Das Rechtsmedizinische Gutachten
Julia gerät unter Verdacht
Mittwoch Nachmittag, ein heißer Sommertag. Julia saß in der langweiligen Geschichtsstunde bei Herrn Markert. Die achtzehnjährige Abiturientin träume vor sich hin, wartete nur noch auf das Unterrichtsende. Später am Nachmittag wollte sie sich mit ihrer Freundin Vanessa treffen, sie wollten in die Stadt fahren, shoppen gehen, vielleicht noch zur Eisdiele. Vanessa war fast 19, hatte schon einen Führerschein und ein eigenes Auto - den alte Kleinwagen ihrer Oma. Julia konnte sich sowas nicht leisten. Sie lebte bei ihrer alleinerziehenden Mutter, Martina Richter, in einer kleinen Wohnung. Martina arbeite stundenweise als Putzfrau, um die Miete und den Lebensunterhalt zu verdienen und Julia ein kleines Taschengeld zu bezahlen - aber größere Anschaffungen waren einfach nicht drin.
Als Julia zu Hause ankam, sprang ihr sofort ein Polizeifahrzeug auf, dass an der Straße geparkt war. Und in der Küche saß neben ihrer Mutter auch eine Frau in Polizeiuniform. Und ihre Mutter wirkte sichtlich geschockt. Julia wurde nervös, fragte: "Mama, ist irgendwas passiert?". Die Polizeibeamtin ließ Martina keine Zeit zu antworten. Sie stellte sich as Polizeihauptmeisterin Frau Reber vor, und schien Julia regelrecht mit ihrem stechenden Blick zu mustern. Frau Reber sprach mit sehr bestimmter Stimme: "Frau Richter, ich hätte ein paar Fragen an Sie." Julia war irritiert aber auch eingeschüchtert: "Was? ... Worum... Worum geht es?" Die Polizistin antwortete: "Frau Richter, Sie sind Verdächtige in einem strafrechtlichen Ermittlungsverfahren. Ich muss sie belehren, dass sie keine Angaben zur Sache machen müssen, wenn Sie sich oder nahestehende Verwandte belasten würden." Julia verstand die Welt nicht mehr, sie geriet in Panik: "Strafverfahren? Was? Ich habe nichts getan", beteuerte sie.
Die Polizeibeamtin erklärte den Sachverhalt: Das zoologische Institut der Universität betreibt einige Fotofallen zur Wildtierforschung in den Naturschutzgebieten der angrenzenden Wälder. Montag Vormittag hat eine studentische Hilfskraft die SD-Karten und Akkus der Kameras getauscht und die Fotos für die Wissenschaftler vorsortiert. Dabei entdeckte er auf den Aufnahmen einer der Kameras Fotos einer jungen Frau. Die Person ist schlank, hat lange dunkle Haare, trug aber eine Maske in Form eines Katzenmotivs, die ihr Gesicht komplett verdeckte. Ansonsten war die Person vollständig nackt, posierte auf allen Vieren wie ein Tier, und nahm eindeutig sexuelle Handlungen an sich vor. Hauptmeisterin Reber fasste zusammen, dass die Polizei vom Vorliegen einer Straftat - Exhibitionismus - ausgeht. Zwar war der Ort des Geschehens auf einer kleinen Lichtung weit ab der öffentlichen Wege, aber der Person war die Kamera dort eindeutig aufgefallen und sie musste auch davon ausgehen, dass diese Bilder später von Wissenschaftlern ausgewertet würden.
Julia versuchte das alles zu verarbeiten, was hatte das alles mit ihr zu tun? Sie schaute zu ihrer Mutter, die nur wie versteinert da saß, mit leicht errötetem Gesicht. Julia stammelte: "Ich... Ich war das nicht! ... Wirklich nicht."
Die Polizistin schien das aber nicht zu interessieren, sie fragte stattdessen: "Frau Richter, ihre Mutter hat mir erzählt, letzten Samstag kamen Sie gegen 18:20 mit dem Fahrrad nach Hause, ist das korrekt?" Julia dachte nach: "Ja, 18:30 Essen wir, kurz vorher war ich da.". Frau Reber setzte nach: "Wir haben Zeugen, die haben Sie gesehen, auf Ihrem Fahrrad, auf einem Forstweg am Waldrand nahe dem Nachbardorf. Um 17:15 am Samstag." Julia dachte nach. Herr und Frau Klinge, ein Rentnerehepaar. Die hatte sie im Wald dort getroffen, und hier in den kleinen Dörfern kannte eh jeder jeden. Julia sagte: "Ja, das stimmt schon. Samstag war ich im im Kino, im Nachbardorf, das ging bis ca. 5. Danach bin ich mit dem Fahrrad nach Hause. Das ist viel kürzer als mit dem Bus."
