Ein Date mit Folgen
Es geht los
“Ist es wirklich für dich ok, wenn ich dabei bin?” fragt Jan. Max zuckt mit den Schultern- ehrlich gesagt ist dies seine geringste Sorge. Im Behandlungszimmer ist bereits einiges vorbereitet. Philipp und Jan tragen heute offizielle Praxiskleidung, was die Situation nochmal ernster erscheinen lässt. Er gibt sich einen Ruck und setzt sich auf den Stuhl. Auf der Ablage liegt immerhin nur ein Spiegel. Philipp sieht, in welchem Zustand er sich befindet und schaut ihn mit einem offenen Blick in die Augen: “Max, wir haben heute alle Zeit der Welt. Wie erklären dir alles Schritt für Schritt und du kannst jederzeit Stopp sagen. Wenn es gar nicht gehen sollte, können wir dir theoretisch auch etwas zur Beruhigung geben- aber das mache ich nicht so gerne außerhalb der Praxiszeiten. Sollen wir starten?” Hm, Beruhigungsmittel hört sich nicht schlecht an, aber einen Rückzieher möchte Max auch nicht machen. “Ist ok”, hört er sich mit gequälter Stimme sagen. Der Stuhl wird in Position gefahren, das Licht ausgerichtet. “Ich schaue erstmal nur und trage ein Betäubungsgel auf die Stellen ein, an denen ich die Betäubung einspritze”, sagt Philipp und nimmt den Spiegel zur Hand. Max atmet tief aus und öffnet den Mund. Philipp schaut sich den Zahn nochmal von allen Seiten an: “Ok, jetzt betäuben wir.” Max bemerkt, wie Jan von hinten eine Spritze anreicht. Die Einstiche bemerkt er kaum, jedoch drückt es diesmal mehr. “Geschafft, wir warten nun ein paar Minuten.” Der Stuhl wird diesmal nicht hochgefahren. Max bekommt mit, wie sich die anderen im Hintergrund leise unterhalten. Instrumente werden zusammengestellt- scheinbar eine ganze Reihe. Er kann es nicht richtig sehen, aber das Tablett, das bereitgestellt wird, sieht ziemlich angsteinflößend aus. Die Betäubung setzt ein- diesmal ist das taube Gefühl noch deutlich ausgeprägter. “Ok Max, zuerst spannen wir ein Gummituch über den Zahn, damit unser Arbeitsfeld trocken bleibt und dir nichts in den Mund läuft”, greift Jan zum Kofferdam. Zunächst wird der Zahn der Zahn isoliert und das Gummi mit einer Klammer befestigt. Dann wird das Tuch im Gesicht aufgespannt. Max merkt, dass er den Mund nun nicht mehr schließen kann, wie damals beim Mundspreitzer. Er beginnt zu hyperventilieren, Panik steigt in ihm auf. “Ganz ruhig Max”, Philipp fährt den Stuhl wieder ein Stück hoch, schwenkt die Lampe zur Seite und legt ihm die Hand auf die Schulter. Jan verlässt derweil unbemerkt den Behandlungsraum. “Versuch langsamer zu atmen. Wir machen erst weiter, wenn du bereit bist.” Max atmet etwas ruhiger, hat aber immer noch das Gefühl, nicht gut Luft zu bekommen. Plötzlich ist die Stimme von Amelie da: “Hi, soll ich dabei sein?” Sie setzt sich ans Fußende und legt die Hand auf Max Bein. Dankbar nickt er. “Ok, mach deine Augen zu und konzentriere dich ganz auf deine Atmung. Max merkt, wie er langsam ruhiger wird. Im Hintergrund sprechen Jan und Philipp leise miteinander. “Also Max, wir würden jetzt starten”, Philipp rollt mit seinem Hocker auf die rechte Seite, Jan auf die andere. Der Stuhl fährt wieder in Position. “Wenn du magst, lass deine Augen ruhig zu. Und wenn irgendwas ist, hebst du deinen linken Arm. Als erstes entferne ich die alte Füllung.” Schon heult der Bohrer mit einem Geräusch auf, das Max ganzen Körper verkrampfen lässt.
Der Bohrer wird angesetzt, wieder drückt es und vibriert unangenehm, doch die Schmerzen bleiben aus. Nach ein paar Sekunden wird der Bohrer abgesetzt. “Alles gut bei dir?” Max nickt- bisher kein Problem. Dieses Mal dauert das Bohren deutlich länger. Schließlich wird wieder auf den langsam rumpelnden Bohrer gewechselt. Nach einer gefühlten Ewigkeit wird der Bohrer zur Seite gelegt. Sollte es nun überstanden sein? “Gibt mir bitte das Caries Detect” hört Max Philipp zu seinem Sohn sagen. Dieser kramt in einer Schublade. Das Wort Karies lässt Max wieder innerlich verkrampfen. Etwas wird auf seinen Zahn aufgetragen und danach wieder mit dem Wasserstrahl entfernt. “Hier nach distal müssen wir die Präparation noch etwas erweitern”, murmelt Philipp. “Max, wir haben gleich alles gesäubert, nur noch ein wenig.” Erneut heult der Bohrer auf und frisst sich auch an der Seite tief in den Zahn. Dauert ganz schön lange für nur noch ein wenig, denkt sich Max. “So, Pause”, mit diesen Worten fährt Philipp den Stuhl wieder in die aufrechte Position. Max öffnet die Augen. Viel kann von dem Zahn nicht mehr übrig sein… Er spürt, wie Amelie weiter über sein Bein streicht. Ganz schön peinlich, denkt er sich- ob Amelie danach überhaupt noch was mit so einer Memme zu tun haben will? Jan deckt ein neues Tray auf, bei dessen Anblick sich Max Augen weit öffnen, liegen dort doch mehrere Feilen mit Gewinde in unterschiedlichen Längen und Dicken. “Oh, sorry”, schnell deckt Jan die Instrumente mit einem Tuch ab: “Sieht schlimmer aus, als es ist- ehrlich.”