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Ein Date mit Folgen

Flashback

Max fühlt sich wieder an die letzte Behandlung bei seinem Zahnarzt erinnert. Es ist der Zahnarzt, zu dem er schon als Kind immer musste. Auf die Idee, sich eine andere Praxis zu suchen, ist Max nie gekommen- warum sollte es auch woanders besser sein? Er hat schon eine ganze Weile im Wartezimmer gesessen, jetzt sitzt er auf dem Behandlungsstuhl, der Spiegel und verschiedene Sonden liegen auf dem kleinen Tisch. Die Helferin hat den Latz umgehängt und das Zimmer mit den Worten: “Herr Doktor kommt dann” verlassen. Modernes Terminmanagement kannte diese Praxis mit dem Zahnarzt kurz vor dem Ruhestand nicht. Behandelt wurde sofort, und ja nachdem mit was für Befunden die Patienten kamen, konnte sich die Wartezeit in die Länge ziehen, bis sich die Tür des Wartezimmers öffnete und mit den Worten: “Der Nächste bitte”, ein weiteres Opfer verschlungen wurde. Meist dauerte es dann 2-3 Minuten und der Bohrer heulte auf. Max hoffte immer, dass ihm dies verschont blieb, und bisher hatte er Glück. Zwar hatte er früher in den Milchzähnen mal das ein oder andere Loch gehabt, aber das Gute an dem Zahnarzt alter Schule war wenigstens, dass für ihn Milchzähne nicht behandlungswürdig waren. Bei Schmerzen wurden sie gezogen, ansonsten fielen sie halt von alleine raus. Max konnte dies immer umgehen. Ein Zahn hatte ihm mal wehgetan, aber nachdem er mehrere Tage dran gewackelt hatte, hatte er sein Ziel erreicht- der Zahn war draußen und das Thema vergessen

Trotzdem war ihm beim heutigen Zahnarztbesuch noch unwohler als sonst. Irgendwie hatte er das Gefühl, dass seine Schonzeit nun vorbei sein könnte. Kurz nachdem die Bohrgeräusche im Nachbarzimmer verstummt waren, betrat der Zahnarzt das Zimmer. Schon fuhr die Helferin den Stuhl runter und schaltete die Lampe. Keine Begrüßung, nur ein herrisches: “Mund auf.” Zögerlich öffnete er seinen Mund, sein Herz raste und die Hände waren kaltschweißig. “Ordentlich auf- so kann ja keiner was sehen,” mit den Finger zwischen seinen Kiefern half der Zahnarzt nach und begann direkt, die Zähne zu betrachten. Kaum hatte begonnen, sagte er schon: “16 kariös.” Max Herz raste noch schneller. Heute würde er den Bohrer wohl am eigenen Leib zu spüren bekommen. Im linken Oberkiefer stocherte er ausgiebig am vorletzten Zahn. Die Sonde blieb an der Zahnoberfläche hängen, schwungvoll hebelte der Zahnarzt daran. Ein ziehender Schmerz schoss Max durch seinen Kiefer. “26 ebenfalls kariös.” Schon ging es im Unterkiefer weiter. Hier kratzte er auch ausführlich an einem der Zähne. “36 hat auch ein Loch”. Mit diesen Worten legte der Zahnarzt die Instrumente zur Seite. “Drei Backenzähne mit dicken Löchern insgesamt, eine stolze Leistung. Die Zahnbürste siehst du wohl auch nur von weitem." Ungefragt wurde er geduzt. Im Hintergrund richtete die Helferin verschiedene Instrumente. Keiner machte Anstalten, Max zu erklären, was nun kam. Schon steckte ihm die Helferin das dicke Absaugrohr in den Mund. Wieder heulte der Bohrer auf, doch diesmal befand sich Max auf der falschen Seite der Wand. “Wir werden gleich alle Zähne aufbohren und gründlich von Karies entfernen, manche Patienten kommen sonst nicht wieder zum nächsten Termin” sagte der Zahnarzt Schon wurde der Bohrer am ersten Zahn angesetzt, Max Hoffnung, dass es vielleicht doch nicht so schlimm sein könnte, wurde zerstört. Noch heute erinnert er sich an den Bohrschmerz, als sich das Instrument seinen Weg durch die aufgeweichte Substanz seiner Zähne fraß. Erst ein helles kreischendes Gerät, später ein langsamer Bohrer, der sich noch schlimmer anfühlte. Zwischendurch wurden die Zähne immer wieder mit dem Wasserstrahl gereinigt. Max liefen Tränen die Wangen hinab. Nach einer kurzen Pause zum Ausspülen beschloss er, den Mund nicht mehr zu öffnen. Doch da hatte er die Rechnung ohne den Arzt gemacht. Ehe er sich versah, wurde sein Kiefer mit einem geschickten Griff geöffnet und ein Mundspreizer eingelegt. Ungeduldig setzte der Zahnarzt die Behandlung fort und drückte den Bohrer umso kräftiger in den schon tief geöffneten Zahn im Unterkiefer. An die restliche Behandlung konnte sich Max nur noch schemenhaft erinnern, er war einfach nur froh, dass er irgendwann aufstehen durfte. Der Zahn unten links tat noch mehrere Wochen weh, aber lieber holte er sich in der Apotheke Schmerzmittel, als sich irgendwem zu offenbaren oder nochmal in die Nähe einer Praxis zu kommen. Allein die Erwähnung des Wortes “Zahnarzt” reichte seitdem, um eine Welle der Panik in ihn aufsteigen zu lassen.