Jana und der unfreiwillige Zahnarztbesuch
Jana und der unfreiwillige Zahnarztbesuch (Teil 1)
Das Wartezimmer ist karg und steril. Jana (22) sitzt auf einem Stuhl aus kühlem, glattem Kunstleder, der sich unter ihrem Gewicht leicht nachgibt, aber keine Wärme abgibt. Der Geruch von desinfiziertem Kunststoff liegt schwer in der Luft, vermischt mit dem muffigen Duft alter Zeitschriften, die auf einem niedrigen Tisch vor ihr ausgebreitet liegen. Ihre Hände liegen fest in ihrem Schoß, die Finger ineinander verschlungen, so fest, dass die Knöchel weiß hervortreten. Jeder Muskel in ihrem Körper ist angespannt. Es ist Jahre her, seit sie das letzte Mal in einem solchen Raum saß, und die Erinnerung an das high-pitched Kreischen des Bohrers lässt einen kalten Schauer über ihren Rücken laufen. Ihr Herz pocht gegen ihre Rippen, ein schneller, unregelmäßiger Rhythmus, der ihr den Atem raubt.
Sie ist 22 Jahre alt und hat es geschafft, jeden Zahnarzttermin zu vermeiden, seit sie das letzte Mal als Teenager gezwungen wurde, in diesen Stuhl zu sitzen. Die panische Angst ist eine constante Begleiterin, ein kalter Klumpen in ihrer Magengegend, der bei jedem Gedanken an den Bohrer, die Nadel oder einfach nur den Geruch der Praxis anschwillt. Doch ihr neuer Arbeitgeber, eine große Firma, die ihre Krankenversicherung vollständig übernimmt, hat ihr eine unausweichliche Aufforderung geschickt. Eine Untersuchung bei einer vertragszahnärztin ist obligatorisch. Sie hatte keine Wahl.
Die Tür zum Behandlungszimmer öffnet sich mit einem leisen, sanften Klick. Eine Frau tritt heraus, und Janas Blick haftet sofort auf ihr. Dr. Wagner, wie es auf dem Namensschild an der Tür steht, ist eine Frau in ihren Vierzigern. Ihr dunkles Haar ist zu einem strengen, makellosen Knoten im Nacken gebunden. Ein warmer, professioneller Lächeln liegt auf ihren Lippen, aber ihre Augen sind scharf und beobachtend. Sie trägt einen makellos weißen Kittel über einer einfachen blauen Bluse, und ihr Auftreten strahlt eine ruhige, unerschütterliche Autorität aus. Ihr Blick gleitet über die leeren Stühle und landet auf Jana.
„Frau Richter?“, fragt Dr. Wagner. Ihre Stimme ist ruhig und klar, ohne jegliche überflüssige Wärme.
Jana nickt, ihr Hals ist so trocken, dass sie kaum schlucken kann. Sie erhebt sich langsam, ihre Glieder fühlen sich schwer und bleiern an, als würde sie durch unsichtbares Wasser waten. Sie folgt der Zahnärztin durch die Tür, das leise Summen der Klimaanlage ersetzt die Stille des Wartezimmers. Das Behandlungszimmer ist genauso steril und kalt wie das Wartezimmer, vielleicht sogar noch mehr. In der Mitte steht der berüchtigte Stuhl, ein monstroser, weißer Kunststoffsessel, der wie eine Folterbank aussieht. Daneben ist ein kleines Waschbecken, und über ihr hängt eine große Lampe mit einem langen, gelenkigen Arm, der wie der Hals eines Raubtieres wirkt. Der Geruch ist hier intensiver, eine Mischung aus Chlor, Metall und etwas Süßlichem, das sie nicht identifizieren kann.
„Bitte, setzen Sie sich“, sagt Dr. Wagner und deutet mit einer bloßen Hand auf den Stuhl.
Jana zögert einen Moment, dann setzt sie sich. Die Kunstlederfläche ist kalt und glitschig unter ihren Oberschenkeln. Sie lehnt sich zurück, und der Stuhl lässt sich mit einem leisen Surren in eine liegende Position bringen. Sie starrt an die Decke, an die eine sterile weiße Platte montiert ist. Sie fühlt sich ausgeliefert, wie ein Insekt, das sich in einem Spinnennetz verfangen hat.
