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Julian beim Urologen

Die Ankunft in der Praxis

Julian beim Urologen - Die Ankunft in der Praxis

„Nächste Haltestelle, Ärztezentrum“ kam die Automatikstimme aus der Durchsage. Julian blickte auf. Dann war es wohl jetzt soweit. Schnell schloss er alle Apps und packte sein Smartphone zurück in die Hosentasche. Wenigstens hatte das Scrollen durch Instagram auf der endlos scheinenden Fahrt etwas abgelenkt. Der Bus kam langsam zum Halten und neben einer Vielzahl Mitfahrgäste unterschiedlichsten Alters stieg Julian gegenüber dem großen Gebäude aus. Fünf oder Sechs Stockwerke war es bestimmt hoch. Und dort drinnen war also die Praxis. Er atmete noch einmal tief durch und begab sich mit dem Pulk der anderen Menschen auf die gegenüberliegende Straßenseite. Alle steuerten das Ärztezentrum an. Offensichtlich auch alles Patienten, vielleicht auch Angestellte, er hatte kaum Lust sie im Rahmen von Smalltalk zu fragen. Und inständig hoffte er dass niemand in dieselbe Facharztpraxis wie er gehen würde. Es wäre peinlich genug ein Gesicht im Bus in der Praxis wiederzuerkennen. Das große Ärztezentrum war nicht seine erste Wahl aber eine andere gab es nicht. Als gesetzlich versicherter bekam er von allen niedergelassenen Urologen in der Stadt nur dieselben automatisierten Antworten. “Aufgrund fehlender Kapazität nehmen wir derzeit keine gesetzlich versicherten Patienten auf“. Und der Gedanke wurde immer quälender. Vor 4 Monaten nach dem Duschen hatte er sich seine Hoden abgetastet, wie es in der Infobroschüre seiner Versicherung empfohlen wurde. Und dann war er aufgetaucht. Ein kleiner unförmiger Knubbel im linken Hoden. Als er ihn ertastete blieb ihm für eine Weile fast das Herz stehen vor Schreck. Dann wurden natürlich sämtliche Symptome gegoogelt, was es nicht besser machte. Die „Eigendiagnose“ nach der Google Suche schwankte zwischen völlig unbedenklich und einem Jahr bis zu seiner Beerdigung. Deswegen hatte er am Folgetag alle Urologen im näheren Umkreis kontaktiert. Und eine einzige Praxis hatte geantwortet.

„Urologische Gemeinschaftspraxis Vogel, Kürchner und Kling.“

Hier hatte er zumindest einen Termin für in drei Monaten bekommen. Es schien ihm immer noch unverantwortlich drei Monate warten zu müssen, aber er wollte sich nicht beschweren und sagte dem angebotenen Termin zu.

Nun waren die drei Monate um und Julian machte die Schritte durch die große Glastür. Immerhin war im Foyer ein Plan des Treppenhauses ausgestellt. Lange müsste er also nicht suchen. Dritter Stock. Da er den Aufzug nicht finden konnte beschloss er Treppen zu steigen. Die paar Schritte mehr wären der Gesundheit bestimmt förderlich.

Erstes Stockwerk: Gynäkologie und Kinderwunschzentrum

Zweites Stockwerk: Prokotologie

Drittes Stockwerk: Urologie

Vor der Glastür kam er zum Stehen. Er könnte jetzt einfach nach Hause gehen. Anrufen und sagen er sei schwer erkältet und darum bitten den Termin zu verschieben. Doch seine innere Stimme sagte „Nein! Du hast 3 Monate auf den Termin gewartet! Sei vernünftig und geh jetzt da rein!“

So fasste er sich letztlich und betrat die Praxis. Das Ambiente war steril und sehr medizinisch aber zumindest in einem angenehmen warmen grünen Farbton eingerichtet. Ein langer Korridor war zu sehen von dem mehrere undurchsichtige Türen abführten. Behandlungsräume vielleicht ? Von hier aus waren sie nicht einsehbar, aber das beruhigte Julian immerhin. Er konnte nicht gebrauchen jetzt schon zu sehen was ihm möglicherweise blühte. So betrat er den Korridor und fand direkt zur linken Seite die Rezeption, wo ihn eine freundliche junge Sprechstundenhilfe begrüßte. Brünett, zierlich, höchstens Anfang 30.

„Guten Tag. Was kann ich für sie tun ?“

Julian fasste sich. Die angenehme Ausstrahlung der Sprechstundenhilfe machte es zumindest sehr viel leichter: „Ähm…Hi….Entschuldigung….ich meine….Guten Tag…“ und zückte zögerlich seine Versichertenkarte „Hoppe mein Name…ich hatte mich gemeldet wegen….naja…dem Befund“

Die Sprechstundenhilfe nahm die Karte entgegen und las sie in das Gerät ein. „Ah da haben wir es. Ausschluss Krebsdiagnose“ Ihr Lächeln wurde sichtbar wärmer. „Alles klar. Sie sind bei Doktor Kürchner eingeteilt. Sie kümmert sich da am häufigsten darum. Und sie kennt sich auf dem Gebiet sehr gut aus“

Julians Gedanken rasten: …….SIE…..er würde also von einer Frau untersucht werden!!! Darauf hatte er sich nicht unbedingt vorbereitet. Wäre das denn nicht irgendwie merkwürdig?