Die Polizistin holte tief Luft, und konfrontierte die junge Frau: "Die Strecke, wie lange braucht man dafür auf dem Fahrrad? 20 Minuten? 30, wenn man bummelt? Aber doch nicht über eine Stunde."
Julia erwiderte ohne lange Nachzudenken: "Ich habe zwischendurch angehalten. An der kleinen Brücke über den Bach. Als Kunsthausaufgabe müssen wir eine Skizze anfertigen, ich hab' mich dazu entschieden, diese Landschaftsszene zu zeichnen." Julia kramte in ihrem Schulrucksack, und zog fast triumphierend einen Zeichenblock heraus. Sie zeigte die Skizze der Polizeibeamtin: Eine Brücke über einen kleinen Bach, im Hintergrund Bäume. Julia fand, die Zeichnung war gut gelungen. Doch die Polizeibeamtin stelle nüchtern fest: "Das kann zu jedem beliebigen Zeitpunkt gezeichnet worden sein. Haben Sie irgendwen getroffen, als Sie an der Brücke waren?" Julia konnte sich nicht erinnern, dort irgendjemand gesehen zu haben. Aber sie war auch mit der Zeichnung beschäftigt. Hauptmeisterin Rebes schlussfolgerte: "Frau Richter, Sie haben kein belastbares Alibi."
Julias Mutter hatte sich mittlerweile etwas vom Schock erholt, sie mischte Sich ein: "Aber das beweist doch nicht, dass meine Tochter stattdessen bei der Kamera war!" Hauptmeisterin Reber erklärte sachlich, dass es noch weitere Hinweise gäbe: Die Fotos wurden von einem Forensik-Experten analysiert. In einer der Aufnahmen ist die Katzenmaske sehr detailliert zu erkennen. Es handelt sich nicht um ein billiges Plastikprodukt, sondern eine hochwertige Maske mit synthetischem Fellimitat. Die Polizei hat eine kleine Werkstatt in der Stadt identifiziert, die Kostüme und Masken in Handarbeit herstellt und verkauft, und derartige Katzenmasken im Sortiment hat. Es wurden in den letzten Monaten nur 3 dieser Masken verkauft, und der Verkäufer erinnerte sich, dass unter den Kundinnen eine junge Frau mit langen schwarzen Haaren war. Die Polizei hat die Kartenzahlung nachvollzogen, bezahlt wurde mit einer Bankkarte auf den Namen "Julia Richter".
Julia's Knie wurden weich. Sie stammelte wieder: "Ja, ich hab' eine Katzenmaske gekauft. Als Geschenk... für Vanessa. Sie hat nächsten Monat Geburtstag." Frau Rebers fragte skeptisch nach: "Das heißt, die Maske ist noch in Ihrem Besitz?" Julia bejahte. "Könnten Sie diese Maske holen?" Julia ging in ihr Zimmer und kam mit einer Schachtel zurück. Darin eine Katzen-Gesichtsmaske, wie von Frau Reber beschrieben. Die Polizistin beschlagnahmte die Maske umgehend als Beweismittel, fragte: "Haben Sie die Maske jemals getragen?" Julia gab zu, sie einmal aufgesetzt zu haben, vorm Spiegel, um zu sehen, wie sie damit aussieht. Die Polizeihauptmeisterin kommentierte nur kühl: "Dann werden wir vermutlich Ihre DNA-Spuren daran finden."
Julias Mutter wurde sichtlich nervös, fragte was dann jetzt mit Julia passieren würde. Die Polizistin erklärte, sie wird mit der Staatsanwaltschaft sprechen. Wenn der Staatsanhalt die Beweise für ausreichend hält, wird er Anklage bei Gericht erheben. Frau Reber fasste die Situation nochmal zusammen: "Ihre Tochter ist dringend tatverdächtig. Sie entspricht der Beschreibung, war zur Tatzeit in unmittelbarer Nähe zum Tatort, hat kein Alibi und war im Besitz einer Maske, die identisch zur gesuchten Maske ist." Die Polizeibeamtin verabschiedete sich und verschwand durch die Tür.
Julia musste sich setzen. Die Lust auf die Shoppingtour mit Vanessa war ihr sichtlich vergangen. Julias Mutter war ebenfalls schockiert. Sie hatte noch nie etwas mit der Polizei zu tun, mal ein Knöllchen für Falschparken, das war es aber auch. Und nun Worte wie "Staatsanwalt", "Anklage" und "Exhibitionismus". Martina zuckte bei dem Gedanken daran schon zusammen. Ihre Tochter tut sowas doch nicht, dachte sie. Doch nach einer Weile ging sie zu ihrer Tochter: "Julia, du kannst mir alles sagen. Wenn... wenn du wirklich sowas gemacht hast... Wir finden was... Therapie... Da gibt es bestimmt einen Weg." Martina's Gesicht wurde puterrot, während sie das sagte.
