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Ein Date mit Folgen

Die Stunde der Wahrheit

Nach einer unruhigen Nacht macht er sich trotzdem am Donnerstag pünktlich auf den Weg. Wohlwissend hat er sich ein T-Shirt ausgewählt, bei dem die Schweißflecken hoffentlich nicht so sichtbar sind…

Er stellt sein Rad ab und geht diesmal zum offiziellen Eingang. “Dr. med. dent. Philipp Merten” steht auf dem Schild. Der Praxisbereich ist- passend zum Haus der Familie- großzügig und modern gestaltet. Die Helferin an der Anmeldung ist mit Telefonieren beschäftigt, offensichtlich schließt die Praxis demnächst. Max bleibt unschlüssig im Empfangsbereich stehen, als Amelies Vater aus einem Behandlungszimmer tritt. Heute in weißer Hose und Polohemd. “Hallo Max, schön dich zu sehen”, lächelt er und scheint dies auch so zu meinen. “Melanie, kannst du mir bitte einmal die große Röntgen Routine bei ihm machen? Danach kannst du Schluss machen”, sagt er zu einer der Assistentinnen. “Klar, Chef, immer doch”, und an Max gewandt, “Du kannst gerade mitkommen.”

Er folgt ihr in einen kleinen Raum. Röntgenbilder beim Zahnarzt wurden bei ihm noch nie gemacht. Nach der sehr unspektakulären Prozedur zeigt sie ihm das Wartezimmer: “Mach es dir bequem, der Chef holt dich gleich.” Sie schließt die Tür und lässt Max mit seinen Gedanken alleine. Er ist froh, dass dort sonst niemand mehr sitzt. Die Stimmung im Team scheint ja recht locker zu sein und alle machen einen netten Eindruck. Durch die Glastür bekommt er mit, dass sich die Praxis langsam weiter leert. Die Nervosität wird größer. Er geht zu einem dieser Wasserspender mit den kleinen pyramidenförmigen Papierbechern und nimmt sich etwas zu trinken. Wer sich diese Form wohl ausgedacht hat? Und was ist so toll daran, dass es die überall gibt? Gedankenverloren stellt er sich ans Fenster. Plötzlich wird er aus seinen Gedanken gerissen: “Max, du kannst jetzt mitkommen.” Vor Schreck kippt er sich etwas Wasser über sein T- Shirt. Wie peinlich.

Statt in ein Behandlungszimmer gehen sie heute in ein Büro. Amelies Vater bietet ihm einen Platz am Schreibtisch an. Er hat sich in der Zwischenzeit umgezogen, T- Shirt, Shorts und FlipFlops- lässig, aber auch irgendwie deplatziert. Also heute erstmal kein Zahnarztstuhl- hoffentlich bleibt das so. “Geht es dir gut? Hattest du noch Schmerzen in den letzten Tagen?” “Nein, war alles ok.”

Das Röntgenbild wird aufgerufen. “Dann schauen wir mal. Also, die Zahnzwischenräume sehen alle gut aus. Prima, das sind häufig Problemstellen. Aber”, - Max hält die Luft an- “dieser eine Zahn hier links gefällt mir nicht”, zeigt er auf einen unteren Backenzähne. “Der Zahn hat eine tiefe Füllung und leider sieht es so aus, als sei der Zahn abgestorben. Ich nehme an, der hat dir nach der Behandlung Schmerzen gemacht, die dann irgendwann weg waren?”

Die Wellen der Panik sind wieder da und fließen wie Stromstöße durch Max Körper. Gequält blickt er Amelies Vater an: “Und was bedeutet das?” “Nun, so lassen sollte man es nicht, ansonsten ist das ein Entzündungsherd, der große Probleme machen kann. Entweder man zieht den Zahn oder man macht eine Wurzelbehandlung und baut den Zahn dann wieder auf.” Wurzelbehandlung? Max Augen weiten sich. Auch wenn er sich nichts genaues darunter vorstellen kann, erinnert er sich an eine Unterhaltung von zwei Mitpatienten im Wartezimmer seines alten Zahnarzts. Und das waren wahre Horrorgeschichten von langen Nadeln, die einem ohne Betäubung (die eh nicht wirkt ) wieder und wieder in das Innere des Zahns geschoben würden.

