Das Rechtsmedizinische Gutachten

Die Untersuchung beginnt.

Montag 12:39. Julia betrat mit ihrer Mutter das Gebäude der Rechtsmedizin. Sie waren natürlich viel zu früh. Aber Martina wollte unbedingt zeitig losfahren, schließlich mussten sie in die 60km entfernte Stadt. Es hätte Stau sein können, oder sie hätten keinen Parkplatz gefunden, oder Martina hätte sich verfahren... Julia war das von ihrer Mutter schon gewohnt. Normalerweise quittierte sie Martina's derart übertriebene Pünktlichkeit nur mit einem Augenrollen. Aber heute war sie sehr dünnhäutig, sie hatte schließlich das ganze Wochenende kaum geschlafen. Sie dachte nur an den kommenden Termin. Panik kam in ihr auf, sie wusste nicht, was auf sie zu kam. Und in ihrem Kopf spielte sie immer wieder alle Varianten durch: Was, wenn die Ärzte feststellen, sie wäre das auf den Fotos? Müsste sie vor Gericht? Käme sie ins Gefängnis? Ihr wurde richtig übel, je länger sie grübelte. Sie musste sich fast übergeben. Heute morgen beim Frühstück hatte sie kaum einen Bissen hinuntergebracht. Ihre Mutter musste sie überreden, wenigstens das Glas Orangensaft ganz auszutrinken.

Und nun saß sie hier. Bei der Anmeldung haben sie sie hier her geschickt. Kein Warteraum, nur eine offene Sitzgruppe in einem der vielen Gänge. Nervös schaute Julia immer wieder auf die Uhr, doch die Zeiger schienen wie festgewachsen. Jedes mal schreckte sie auf, wenn sich eine der vielen Türen auf dem Gang öffnete. Da kamen Leute in weißen Kitteln, Polizisten in Uniform, und Zivilisten, doch sie liefen einfach nur vorbei, ohne von Julia oder ihrer Mutter Notiz zu nehmen. Nach gefühlt schier endlosen 45 Minuten kam eine Frau in einem weißen Kittel auf die beiden zu. Sie war etwa Ende dreißig, ihr blondes Haar zu einem Zopf gebunden. Sie fragte in einer betont sachlichen Stimmlage: "Julia Richter?"

Julia's Herz rutschte ihr in die Hose. Sie musste Schlucken. Das war es nun jetzt. Julia antwortete ängstlich: "ja, das bin ich." Die Frau erwiderte: "Mein Name ist Dr. Klein, Sie kommen bitte mit mir mit." Martina sprang auf: "Ich bin Julias Mutter. Ich möchte meine Tochter begleiten.". Frau Dr. Klein schien irritiert: "Frau Richter, ihre Tochter ist volljährig. Sie haben nicht mehr automatisch das Recht, bei ihren Untersuchungen dabeizusein." Frau Dr. Klein schaute zu Julia und fügte hinzu: "Sie haben natürlich das Recht, eine Begleitperson mitzunehmen... Möchten Sie, dass ihre Mutter sie begleitet?" Julia war überrumpelt, darüber hatte sie bisher noch gar nicht nachgedacht. Sie war davon ausgegangen, dass ihre Mutter mitkommt, so wie sie es immer bei Arztbesuchen tat. Aber eigentlich war Julia das gar nicht recht. Sie nahm ihren Mut zusammen, und antwortete: "Nein, es wäre mit lieber, wenn meine Mutter hier wartet." Martina hatte nicht mit dieser Reaktion gerechnet, war aber zu überrascht, um noch schnell irgendwie zu reagieren.

Frau Dr. Klein führte Julia in das Untersuchungszimmer B2. Julia schaute sich nervös um. Es sah auf den ersten Blick wie eine normale Arztpraxis auf. Prominent in der Mitte des Raums eine Untersuchungsliege, ein Tischchen mit Instrumenten und Gerätschaften. Ein verschlossener Schrank in der Ecke. Und ein Schreibtisch mit Unterlagen sowie einem Computerarbeitsplatz. Die Fenster waren mit Jalousien ausgestattet. In einer Raumecke befand sich ein kleiner Paravent. Aber der Raum war größer als ein normales Arztzimmer, um die Untersuchungsliege war in allen Richtungen mindestens 1,5m Platz. Und an der Wand gegenüber vom Schreibtisch der Ärztin stand ein zweiter Schreibtisch, der nicht so aussah, als würde er dort normalerweise hingehören. Auf diesem Schreibtisch standen zwei große Computermonitore, abgewandt von Julia's Blicken, und dahinter konnte sie einen Laptop erahnen. Und erst dann viel Julias Blick auf ein Paar Beine, das unter dem Schreibtisch zu sehen war. Da saß noch jemand an diesem Arbeitsplatz!

