Lauras ungeplanter Zahnarzttermin
3-5c okklusal/distal und 3-6c mesial
Laura schlüpft leise wieder durch die Tür, das schon vertraute Pfeifen des Bohrers empfängt sie wie ein alter Bekannter.
Sophie liegt noch immer tief im Stuhl, die Beine hoch, das Gesicht bleich, die Augen glasig. Der Sauger schmatzt rhythmisch, Dr. Braun arbeitet mit ruhiger Präzision an den unteren Backenzähnen (3-6c mesial und 3-5c okklusal/distal).
Laura setzt sich wieder auf den Besucherstuhl, diesmal ganz vorne auf die Kante, die Ellbogen auf den Knien, das Kinn in den Händen.
Und sie grinst. Nicht mehr versteckt, sondern offen.
Sophie spürt den Blick sofort.
Durch den Tränenschleier hindurch sieht sie Laura, wie sie da sitzt, entspannt, fast genüsslich, und sie nickt ihr kurz zu, als wollte sie sagen:
„Na, alles klar da unten?“
Sophie kann nicht antworten, der Sauger, zwei Finger von Dr. Braun und jetzt auch noch eine Watterolle pressen ihren Kiefer auseinander, aber ihre Augen schreien förmlich:
„Hör auf zu grinsen, du Biest!“
Dr. Braun merkt nichts von dem stummen Drama.
„Fast fertig mit dem Unterkiefer“, sagt er nüchtern, „nur noch die Präparation erweitern, dann können wir füllen.“
Der Bohrer senkt sich erneut. Sophie zuckt zusammen, ein gedämpftes „Mmmh!“ entfährt ihr.
Laura beißt sich auf die Lippe, um nicht laut loszulachen.
Die Helferin wirft Laura einen kurzen, wissenden Blick zu, fast verschwörerisch, und Laura nickt zurück.
Die beiden verstehen sich ohne Worte.
Eine Minute später ist der Bohrer endlich still. Dr. Braun richtet sich auf, wischt sich die Handschuhe ab. „Matrizen. AM. 3-5, 3-6“, sagt er knapp zur Helferin, die nickt und sich ans Tablett macht.
Sophie, immer noch schwer atmend, liegt da und versucht, sich zu entspannen – so wie bei den Füllungen oben zuvor. Sie atmet tief durch die Nase, schließt die Augen, denkt: ‘Nur noch die Füllung, dann ist es vorbei. Wie bei den anderen.’
Die Helferin bereitet alles vor, während Dr. Braun die Matrizen setzt – Metallbänder, die sich um die Zähne schließen, festgeschraubt mit präzisen Drehungen. Sophie spürt den Druck, aber nichts weiter. Sophie entspannt sich allmählich, die Anspannung weicht einer dumpfen Erschöpfung. Ihr erschöpfter Blick fällt auf ihre Freundin Laura, die sich schon sichtlich von ihrer Behandlung erholen konnte.
“Keine Sorge, Soph, bald hast du es ja überstanden”, tröstet diese mit einem Hauch Belustigung in der Stimme.
In diesem Moment reicht die Helferin Dr. Braun wieder dieses komische gebogene Instrument und er presst die erste Portion Füllmasse in den aufgebohrten Zahn.
“Ach ja”, setzt Laura fort, “übrigens: Katrin hat mich angerufen, ich habe ihr gesagt, dass wir später ins Cafe kommen. Du kannst dich also freuen.”
Sophie nickt schwach, dankbar für die Info, während ihr Kopf durch den Druck des Zahnarztes immer wieder nach unten kippt.
Während die Helferin ihrem Chef den nächsten Amalgamträger hinhält, erwähnt sie beiläufig: „Aber denkt dran, nach der Füllung dürft ihr zwei Stunden nichts essen, bis das Amalgam ausgehärtet ist.“
Sophie erstarrt. Amalgam? Ihre Augen reißen auf, sie versucht, den Kopf zu drehen, aber die Kopfstütze hält ihren Kopf fest. „Mmmh? Weiß… bitte… weiße!“, presst sie heraus, so gut es geht, die Worte undeutlich durch den offenen Mund. Sie starrt Dr. Braun an, flehend.
Dr. Braun lacht leise, fast väterlich.
„Zu spät, meine Liebe. Ich arbeite hier ausschließlich mit bewährten Materialien. Amalgam hält ein Leben lang, und die Karies war tief. Weiße Komposite wären in diesen Fällen ohnehin nicht kassenkonform.“
Sophie schließt die Augen, sie möchte gleich losheulen.
Die Helferin tätschelt ihre Schulter, fast mitleidig: „Amalgam ist stabil, hält ewig - das ist wirklich das bessere Material, du wirst für diese Entscheidung dankbar sein.“
Laura lehnt sich zurück, verschränkt die Arme und flüstert: „Willkommen im Club, Prinzessin.“
Fünf Minuten später ist alles vorbei. Der Stuhl fährt hoch, Sophie darf spülen, sabbert dabei genau wie vorhin. Sie betrachtet die schwarzen Krümmel aus ihrem Mund mit anderen Augen: sind das Reste des Amalgams?
Dr. Braun steht auf und verabschiedet sich flüchtig: “Dann bis zum nächsten Mal”, verschwindet durch die Tür.
Mit ihrer Zunge betastet sie vorsichtig die neuen Plomben. Alles schmeckt metallisch. „Fünf Stück… Amalgam…“, murmelt sie fassungslos. „Ich hatte fünf Löcher… und jetzt das.“
“Ja, das nächste Mal besser früher kommen”, zwinkert die Helferin ihr zu, “und immer gut putzen!”. Sie nimmt ihr das Lätzchen ab.
Sie zwinkert. „Katrin wartet übrigens schon. Ich hab ihr gesagt, wir kommen ein bisschen später…“
Sophie bleibt stehen, starrt Laura an. „Was hast du ihr alles erzählt?“
Laura zuckt unschuldig mit den Schultern. „Nur das Wichtigste. Dass du auch noch behandelt werden musstest und dass es später wird.“
Sophie stöhnt, diesmal ohne Bohrer, nur aus tiefster Seele.
Laura lacht leise, hakt sich bei ihr unter und zieht sie zur Tür. „Komm schon, Bonusheft ist aktualisiert, Zähne sind saniert, und in zwei Stunden darfst du wieder essen. Und wenn du ganz lieb bist, erzähl ich Katrin vielleicht nicht, wie wehleidig du beim Bohren warst.“
Sophie sagt nichts mehr. Sie lässt sich einfach mitziehen, den metallischen Geschmack im Mund und ihre gerade durchlebte Demütigung. Laura summt leise vor sich hin, als sie die Praxis verlassen. Zum ersten Mal seit Langem fühlt sie sich nicht wie die mit den schlechten Zähnen. Heute ist sie einfach nur die, die schon wusste, wie es läuft. Und das fühlt sich verdammt gut an.
@sauers - guter Hinweis, dann werde ic…
Sehr schön! Ich hoffe, Sie erzählen auc…