Dr. Wagner zieht sich Handschuhe über. Das dünne Latex knistert leise, als sie ihre Finger spreizt. Dann nimmt sie einen kleinen Spiegel und eine Sonde von einem metallischen Tablett. Die Instrumente klirren leise gegeneinander. „Machen Sie den Mund auf, bitte“, sagt sie.
Jana gehorcht, ihre Kiefer sind so fest zusammengepresst, dass es schmerzt. Sie muss sich Mühe geben, sie zu öffnen. Die kalte Metallspitze der Sonde berührt ihren Zahn, und ein Zittern läuft durch ihren Körper. Dr. Wagner ist konzentriert und systematisch. Sie bewegt den Spiegel, um jeden Winkel zu erreichen, ihre Berührungen sind präzise und ohne jede Sentimentalität. Jana schließt die Augen, versucht, an einen anderen Ort zu fliehen, aber die Geräusche um sie herum sind zu dominant. Das leise Zischen der Absaugung, das Klicken der Instrumente, das gleichmäßige Atmen der Zahnärztin.
Plötzlich hält Dr. Wagner inne. Die Sonde bleibt an einem ihrer Backenzähne haften. „Hm“, macht sie.
Janas Augen fliegen auf. Sie sieht das Gesicht der Zahnärztin über sich, eine Maske der professionellen Neutralität. „Was? Was ist das?“, fragt Jana, ihre Stimme ist nur ein heiseres Krächzen.
„Sie haben Karies“, sagt Dr. Wagner, ohne jeglichen Umschweif. Ihre Stimme ist so kühl und sachlich wie das Metall der Instrumente. „Und zwar ein ziemlich tiefes Loch im Zahn 46.“
Der kalte Klumpen in Janas Magen verwandelt sich in ein eisiges Gewicht. Karies. Das Wort hallt in ihrem Kopf wider, gefolgt von der unweigerlichen Konsequenz. Bohren. Ihr Herz rast, ihr Puls pocht in ihren Schläfen. Sie kann das high-pitched Kreischen bereits in ihren Ohren hören, ein Phantomgeräusch, das sie seit Jahren verdrängt hat.
„Wir müssen das sofort behandeln“, fährt Dr. Wagner fort und legt die Sonde beiseite. „Wenn wir warten, greift es auf die Nerv über, und dann wird es kompliziert. Und teurer.“
„Jetzt?“, flüstert Jana. „Sofort?“ Sie kann es nicht fassen. Sie hatte gehofft, vielleicht nur eine Reinigung zu bekommen, eine Ermahnung, und dann fliehen zu können.
„Ja, sofort“, bestätigt Dr. Wagner. Ihre Miene verändert sich nicht. Sie sieht keine Angst in Janas Gesicht, oder sie ignoriert sie einfach. „Wir haben noch Zeit. Es ist besser, es gleich zu erledigen.“ Sie dreht sich um und greift nach einer Spritze mit einer langen, dünnen Nadel. „Ich gebe Ihnen eine Betäubung.“
Die Nadel. Jana starrt auf das glänzende Metall, ihr Atem stockt. Panik steigt in ihr auf, heiß und erstickend. Sie will aufspringen, schreien, rennen. Aber ihr Körper ist gelähmt, gefangen in dem weißen Stuhl. Die Autorität der Zahnärztin erdrückt sie. Es gibt kein Entkommen.
Dr. Wagner tritt an die Seite des Stuhls, ihr Gesicht ist eine Maschine der Konzentration. „Öffnen Sie den Mund“, sagt sie wieder, diesmal mit einer Note der UnNachgiebigkeit in ihrer Stimme.
Jana zittert am ganzen Körper. Tränen brennen in ihren Augen, aber sie weigert sich, sie fallen zu lassen. Sie ist verletzlich und ausgeliefert, der Gnade dieser strengen Frau ausgeliefert, die keine Gnade kennt. Langsam, widerstrebend, öffnet sie ihren Mund. Die kalte Spitze der Nadel nähert sich ihrem Zahnfleisch, und sie schließt die Augen, bereit für den Stich und den Schmerz, der folgen wird. Die Behandlung beginnt, und es gibt kein Zurück mehr.
sehr gut und detailliert geschrieben, b…
oh je, vermutlich nicht gerade das, was…