“Also dann würde ich mich für das Ziehen entscheiden, wenn es sein muss. Ich meine, das andere kostet sicher alles viel Geld- und das kann ich mir eh nicht leisten.” Dies ist zwar die Wahrheit, aber in diesem Fall spielt es Max ausnahmsweise in die Karten, dass er kaum über die Runden kommt. Zahn ziehen geht sicher schnell, und dann hat er alles hinter sich.

Amelies Vater lehnt sich in seinem Stuhl zurück und schaut ihn freundlich an. "Weißt du, Max, letztlich ist das natürlich deine Entscheidung. Aber einen Zahn in deinem Alter zu verlieren, wenn es nicht unbedingt sein muss- das macht am Ende mehr Probleme als eine etwas aufwändigere Behandlung jetzt. Ich weiß dass du Angst hast, das ist auch ok. Meinst du, Zahnärzte haben perfekte Zähne, nur weil sie Zahnärzte sind? Und meinst du, von uns hat niemand mal schlechte Erfahrungen gemacht? Vielleicht war das sogar mit ein Grund für mich, diesen Beruf zu wählen. Nämlich um Anderen zu zeigen, dass es nicht schlimm sein muss.” Max ist irritiert ob der ehrlichen Worte, mit so etwas hätte er nicht gerechnet.

“Aber Geld habe ich trotzdem keins”, bringt er leise hervor. “Lass das mal meine Sorge sein. Wenn ich dich behandeln darf, bekommen wir das alles hin. Deal?” Amelies Vater

streckt seine Hand über dem Schreibtisch aus. “Deal”, schlägt Max ein, wenn auch nicht mit heller Begeisterung. “Ich bin übrigens Philipp- du kannst mich gern duzen, sonst fühle ich mich so alt”, grinst Amelies Vater ihn an, “Ok, dann erkläre ich dir mal in etwa, wie das so abläuft und- keine Sorge- das machen wir natürlich nicht heute.” Erleichtert kann sich Max etwas entspannen. Nachdem ihm Philipp allerdings recht sachlich erklärt hat, was auf ihn zukommt, treten ihm Tränen in die Augen. Er versucht, diese unauffällig weg zu blinzeln, was ihm nicht gelingt. “Max, nochmal- wir schaffen das. Du darfst mir vertrauen. Wenn es für dich ok ist, schauen wir nach einem Termin, an dem Jan mir assistieren kann, ok?” Philipp schaut ihn aufmunternd an: "Und jetzt lasse ich dich in Ruhe.” Er steht auf und klopft Max auf den Rücken. Gemeinsam gehen sie in den Garten, wo Amelie noch mit ihren Lernsachen sitzt. “Na endlich, Erlösung- und klappt ihre Unterlagen zu”- fragt aber nicht weiter nach, warum es so lange gedauert hat. “Komm wir gehen zu mir.” In Amelies Zimmer durchstöbern sie erst das Angebot der verschiedenen Streaming- Anbieter, doch richtig fündig werden sie nicht- auch weil Max einfach nicht bei der Sache ist. Amelie legt ihre Hand auf seine: “Magst du mir erzählen, was los ist?” Max ist innerlich zerrissen. Sie hält ihn sicherlich für einen Feigling. Außerdem ist es ihm unangenehm, dass er in seinem Alter schon eine so große Behandlung braucht. Schließlich gibt er sich einen Ruck und berichtet ihr nach und nach alles, angefangen von den Behandlungen früher bis zu seinem Termin heute. Aber auch Amelie war sehr verständnisvoll, keine Spur von Nase rümpfen über seine gefühlt schlechten Zähne oder von Lustig machen über seine Angst. Ganz im Gegenteil. Langsam konnte sich auch Max entspannen und merkte, wie ihn die Müdigkeit übermannte. Eng an Amelie geschmiegt schlief er ein.