix, ich studiere Medizin im 8. Semester und übernehme heute das Tutorium“ Ein ungutes Gefühl machte sich in meinem Bauch breit. Alleine hier zu sein bedeutete auch, mich nicht hinter anderen zu verstecken und um ehrlich zu sein war ich für heute noch nicht besonders gut vorbereitet. Dennoch trat ich einen Schritt näher an den Anatomietisch heran und versuchte nicht ganz so angespannt zu wirken.
„Keine Sorge, wir machen das ganz entspannt, es soll dir ja helfen die Anatomie besser zu verstehen.“ Er strahlte Ruhe aus. Selbstbewusstsein. Gelassenheit. Ganz genau das Gegenteil von meiner Gefühlslage im Moment. Ich versuchte zu lächeln und mich ein wenig zu entspannen, so schlimm kann es schon nicht werden. „Ich muss ehrlich sagen ich fühle mich generell noch nicht so gut vorbereitet, ich hatte einfach noch nicht genügend Zeit zu lernen, aber ich dachte genau dafür komme ich heute hierher?“ Ich schaute zu ihm und trat nervös von einem Bein aufs andere. „Na klar, gerade dann ist es extra wichtig sich das Ganze noch einmal visuell und in 3D anzuschauen, wir fangen einfach ganz einfach an und schauen was du schon kannst.“ Sagte er und öffnete am Tisch sogleich ein dreidimensionales Modell eines menschlichen Körpers. Wir begannen damit generelle Begriffe der Lokalisierung im Körper, verschiedene Ebenen und die größten Knochen und Muskeln durchzugehen und tatsächlich konnte ich sogar einige selbstständig benennen und zeigen. Wenn ich nicht weiterwusste, half er mir und zeigte mir auch, wie ich mir verschiedene Dinge besser merken konnte. Von Minute zu Minute fielen meine Nervosität und Anspannung von mir ab.
„Gibt es etwas das dir schwerfällt und was du gerne nochmal im Detail durchgehen würdest?“ fragte er. „Mhh … ehrlich gesagt hab ich ein wenig Probleme mit dem Herz-Kreislauf-System“ gab ich zu. „Auf den Folien erscheint mir alles logisch, aber sobald ich es mir räumlich vorstellen soll, verliere ich den Überblick“. Sein Blick war verständnisvoll, ich fühlte mich nicht unter Druck gesetzt, sondern hatte wirklich das Gefühl, er nimmt sich gerne die Zeit um mir weiterzuhelfen. „Okay, dann lass uns das doch nochmal genauer anschauen“. Er tippte einige Dinge am virtuellen Anatomietisch und blendete Haut und Muskeln am Modell aus, sodass Herz und die Hauptgefäße sichtbar wurden. „Fangen wir doch mit den basics an, kannst du den allgemeinen Kreislauf des Blutes erklären?“ Sein Blick lag fragend auf mir.
Komm schon, in der Theorie weiß ich doch wie das geht. Ich räusperte mich. „Also ausgehend vom Herz, wird das Blut aus dem linken Ventrikel über die Aorta gepumpt und kommt über die Vena cava zurück ins Herz?“ Er nickte ermutigend, was wohl heißt, dass es bis hier hin richtig war. „Okay und aus der rechten Herzkammer fließt das Blut über die pulmonalen Arterien in die Lunge und von da über die pulmonalen Venen zurück.“ Ich beendete meine Aussage mit einem sicheren Ton und nicht fragend wie zuvor. „Sehr gut, damit hast du doch schonmal den Grundstein“.
Die folgenden Minuten verbrachten wir damit weitere Details über die Kammern und die verschiedenen Herzklappen zu besprechen. Er zeigte mir außerdem wie man Gefäße im 3D-Modell sicher identifizieren konnte und ließ mich dabei selbst das Modell in verschiedene Richtungen drehen um ein Gefühl für die räumliche Dimension zu bekommen. Mit jeder Minute fühlte ich mich sicherer. Auf einmal fühlte sich das Herzkreislaufsystem nicht mehr so überfordernd kompliziert an wie zu Beginn.
