Der alte Zahnarztstuhl
Es muss leider sein
Mara versuchte, sich zusammenzureißen. Der Gedanke, dass jetzt jeder im Empfangsbereich ihre Behandlung mitverfolgen konnte, machte sie besonders nervös.
Dieses merkwürdige Kribbeln war aber schnell vergessen, als der Bohrer tiefer in ihren Zahn vordrang. Das Ziehen überstieg alles, von dem sie glaubte, es aushalten zu können. Sie spannte ihren Oberkörper an, versuchte, ihren Kopf zu bewegen - keine Chance. Sie würde es bis zum Ende ertragen müssen. Ein unkontrolliertes Stöhnen setze ein, völlig gleichgültig, ob man es im Wartebereich hören konnte oder nicht.
Mara verlor jegliches Zeitgefühl, wusste nicht, wie lange es noch dauerte, bis der Zahnarzt den Bohrer endlich zurück hing und zufrieden das Loch betrachtete.
“Die Karies war tiefer, die Zahnwände sind mittlerweile sehr dünn”, stellte er sachlich fest, “aber diesmal wird eine Versorgung mit Amalgam noch möglich sein.”.
‘Amalgam!’, ging es Mara durch den Kopf - noch mehr dieser hässlichen, grauen Plomben…. Aber vorher war da ja auch schon so eine Amalgam-Füllung im Zahn. Dann wird sie wenigstens beim nächsten Mal weiße Füllungen verlangen - und dass, bevor sie sich überhaupt auf den Stuhl setzt.
Ein schwacher Anflug von Hoffnung machte sich in ihr breit. ‘War’s das jetzt?’. Ihr Zahnarzt hielt es ja nicht für nötig, sie aufzuklären, was genau zu machen ist.
Sie versuchte, den Kopf zu drehen, um erkennen zu können, was der Zahnarzt macht, aber keine Chance. Also blieb ihr nichts anderes übrig, als die weißen Glasfaser-Platten an der Decke mit den eingelassenen Neonröhren zu betrachten.
Dann hatte sie wieder Instrumente in ihrem Mund. Sie spürte das anfängliche Kitzeln des Bohrers in einem Backenzahn etwas weiter vorne auf derselben Seite. Dass es der 2-5er war, war ihr ziemlich egal. Die Spannung in ihr stieg wieder an, die Muskeln spannten sich, als das Kältegefühl der Wasserkühlung einsetzte und bis in den Kiefer zog.
Ein feiner Wassernebel des Kühlwassers benetzte ihr Kinn, schließlich auch das Gesicht. Ihr Kopf hin leicht nach hinten, der weit aufgesperrte Mund gab ungestörten Zugang zum 2-5er. So konnte sich das aufgewirbelte Wasserspray auch überall auf ihrem Gesicht verteilen. Es wäre fast ein witziges Gefühl, wäre es nicht mit dem Bohren kombiniert. Ein größerer Tropfen hatte sich gebildet, der kitzelnd ihr Kinn herunterlief.
Wieder hörte sie das leise Klacken im Absaugrohr, als Teile der alten Füllung darin verschwanden. Wieder war der Zahn freigelegt und das Kältegefühl in dem Zahn verstärkte sich.
“Unter der Füllung hat sich neue Karies gebildet”, kommentierte der Zahnarzt sachlich, als er den Bohrer wieder ansetzte. Mara riss an ihren Fesseln, konnte jedoch nicht im geringsten verhindern, dass der Bohrer sich in ihren Zahn fraß und mit einem hohen Pfeifen immer mehr Zahnsubstanz entfernte.
So tapfer wie möglich versuchte sie, das Bohren über sich ergehen zu lassen. Der Schmerz war unangenehm, aber im Vergleich zum Zahn davor noch halbwegs zu ertragen. Ihr Gedanke wanderte zu der offen stehenden Tür zum Behandlungszimmer. Sie konnte sie nicht sehen, aber ein klingelndes Telefon erinnerte sie daran, dass die Tür offenbar weiterhin offen stand. Jetzt keine Blöße geben, dachte sie und versuchte, sich so gut es geht zu entspannen.
Dann schrie sie unvermittelt auf - teils vor Schmerz, teils vor Überraschung. Ein heißer Schmerz durchzuckte ihren Körper. Der Bohrer scheint eine besonders empfindliche Stelle getroffen zu haben. Der Zahnarzt ließ sich nicht beirren und arbeitete weiter.
Wieder - Mara stöhnte, sie konnte nicht anders. Die Fixierungen ließen ihr auch keine anderen Handlungsoptionen.
“Wir sind sehr nah am Nerv”, erklärte der Zahnarzt wortkarg und wechselte den Bohrer. Maras Augen weiteten sich, als sie den großen Rosenbohrer sah.
“Keine Sorge, wir werden noch die Karies entfernen”, erklärte der Zahnarzt überraschend redselig.
Mara hätte am liebsten die Hand gehoben, protestiert, den Kopf geschüttelt oder den Mund geschlossen. Das alles war nicht möglich. Mit panischem Blick verfolgte sie, wie der Rosenbohrer in ihren Mund geführt wurde. Mit sägendem Geräusch setzte er sich in Bewegung.
Mara “biss die Zähne zusammen”. Der Bohrer rumpelte, und Tränen stiegen in ihre Augen. In der Mitte des Zahnes sorgte der Bohrer für einen zunehmend brennenden Schmerz. Endlich wurde er abgesetzt.
“2-5 kriegt eine Unterfüllung”, instruiert der Zahnarzt seine Assistentin und betrachtet weiterhin konzentriert den Zahn. Dann ein plötzlicher, kalter Schmerz wie ein Schock für Mara. Mit druckreichem Wasserspray hatte der Zahnarzt den Zahn gereinigt und mit mehreren Schüben Druckluft getrocknet. Mara hing nur noch erschöpft im Stuhl...
Hervorragend geschrieben! Ich bin gespa…