Überraschungstermin
Ich bin dran – die Untersuchung
Mir ist mehr als mulmig, als ich mich auf den Stuhl setze. Mir schlägt das Herz bis zum Hals, meine Kehle ist wie zugeschnürt.
Die Zahnärztin sagt: „So Sascha, das Warten hat ein Ende! Kuddel ist jetzt dran! Dann schauen wir mal, wie schlimm es tatsächlich ist!“
Sie nimmt Spiegel und Sonde zur Hand, die Lampe wird noch ausgerichtet und Frau Doktor befiehlt: „Zähne zeigen!“
Mit zittrigen Lippen präsentiere ich meine Zähne, alle Blicke auf meinen Mund gerichtet.
Die Zahnärztin stellt fest: „Das sieht ja gar nicht gut aus! Gelbe Zähne, dünnes Zahnfleisch! Mangelhafte Zahnpflege! Ist das schon mit der Kamera dokumentiert?“
Sabine bestätigt: „Ja Frau Doktor, das ist aufgenommen!“
Die entgegnet: „Gut! Mund auf!“
Ich öffne zögerlich meinen Mund und die Zahnärztin beginnt mit der Untersuchung.
Der Kommentar nach dem ersten Blick bei mir fällt allerdings anders aus, als bei den anderen: „Das sieht ja gar nicht gut aus!“
Auch bei mir geht sie Zahn für Zahn durch, unter gespannter Beobachtung der anderen.
Bei mir stochert sie aber ständig mit der Sonde in meinen Zähnen und kaum ein Zahn bleibt unkommentiert.
Wenigstens bleiben mir Kommentare der Zuschauer erspart.
Es werden diverse Füllungen aufgezählt, gleich mehrmals, leider viel zu oft, Karies festgestellt und umfangreicher Zahnstein vermerkt.
Als sie endlich fertig ist, sagt die Zahnärztin: „Mein lieber Kuddel! Das sind wirklich erschreckend schlechte Zähne! Die meisten sind bereits saniert, kariös, oder sogar beides! Nur noch ein paar gesunde! Und selbst die haben dann noch Zahnstein! Also eigentlich nicht ein einziger Zahn ganz ohne Befund! Das ganze Gebiss in absolut desolatem Zustand! Eindeutig überhaupt keine Zahnpflege! Das kann ich gar nicht leiden! Das ist für mich das Allerletzte! Und dafür wirst du leiden, Kuddel! Du wirst die Konsequenzen für deine unterlassene Zahnpflege bei den Behandlungen zu spüren bekommen! Und es gibt sehr viel zu behandeln! Aber, wer nicht putzen will, muss fühlen! Wer seine Zähne so verkommen lässt, muss bestraft werden!“
Aus dem Augenwinkel kann ich sehen, wie Claudia und Marianne grinsen. Ariane und Sascha haben ein Lachen auf dem Gesicht, während die Zahnärztin weiterspricht: „Wir werden, mit den Behandlungen, dafür sorgen, dass du deine Zähne zukünftig richtig pflegst! Das wird eine Lektion, die du nie vergisst! So ein kleiner Bohrer kann große Wirkung haben! Du wirst schon sehen!“
Da kommt von Sascha gleich: „Ja genau! Das wird richtig weh tun, Kuddel! Und bei dir muss ganz viel gebohrt werden!“
Dann lacht er gehässig und fragt ungeduldig die Zahnärztin: „Wie viele Plomben und Löcher hat er denn jetzt überhaupt?“
Frau Doktor lacht und sagt: „Das ist eine lange Liste! Wir können uns das ja alle gemeinsam mal mit der Kamera anschauen, Kuddels ganze kaputten Zähne detailliert betrachten und ihm deutlich vor Augen führen!“
Sabine legt die Kamera bereit, macht die Monitore startklar und die Zahnärztin erklärt schmunzelnd: „Sabine sagt die Befunde an, ich zeige den jeweiligen Zahn und ihr könnt dann die Füllungen und kariösen Zähne mitzählen.“
Sascha springt sofort wieder begeistert an: „Oh ja! Ich zähle die Löcher!“
Ariane ergänzt fröhlich: „Dann zähle ich die Plomben!“
Alle sehen gespannt auf den Bildschirm, als Frau Doktor zu Kamera und Sonde greift und sagt: „Dann geht’s los! Kuddel, Mund weit auf und Augen auf den Monitor!“
Sabine beginnt vergnügt mit Ansagen: „18, Karies!“
Kurz darauf erscheint der Zahn in Großaufnahme auf den Bildschirmen und, für jeden deutlich zu erkennen, ist auch das Loch groß zu sehen.
Die Zahnärztin macht noch ein Standbild davon, bevor sie mit der Sonde im Loch stochert und erklärt: „Da haben wir die erste Karies! Das ist schon ein richtiges Loch! Wie weit fortgeschritten, werde ich dann beim Bohren noch sehen! Sabine, nächster Befund!“
Wenigstens bleiben mir Kommentare der Zuschauer erspart, denn es geht nahtlos weiter.