Als letztes erklärte er mir noch einmal den Herzzyklus mit Phasen der Enspannung und Kontraktion. „…und deshalb agiert der Herzmuskel als Pumpe und du kannst dir immer vorstellen, dass die elektrischen Signale dafür ganz genau getaktet sind. Daher ist auch der Puls im Ruhezustand immer gleichmäßig mit einer bestimmten Frequenz“. Beendete er seine Ausführung über den Herzzyklus und schaute danach erwartungsvoll zu mir. Ich glaube ein wenig konnte man mir meine Überforderung ansehen. Bis eben konnte ich gut folgen, doch der Herzzyklus mit all seinen Phasen überrumpelte mich dann doch wieder ein wenig. „Ich … ehm also bis zu der Funktion der Herzklappen konnte ich alles gut nachvollziehen, aber die Phasen erscheinen mir immer so abstrakt. Ich kann mir die zeitliche Abfolge schlecht merken, wann sich welche Klappe öffnet und schließt.“ Ich schaute etwas hilflos zu ihm ließ einen frustrierten Seufzer von mir. „Alles gut, ich weiß das kann schwierig sein. Darf ich dir noch etwas praktische zeigen?“ Sein Blick ruhte auf mir. Ich nickte zögerlich. Er ging einige Schritte zur Seite und holte ein Stethoskop aus seinem Rucksack. „Die Anatomie des Herzens kann wirklich ziemlich abstrakt sein, aber sie ist etwas das man nicht nur sehen, sondern auch hören kann.“ Ich schaute ihn fragend an. Natürlich kannte ich dieses Instrument, nur habe ich es selbst noch nie benutzt. So ziemlich jeder Arzt hat es demonstrativ um den Hals hängen, natürlich hatte er als Medizinstudent auch eines.
„Komm her, ich zeig dir wie man es benutzt.“ Er setzte sich die Bügel in die Ohren und trat einen Schritt näher zu mir. Ich spürte wie meine Atmung sich beschleunigte. Die plötzliche Nähe machte mich nervös. „Hast du schon einmal Herztöne gehört?“ Ich schüttelte den Kopf. „Okay dann beginnen wir damit, an bestimmten Positionen kann man den Herzschlag sehr deutlich hören“ Er setzte das Bruststück auf meine Haut ein wenig oberhalb des Saums meines Tops. Eine leichte Gänsehaut breitete sich über meinen Körper aus aber ich blieb still. Er schwieg kurz und konzentrierte sich auf meinen Herzschlag. Ich konnte ihn selbst in meiner Brust spüren und war mir fast sicher, dass er definitiv nicht regelmäßig ist. „Dein Herz schlägt ein wenig schnell aber man hört deutlich beide Herztöne in einem Rhythmus“. Seine Aussage ließ mein Herz bestimmt gerade kurz aussetzen. Mit Sicherheit war ihm selbst bewusst, dass mein schneller Herzschlag meiner Nervosität geschuldet war, doch er ließ dieses Detail unkommentiert.
„Möchtest du es selbst probieren?“ Ich nickte vorsichtig. Er nahm sich die Bügel aus den Ohren und reichte mir das Stethoskop. „Setz zuerst die Ohrbügel ein.“ Ich nahm ihm das Stethoskop aus der Hand und war kurz erstaunt wie schwer es war. Dann setzte ich mir die Bügel in die Ohren und hielt das Bruststück in der Hand. Er nahm meine Hand und führte sie zu meiner Brust und half mir das Bruststück richtig zu positionieren. Ich hielt für einen Moment die Luft an und lauschte. Und tatsächlich hörte ich es. Immer zwei dumpfe Schläge nacheinander… danach Pause... und dann nochmal. Alles in einem gleichmäßigen Rhythmus. Ich schaute ihn mit großen Augen an. „Der erste Ton entsteht, wenn sich die Atrioventrikularklappen schließen, der zweite Ton, wenn sich die Aorten- und Pulmonarklappe schließen, das erzeugt dieses lub-dub Geräusch.“ Erklärte er bevor er das Bruststück etwas weiter nach unten verschob. „Hier hört es sich wieder ein wenig anders an“. Ich lauschte erneut und stellte fest, wie laut der Herzschlag doch war. „Das ist viel deutlicher als ich es mir vorgestellt habe.“ Er lächelte. „Ja, viele sind darüber erstaunt, möchtest du zum Vergleich auch bei mir hören?“ Ich nickte sofort. Wieder nahm er meine Hand und führte sie diesmal zu seiner Brust. Ich platzierte das Bruststück und lauschte für einen Moment. „Dein Herzschlag ist irgendwie viel lauter… und langsamer.“ Ich war verwundert über den deutlichen Unterschied zwischen meinem und seinem Herzschlag. Wieder lächelte er. „Ich glaube ich bin aber auch nicht so nervös, wie du“. Ich wurde unmittelbar rot und senkte den Blick. Ich fühlte mich ertappt auf eine peinliche Art und Weise aber er hatte Recht. Die Situation machte mich nervös und er wusste es. Mit dem klinischen Abhören beim Arzt hatte das hier gerade absolut nichts zu tun. Alles daran fühlte sich vertraut und intim an. Das habe ich vorher noch nie erlebt.