Die Ärztin hatte in der Zwischenzeit die Tür geschlossen, als die Person hinter den Monitoren plötzlich aufstand. Es war ein Mann, kurze schwarze Haare, gepflegter kurzer Vollbart. Julia schätzte ihn auf Mitte vierzig. Er trug ein hellblaues Hemd und eine schwarze Hose, keinen Arztkittel. Dr. Klein stellte ihn vor: "Das ist Dr. Ralf Bauer, der Kollege aus der Forensik." Julia war verwirrt, stammelte: "Forensik? ... Ist der kein Arzt?". Dr. Bauer lächelte, erklärte nein, er ist kein Arzt, er ist Doktor-Ingenieur, Experte für forensische Fotografie. Er hat die Aufnahmen der Wildtierkamera forensisch analysiert und ist für alle technischen Aspekte während der heutigen Vergleichsuntersuchung zuständig.

Julia war noch mehr verwirrt als zuvor, wiederholte nur: "Technische Aspekte?" Dr. Bauer erklärte bei der Wildtierkamera handelt es sich um eine Infrarot-Kamera, die Bilder sind nur schwarz-weiß, und unterliegen vielen verschiedenen optischen Phänomenen. Seine Aufgabe ist es, die Untersuchung gerichtsfest zu dokumentieren und sicherzustellen, dass die gewonnenen Erkenntnisse im Rahmen der technischen Möglichkeiten und Limitierungen der verwendeten Wildtierkamera interpretiert werden. Julia verstand zwar seine Worte, aber sie war im Moment einfach nicht in der Lage, wirklich nachzuvollziehen, was die Rolle von Dr. Bauer nun genau war. Aber Julia erblickte zu ihrem erschrecken, dass da auf dem Tisch neben dem Monitor noch zwei große Spiegelreflex-Kameras und noch weitere Wechselobjektive lagen.

Dr. Klein war zwischenzeitlich zum Fenster gegangen, und begann nun, die Jalousien zu schließen. Der Raum war nur noch vom grellen Neonlicht erleuchtet, was ihn noch kälter und klinischer wirken ließ als ohnehin schon. Dann sprach die Ärztin: "OK, Frau Richter, sind sie bereit?" Julia war es natürlich nicht. Wie konnte Sie für etwas bereit sein, von dem sie keine Ahnung hatte? Julia fand es notwendig, nochmals zu erwähnen, dass sie nichts mit dieser Wildtier-Kamera zu tun hatte. Das auf den Fotos kann unmöglich sie sein.

Frau Dr. Klein ging darauf nicht weiter ein, erklärte in klinischem Ton, dass sie für die Erstellung des Gutachtens beauftragt sei. Das Gutachten geht dann an das Gericht, die Staatsanwaltschaft und die Polizei. Was dann weiter passiere, liege außerhalb ihres Zuständigkeitsbereichs. Julia musst nochmals Schlucken. Am liebsten wollte sie weinen, aber das wollte sie nicht zeigen.

Während Julia noch gegen ihre Tränen kämpfte, traf sie der nächste Satz von Dr. Klein mit voller Härte: "So Frau Richter, wir beginnen mit der Untersuchung. Machen Sie sich bitte frei." Sei zeigte auf den Paravent und fügte nach kurzer Pause hinzu: "Ihre Unterwäsche können Sie anbehalten. Aber alles andere legen sie bitte ab. Auch Socken oder Strümpfe. Hinter dem Paravent können Sie sich ungestört entkleiden. Sie finden dort auch einen Stuhl auf dem Sie Ihre Kleidung ablegen können. Und auch ein Paar Plastik-Flipflops damit sich nicht barfuß auf dem Fußboden laufen müssen... Ach ja, eventuellen Schmuck und Piercings nehmen Sie bitte auch ab!"

Julia war wie paralysiert, ihre Knie fühlten sich weich wie Gummi an, ihre Hände zitterten. Langsam ging sie in Richtung des Paravents...