Julia wusste nicht mehr, was los ist, selbst ihre eigene Mutter schien ihr nicht zu glauben. Verzweifelt blaffte sie zurück: "Mama, ich war das nicht! ... Ich würde nie... das ... sowas". Julia selbst war mehr als peinlich berührt. Sie war schon immer sehr schüchtern. Ja, es gab diese Gespräche mit ihrer Mutter, damals als sie in die Pubertät kam, über ihre Periode, über Sex und Verhütung. Aber diese Gespräche waren immer peinlich und irgendwie unangenehm. Mit ihrer Mutter wollte sie nicht über Sex sprechen. Sie war ohnehin auch noch Jungfrau. Es gab mal einen Freund vor ein paar Monaten, aber zu mehr als Küssen und ein bisschen Fummeln war es nicht gekommen. Beim Frauenarzt war sie auch noch nie gewesen, sie zögerte das schon länger hinaus, hatte Angst davor - Julia schämte sich einfach zu sehr.
Die nächsten Tage waren die Hölle für Julia. Sie wusste ja, dass sie unschuldig war, aber die Ungewissheit, wie das alles weitergehen würde, nagte ständig an ihr. Sie konnte kaum schlafen, war in der Schule unkonzentriert. Freitag Nachmittag tauchte Polizeihauptmeisterin Reber wieder bei ihr zuhause auf. Der Staatsanwalt sah die Beweislage als noch zu dünn an - eine Aussage, die Julia und ihre Mutter zunächst mit Erleichterung aufnahmen. Doch Frau Reber fügte aber sogleich an, dass die Ermittlungen fortgesetzt werden und Julia weiterhin die Hauptverdächtige bleibt.
Die Polizistin hatte ein Dokument dabei, einen richterlichen Beschluss. Sie erklärte, aufgrund des begründeten Tatverdachts hat das Gericht ein Rechtsmedizinisches Gutachten beauftragt, zum forensischen Vergleich von Julia mit der auf den Fotos abgebildeten Person. Julia las sich das Schreiben genau durch, aber fand sich in dem Gewirr aus Beamtendeutsch, Gesetzesabkürzungen und Paragrafen-Nummern nicht wirklich zurecht. Sie fragte, was das jetzt alles heißt. Die Polizistin erklärte ihr, dass für Julia ein Termin zur Untersuchung beim Rechtsmedizinischen Institut anberaumt wurde: Montag, 13:30. Die Teilnahme sei verpflichtend, wenn Julia nicht erscheint, könne sie von der Polizei zwangsweise vorgeführt werden. Und schon verabschiedete sich die Polizistin wieder, ließ Julia und Martina verdutzt zurück.
Martina las den Beschluss ebenfalls durch, konnte aber auch wenig damit anfangen. Sie wunderte sich, ob das alles rechtens war, aber einen Anwalt konnte sie sich nicht leisten. Aber Martina erinnerte sich daran, dass eine ehemalige Schulkameradin vor ein paar Jahren beim Klassentreffen erwähnt hatte, dass sie als Anwaltsgehilfen arbeitet. Martina beschloss, diese Bekannte anzurufen, schilderte den Fall. Sie bekam Samstag Mittag eine Antwort. Die Bekannte hatte mit dem Anwalt gesprochen, rein hypothetischer Fall, keinerlei Rechtsberatung, versteht sich.
Der Anwalt meinte die Zusammenarbeit mit der Polizei und die freiwillige Herausgabe der Maske waren verfahrenstechnisch unklug, nun aber nicht mehr zu ändern. Hinsichtlich der richterlichen Anordnung meinte er, sie sei bei begründetem Verdacht rechtens und im Vorhinein kaum anfechtbar. Die Situation sei vergleichbar mit einer Blutentnahme. Wenn es dort einen hinreichenden Verdacht wie etwa einen positiven Schnelltest gäbe, könne eine solche medizinische Maßnahme auch gegen den Willen des Beschuldigten durchgeführt werden. Der Beschuldigte ist zur Duldung verpflichtet. Im Fall der angeordneten rechtsmedizinischen Begutachtung verhält es sich genauso. Die Beschuldigte ist zur Duldung der Maßnahme verpflichtet. Die Polizei kann bei Verweigerung sogar Gewalt anwenden, etwa die Person fixieren, um die Untersuchung zu ermöglichen.
Das war natürlich alles nicht dass, was Martina und Julia hören wollten. Auf der anderen Seite könnte es auch Julias Unschuld beweisen. Aber Julia wurde mulmig bei dem Gedanken daran, sie hatte überhaupt keine Ahnung, wie eine solche "Untersuchung" von statten gehen würde...
Ein spannender Beginn einer mal etwas a…