„17! Füllung, Amalgam, defekt!“ sagt Sabine an und auf dem Monitor erscheint der Zahn mit der alten Füllung. Es ist zu erkennen, dass sie gebrochen ist.
Es wird wieder ein Standbild gemacht, das die Zahnärztin nochmals intensiv betrachtet und dann sagt: „Na, da hinten am Rand der Füllung ist doch tatsächlich Sekundärkaries zu erkennen! Sabine, bitte vermerken! Das werden wir gleich mal genauer untersuchen!“
Da wirft Sascha ein: „Der Zahn hat ja Füllung und Karies! Als was zählt das denn jetzt?“
Claudia blafft sofort zurück: „Dann wird natürlich auch beides gezählt! Ist doch klar!“
Währenddessen popelt Frau Doktor bereits mit der Sonde an dem Zahn und murmelt: „Die scheint schon nicht mehr fest zu sein.“
Kaum ausgesprochen, hebelt sie auch schon, mit einem Ruck, die halbe Füllung raus.
Ich denke: ‚Das wollte sie doch! So wie die gezogen hat! Das war Absicht!‘
Sie grinst zufrieden und sagt triumphierend: „Nein, die hat nicht mehr gehalten! Einmal absaugen!“
Sabine saugt gründlich ab.
Ich denke, jetzt geht’s weiter zum nächsten Zahn, aber Frau Doktor schiebt mir wieder die Sonde in den Mund und sagt: „Schauen wir nochmal, ob der Rest der Füllung noch hält!“
Dann zieht sie auch den Rest der Füllung mit einem kräftigen Ruck raus und sagt freudig: „Nein, der war auch nicht mehr fest! Nochmal absaugen! Und dann können wir uns die Karies gleich wunderbar anschauen!“
Es wird wieder gründlich abgesaugt und danach die Kamera auf den Zahn gerichtet. Auf den Monitoren ist ganz groß der Krater zu sehen, den die rausgerissene Füllung hinterlassen hat. Die Kommentare lassen nicht lange auf sich warten.
Ariane: „Das ist aber ein ganz schön großes Loch!“
Sascha: „Ja! Und voll Karies! Da muss viel gebohrt werden!“
Marianne: „Das sieht ja schlimm aus! Eklig! Ist das alles Karies?!“
Claudia: „Echt ekelhaft! Total verfault!“
Die Zahnärztin erklärt kühl: „Ganz genau! Die Zahnfäule hat sich unter der Füllung ausgebreitet. Ist schon ziemlich fortgeschritten, wie hier deutlich zu erkennen ist. Diesen Zahn werden wir zuerst behandeln. Nächster Befund, Sabine?“
Die sagt an: 16! Füllung, Kunststoff!“
Die Kamera wird auf den nächsten Zahn gerichtet. Wieder eine Standbild Aufnahme, dann Erklärung von Frau Doktor: „Diese Füllung ist noch intakt, also der Zahn eigentlich nicht behandlungsbedürftig. Aber da die Füllung aus Kunststoff ist, werden wir sie entfernen und durch eine Amalgamfüllung ersetzen. Wie auch alle anderen Kunststoff Füllungen.“
Marianne fragt nach: „Warum denn das, wenn sie noch heil sind?“
Die Zahnärztin antwortet schmunzelnd: „Nun ja. Amalgam ist wesentlich haltbarer als Kunststoff. Aber vor allem aus erzieherischen Gründen. Dadurch sind noch einige Zähne mehr zu behandeln. Das ist die verdiente Strafe für mangelhafte Zahnpflege. Wer nicht putzen will, muss leiden!“
Sabine ergänzt noch: „Und Kunststoff ist unauffällig. Mit Amalgam sieht man sofort, wenn er den Mund aufmacht, jede Füllung! Da wird er immer dran denken und es selbst immer wieder vor Augen haben!“
Sascha schießt noch gehässig nach: „Ja, dann sieht jeder gleich, was für schlechte Zähne er hat! Also, mir wäre das voll peinlich!“
Ariane lacht und sagt: „Genau das soll es auch sein! Den ganzen Mund voller Plomben! Abstoßend!“
Darauf die Zahnärztin: „So ist es! Dann geht’s jetzt weiter. Nächster Befund?“
Sabine sagt wieder an und der nächste Zahn ist an der Reihe.
So werden, in gleicher Weise, der Reihe nach, alle Befunde abgehandelt. Natürlich immer ausgiebig begleitet von gehässigen Kommentaren und Vorwürfen von allen Seiten, wobei Ariane und Sascha garantiert genüsslich Plomben und Karies mitzählen.
Die Prozedur dauert ewig, bis Sabine endlich feststellt: „Das war dann auch der letzte! Wir sind durch!“