Schnell schüttelte er die Gedanken ab. „Blödsinn! Ich bin hier für meine Gesundheit da kann mir das Geschlecht egal sein.“

Die Worte der Sprechstundenhilfe rissen ihn wieder aus den Gedanken.

„Gut. So wie ich das sehe sind Sie zum ersten Mal bei uns. Ich würde Sie dann bitten einmal den Anamnese-Bogen auszufüllen. Setzen Sie sich dazu einfach ins Wartezimmer und kommen Sie dann wieder hier vor, wenn Sie fertig sind.“

Julian nahm den Bogen entgegen. Immerhin wurden die Patienten hier offensichtlich freundlich und respektvoll behandelt. So machte er sich entlang des Korridors auf und auf der ersten Tür prangte der Schriftzug „Wartezimmer“. Der Raum sah erwartungsgemäß aus. Ungefähr 15 Stühle und eine eher schlichte Einrichtung. Nur eine Garderobe, zwei surrealistische Bilder an der Wand und ein Beistelltisch mit Zeitschriften und Informationsbroschüren schmückten den Raum aus. Zwei ältere Herren, vielleicht Ende Fünfzig richteten ihre Blicke auf ihn, wandten sich dann aber schnell wieder ihren Zeitungen zu.

Julian setzte sich: „Großartig! Dreißig ist also wohl nicht unbedingt das Durchschnittsalter, um zum Urologen zu gehen. Hoffentlich halten die mich nicht für einen Spinner oder so.“

Er beschloss die Gedanken zum Schweigen zu bringen und wandte sich dem Anamnesebogen zu. Das meiste war Standardinformation. Alter, Beschwerden, vorhandene Operationen, Die Fragen nach Alkohol- oder Zigarettenkonsum, ob Schmerzen beim Wasserlassen vorlägen….Alles konnte schnell angekreuzt und ausgefüllt werden.

Dann kam das relevante Feld.

„Grund des Arztbesuchs.“

Julian fasste sich und schrieb in das Feld. „Ertastung einer Verhärtung nahe des Linken Hodens. Verdacht auf Hodenkrebs.“

Sollte er das so schreiben ? „Verdacht auf Hodenkrebs“….war das nicht etwas zu viel ?

Nein….schließlich machte er sich wirklich Sorgen und hoffte in dieser Praxis ernst genommen zu werden.

Er füllte den Rest des Fragebogens aus, bis sein Stift auf einem Feld hängen blieb.

„Erkrankungen der Prostata im Familienkreis“

War da nicht etwas? Richtig! Ein Onkel mütterlicherseits wurde mit 60 Jahren mit Prostatakrebs diagnostiziert. Es wurde früh entdeckt und eine OP hatte Abhilfe geschafft. Sollte er es erwähnen? Es war ja schließlich nur ein Onkel….Doch! Der Arzt sollte schließlich alle Daten für die Untersuchung haben.

So schrieb er in das Feld

„Verwandter mütterlicherseits: Prostatakrebs“

Der Bogen war fertig und er brachte ihn zurück zur Rezeption.

Die Sprechstundenhilfe blickte von ihrem Rechner auf.

„Wunderbar. Das ging schnell. Vielen Dank.“ Sie packte den Bogen beiseite und reichte ihm einen kleinen Plastikbecher.

„Vorne rechts ist die Herrentoilette. Bitte einmal eine Probe Mittelstrahlurin abgeben. Neben der Toilettenkabine ist eine Durchreiche. Danach können Sie ins Wartezimmer zurück. Wir rufen Sie dann auf.“

Julian nahm den Becher entgegen. Naja das war ja abzusehen. So machte er sich zur Toilette auf. Zumindest war der komplette Raum hygienisch sauber. Er ging nicht gerne außerhalb seiner Wohnung auf Toilette aber Arztpraxen hatten zumindest hohe Hygienestandards.

Die Abgabe der Urinprobe lief ohne Probleme, und er stellte sie in das Fach neben der Toilettenkabine. „Zumindest praktischer als mit dem Becher durch die ganze Praxis zu laufen“ dachte er sich. Nachdem er sich ausgiebig die Hände gewaschen hatte, kehrte er ins Wartezimmer zurück und setze sich. Die zwei Herren waren verschwunden. Er war wohl der nächste in der Reihenfolge. Gerade wollte er wieder sein Handy zücken um sich abzulenken, da kam schon die Durchsage: „Herr Hoppe…bitte Sprechzimmer 3. Herr Hoppe…bitte Sprechzimmer 3.“

Jetzt gab es also kein Zurück mehr. Er atmete noch einmal tief durch und verließ das Wartezimmer. Eine Tür weiter prangte eine große 3. Zögerlich nahm er die Klinke in die Hand und drückte sie herunter.

Fortsetzung folgt…..

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RectalEcho Vor 1 Woche 1