Ich lies meine Hand sinken und nahm mir die Bügel aus den Ohren. Er nahm mir das Stethoskop aus der Hand und legte es beiseite. „Vielleicht kannst du dir so merken, dass Anatomie nicht starr ist, sondern etwas Dynamisches.“ Ich nickte, den Blick immer noch gesenkt. „Ja es fühlt sich weniger wie Lernstoff an und mehr wie etwas, das man begreifen kann“ gab ich zu, doch war gedanklich noch voll bei dem Geräusch, das ich durch das Stethoskop hören konnte. „Soll ich dir noch etwas zeigen?“ Ich schaute auf und traf auf seinen Blick. Ich trat etwas unruhig von einem Bein auf das andere aber willigte ein. „Auch ohne Stethoskop kannst du ganz einfach den Herzschlag spüren indem du den Puls misst, das geht ganz einfach ohne Hilfsmittel.“ Er legte sich zwei Finger auf das Handgelenk, unterhalb des Daumens. „Ungefähr hier kannst du den Radialispuls spüren, das Pulsieren der Radialis Arterie, probier es ruhig bei dir selbst.“ Ich versuchte es ihm gleich zu tun und legte meine Finger ebenfalls auf mein Handgelenk. Ich tastete, doch konnte nichts spüren. Er korrigierte mich und bewegte meine Finger weiter zur Seite und auf einmal konnte ich es auch spüren. Ein leichter Druck, der rhythmisch gegen meine Finger pochte. Unsere Blicke trafen sich kurz und ich musste Lachen „Warum fühlt sich das auf einmal so viel weniger kompliziert an als im Hörsaal?“ Er zuckte mit den Schultern „Vielleicht weil Lernen besser funktioniert, wenn man Dinge erlebt statt einfach nur auswendig zu lernen.“
Wir verweilten noch einen Moment in dem wir uns einfach ansahen. „Du kannst den Puls auch am Hals messen, da ist es meist noch deutlicher zu spüren“ Er lehnte sich ein Stück näher zu mir. „Darf ich?“ Ich nickte instinktiv. Ich wollte wissen wie es sich anfühlte, wenn er meinen Puls misst. Er hob seine Hand an meinen Hals und tastete nach dem Puls. Schließlich verweilten seine Finger seitlich meines Halses und ich konnte selbst meinen Puls gegen seine Finger spüren. „Hier spürst du den Puls der Karotis Arterie“ Als ich ihm in die Augen sah, breitete sich ein Kribbeln ausgehend von seinen Fingern über meinen ganzen Körper aus. Da war wieder dieses Gefühl. Ein Gefühl von Unsicherheit und Nervosität und doch hatte es etwas Vertrautes. Ich wurde nicht ganz schlau aus dem Gefühlschaos in meinem Kopf. Nach einigen Sekunden löste er die Hand von meinem Hals und schaute überrascht auf die Uhr. „Wahnsinn, schon eineinhalb Stunden“. Ich schaute ihn ein wenig verdutzt an „Wirklich?... Das kann nicht sein.“ Sagte ich reflexartig. „Doch, gute Lernzeit vergeht meistens sehr schnell.“
Ich packte meine Sachen zusammen und blieb vor dem gehen nochmal in der Tür stehen. „Ich war kurz davor, heute nicht zu kommen“ sagte ich in den Raum. „Ich dachte ich wäre zu unsicher“. Er schüttelte den Kopf und trat einen Schritt auf mich zu. „Gerade dann sollte man kommen.“ Er lächelte mich an. „Ein Tutorium alleine ist zwar selten aber meistens sehr effektiv.“ Mir wurde heiß. Und wie effektiv das war. Mehr als das sogar. „Danke für das Tutorium, ich fühle mich echt gut vorbereitet jetzt“ Ich verlies den Raum mit einem Lächeln und einem Kribbeln im Bauch. Die Anatomie fühlte sich jetzt nicht mehr an wie ein riesiger unüberwindbarer Berg. Gleichzeitig, hingen meine Gedanken auch immer noch an den praktischen Übungen. Wer hätte gedacht, dass man Anatomie so realitätsnah vermitteln kann.
Im Vergleich zu vielen anderen Geschich…