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Aufrufe: 141 Created: Vor 5 Tage Updated: Vor 5 Tage

Der alte Zahnarztstuhl

Drei, nicht zwei

Der Zahnarzt wirkte zufrieden mit seiner Arbeit, nachdem er die aufgebohrten Zähne kontrolliert hatte. War’s das jetzt? Mara wagte nicht zu hoffen, betete innerlich aber darum, dass es der letzte Zahn für heute war.

Sie versuchte, den Kopf zu bewegen und ihren Körper leicht umzupositioneren. Die Gurte hielten sie gnadenlos straff in Position. Wieder drangen die Stimmen aus dem Flur zu ihr durch.

Mara versuchte verzweifelt, sich auf die weißen Deckenplatten zu konzentrieren und das stetige Summen der Lampe auszublenden, als sie die Rezeptionistin hörte:

„Herr Berger? Zimmer zwei bitte!“

Die Worte trafen Mara wie ein Schlag. Zimmer 2 war doch das Zimmer, in dem sie lag - oder irrte sie sich. Schritte näherten sich – selbstsichere, junge Schritte auf dem glatten Boden. Sie hörte, wie sie direkt auf die offene Tür zukamen. Ihr Herz begann sofort schneller zu schlagen.

Dann trat er ein.

Es war er. Der junge Mann aus der Nachbarschaft. Tim. Oder hieß er Tobias? Sie hatte seinen Namen nie richtig mitbekommen. Der Typ, der immer freundlich grüßte, wenn sie sich im Hausflur oder am Gartenzaun begegneten. Der, dessen Hund sie schon zweimal gestreichelt hatte und der manchmal abends mit Kopfhörern joggen ging. Er war es. Und er trat einfach so ins Zimmer, als wäre er hier erwartet.

Mara erstarrte innerlich.

‘Oh Gott, nein. Nicht er. Bitte nicht er.’

Ihr Blick traf seinen. Für den Bruchteil einer Sekunde hoffte sie noch, er würde sie nicht erkennen – aber sie sah, wie seine Augen sich weiteten. Er erkannte sie sofort.

Tim blieb wie angewurzelt stehen. Sein Mund öffnete sich leicht, doch es kam kein Ton heraus. Er starrte sie an. Sah den weit nach hinten gekippten Stuhl. Sah den breiten Ledergurt, der ihren Oberkörper unnachgiebig auf die Liege presste. Sah ihre Handgelenke, die an den Armlehnen fixiert waren. Und dann – unvermeidlich – ihren Mund.

Den weit aufgesperrten, hilflosen Mund mit dem dicken schwarzen Gummiblock zwischen den Zähnen. Die angespannten Lippen. Den Speichel, der ihr unkontrolliert aus dem Mundwinkel lief und glänzend über ihr Kinn rann. Das feuchte Gesicht vom Wasserspray des Bohrers. Die Hilflosigkeit, die sie ausstrahlte.

‘Er sieht alles. Alles. Wie ich hier liege, festgeschnallt, ausgeliefert. Wie ich nicht einmal den Mund schließen kann. Wie ich sabber. Wie ich vorhin gestöhnt habe, als der Bohrer kam… Hat er das gehört? Bestimmt hat er das gehört.’

Eine heiße, erdrückende Welle aus Scham überschwemmte Mara. Ihr Gesicht glühte. Sie wollte sich zusammenrollen, irgendwohin verschwinden, den Kopf wegdrehen – doch der Neopren-Gurt um ihre Stirn hielt sie gnadenlos fest. Nicht einmal einen Millimeter konnte sie den Kopf bewegen. Ihre Augen waren das Einzige, was sie noch kontrollieren konnte, und selbst die verrieten ihre Panik.

Warum geht er nicht raus? Warum steht er einfach da und starrt?

Sie versuchte instinktiv, die Lippen zu schließen, irgendetwas zu sagen, zu protestieren – doch der Gummiblock machte jeden Versuch lächerlich. Stattdessen lief nur noch mehr Speichel aus ihrem Mund, tropfte langsam auf ihren Hals und weiter in den Kragen ihres Shirts. Ein leises, ersticktes Wimmern entwich ihr, gedämpft und hilflos.

Bitte geh. Bitte geh einfach. Tu so, als hättest du nichts gesehen. Ich will nie wieder in deine Nähe kommen. Nie wieder.

Tim schluckte sichtbar. Seine Wangen wurden rot. „Äh… ich… die Rezeptionistin hat mich gerufen und… Zimmer zwei… Hier ist Zimmer zwei, oder?.

Seine Stimme klang unsicher, jung, verlegen. Er machte einen halben Schritt zurück, blieb dann aber doch stehen. Sein Blick huschte noch einmal über ihren fixierten Körper – über den Gurt auf ihrem Bauch, über ihre gefesselten Hände, über ihren weit geöffneten Mund. Dann schaute er schnell zur Seite, als hätte er etwas Verbotenes gesehen.

‘Er hat mich erkannt. Er weiß genau, wer ich bin. Morgen früh sehen wir uns wieder am Briefkasten und er wird wissen, wie ich aussehe, wenn ich vollkommen ausgeliefert bin. Wie ich sabbern und stöhnen kann. Wie ich daliege und nichts machen kann.’

Die Scham brannte so heftig, dass Mara Tränen in die Augen stiegen. Gleichzeitig spürte sie dieses verräterische, warme Kribbeln im Bauch, das sie schon vorhin gespürt hatte – stärker jetzt, fast beschämend stark. Sie hasste sich dafür.

Die Helferin lächelte leicht verlegen, bevor sie zur Gegensprechanlage griff. “Renate, hier steht ein Herr Berger in Zimmer 2, aber wir haben hier noch eine Patientin.”.

Zimmer 2?”, krächzte es aus dem Lautsprecher der Gegensprechanlage, “Nein, er soll bitte in Zimmer 3 kommen.

Die Helferin schaute lächelnd auf: “Sie möchten bitte in Zimmer 3 kommen, nicht Zimmer 2.

Irritiert und durch das Gesehene sichtlich verwirrt nickte Tim und drehte sich zur Tür. Er wirkte auch nicht mehr so motiviert und unbekümmert - ob ihn ähnliches erwarten würde?

Mara atmete auf, auch wenn sie diese Begegnung nicht mehr ungeschehen machen konnte. Sie durchzogen immer noch Wellen von heißen und kalten Emotionen, sie würde vor Scham immer noch einfach in einem Loch im Boden verschwinden wollen.

Der Zahnarzt konzentrierte sich wieder auf seine Instrumente und platzierte die Unterfüllung, als wäre nichts geschehen. Für ihn war Mara nur eine Patientin. Ein Fall. Ein Mund, der behandelt werden musste. Er nickte seiner Helferin zu und sagte sachlich:

Weiter mit dem 1-4, damit wir endlich die Füllungen machen können.

Er schob Maras Lippen etwas auseinander, um ihr zu signalisieren, den Mund weiter zu öffnen. Mara gehorchte instinktiv und spürte, wie der Beißblock rechts im Mund entfernt wurde. Endlich!. Sie freute sich, endlich den Mund schießen und ihr Kiefergelenk etwas entspannen zu können. Mara hatte nicht alles verstanden, aber ‘Füllungen’ klang so, als sei das Bohren vorbei.

Erleichtert entspannte sie ein bisschen.

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sauers Vor 5 Tage 2